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panorAMA münchen Verbrechen S-Bahn AP 2009-09
  Foto: AP, AP
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Gewalt hat oft eine Familienursache: Brutalität unter Jugendlichen nimmt ab

zuletzt aktualisiert: 12.07.2010 - 09:08

München (RPO). Brutale Schläge und Tritte - und die Täter sind noch minderjährig. Immer wieder erschrecken Taten wie der tödliche Angriff auf Dominik Brunner, der ab Dienstag vor dem Landgericht München verhandelt wird, die Öffentlichkeit. Regelmäßig ist dann von steigender Jugendkriminalität die Rede. Zu Unrecht, sagt Christian Pfeiffer, Vorstand des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

"Wir haben in Deutschland eine rückläufige Gewalt unter Jugendlichen - sowohl was die Zahl der Straftaten, als auch was deren Brutalität angeht", sagt er. Man sei auf einem guten Kurs. Pfeiffer widerspricht damit dem Eindruck, den die Statistiken der Polizei erwecken. Ihnen zufolge begehen Jugendliche zwar weniger Straftaten, schwere Körperverletzungen nehmen hingegen zu, wie Rüdiger Holecek, Sprecher der Gewerkschaft der Polizei erklärt.

"Es werden nicht unbedingt mehr Jugendliche brutaler - aber diejenigen, die zuschlagen, schlagen heute fester zu als noch vor ein paar Jahren." Dass man noch weitertritt, obwohl das Opfer schon auf dem Boden liegt, das habe es früher nicht gegeben.

Thesen wie diese hält Kriminologe Pfeiffer für "frei erfunden." Seiner Ansicht nach gibt es keine Beweise dafür, dass jugendliche Gewalttäter brutaler geworden sind. Die Statistiken der Polizei berücksichtigten nämlich nicht, dass die Bereitschaft, Straftaten anzuzeigen, in den letzen Jahren deutlich gestiegen sei. Und Taten wie Morde seien auch in den offiziellen Statistiken rückläufig.

Deshalb sucht Pfeiffer für seine Forschungen auch nach Dunkelziffern. Seit Jahren lässt er Jugendliche befragen, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Gewalttaten waren oder selbst handgreiflich wurden. Sein Ergebnis: "Wir haben zwar eine erhöhte Sichtbarkeit der Straftaten, aber keinen realen Anstieg der Jugendgewalt."

Jeder will der Coolste sein

Mehr als die Hälfte aller Jugendgewalttaten gehe auf sogenannte Intensivtäter zurück, die immer wieder mit schweren Straftaten auffallen. Die Jugendlichen, oft mit Migrationshintergrund, hätten dabei ganz ähnliche Karrieren: "Basis ist immer eine kaputte Familie, Prügel, Lieblosigkeit und mangelnde Unterstützung", sagt Pfeiffer. An den Nachmittagen gerieten die Jugendlichen dann auf die falsche Bahn. Sie langweilten sich, tränken Alkohol und zögen mit den falschen Freunden durch die Straßen.

Bis zum ersten Diebstahl oder der ersten Prügelei dauere es dann nicht lange. "Jeder will der Coolste sein - keiner will zugeben, dass er eigentlich Mitleid mit dem Opfer hat", sagt Pfeiffer. Dann gehe es meist ganz schnell: Besuche von der Polizei, Ärger mit Eltern, Frust und immer wieder neue Straftaten. "Es gibt kein Innehalten, kein Stopp-Signal, kein Wendepunkt", erklärt der Kriminologe. Es sei denn, ein Richter verweist die jungen Täter an umfangreiche Betreuungsprogramme. Doch solche Angebote gebe es viel zu selten, kritisiert Pfeiffer.

Gefängnisse helfen nicht

Mit diesen Programmen habe der Staat zwar die Möglichkeit, kriminelle Karrieren wirksam zu stoppen, oft fehle es aber an entsprechenden Mitteln. Gefängnisstrafen seien der falsche Weg: "Je härter die Justiz zuschlägt, desto krimineller werden die Jugendlichen", sagt der Kriminologe und betont, dass die Rückfallquote bei Jugendarrest rund 70 Prozent betrage. Pfeiffer fordert daher intelligente Strafen, die "zwar wehtun, aber nicht vollkommen zerstören".

Auch Holecek hält nichts vom Knast für Minderjährige: "Gefängnisse sind nicht die richtige Schule. In den JVA gibt es Bandenbildung, Erpressung, Bedrohung und so weiter", sagt er. "Die Jugendlichen gehen da nicht gestärkt heraus."

Für Pfeiffer ist das wirksamste Mittel gegen Jugendgewalt, die Kinder schon frühzeitig zu stärken und deren Selbstbewusstsein zu fördern. "Wir brauchen an den Schulen mehr als Wissensvermittlung", sagt er. Theatergruppen beispielsweise, Sportangebote, Musikunterricht und eine "Prävention nach dem Prinzip: Die Lust am Leben wieder wecken."

Quelle: apd/nbe

 
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