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500. Geburtstag
Calvin - Wegbereiter der modernen Gesellschaft

500. Geburtstag: Calvin - Wegbereiter der modernen Gesellschaft
Calvin als Statue von Denis Rousseau FOTO: AFP, AFP
Frankfurt/Main (RPO). Der 500. Geburtstag von Johannes Calvin ist weit mehr als ein Datum der Religionsgeschichte. Mit seinem straffen Lebensregiment hat der Genfer Reformator auch Kultur- und Zivilisationsgeschichte geschrieben. Von seinen Einflüssen kann sich niemand frei machen, kein Katholik und kein Atheist. Calvin war geistiger Wegbereiter der bürgerlich-modernen Gesellschaft. Von Peter Zschunke, Ap

"Strebt schon in der Zeit der Jugend nach Verdiensten, werbt, gewinnt, durch Geschäftigkeit und Tugend, die die besten Schätze sind, werdet angesehn und reich." So sang die reformierte Gemeinde der Kurpfalz in einem Kirchenlied des 18. Jahrhunderts. Auf dem von Calvin gelegten Fundament waren die reformierten Christen in Deutschland aufgerufen, den persönlichen Wohlstand zu vergrößern, um so sich selbst wie allen anderen zu zeigen, dass sie zu den "Auserwählten" gehörten.

Dies war ein Ergebnis von Calvins "doppelter Prädestinationslehre": Schon vor der Geburt, so glaubte Calvin, war dem Menschen von Gott entweder ewiges Leben oder ewiger Tod vorherbestimmt. Während die katholische Tradition den Menschen stets in Verbindung mit der Gemeinschaft sah, stellte der Calvinismus das Individuum ganz allein vor seinen Gott. Das konnte gut gehen.

Aber vielleicht gehörte man ja auch zu denen, die für die Verdammnis bestimmt sind. Und das war bereits im Diesseits zu erkennen. Ein anderes Lied im reformierten Gesangbuch der Kurpfalz von 1786 enthält den Vers: "Oft strafst Du hier den Sünder schon für seine bösen Taten und lässest ihn in Schmach und Hohn und andre Not geraten." Selbst schuld also - eine Einstellung, die auch heute weit verbreitet ist.

Den Einfluss der calvinistischen Ethik auf die Entstehung des Calvinismus haben vor gut 100 Jahren die Soziologen Werner Sombart und Max Weber untersucht. In seinem Werk "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" (1920) führt Weber aus, wie eine in bestimmten protestantischen Kreisen gepflegte Mentalität den Einzelnen dazu brachte, zum Ruhme Gottes den bürgerlichen Besitz zu erhalten und mit rastloser Arbeit zu vermehren. Eine direkte Kausalverbindung zwischen Calvinismus und Kapitalismus aber hat Weber nie behauptet.

Neue Einstellung zur Zeit

Wahrscheinlich waren die Wirkungen der Mentalitätsgeschichte auch sehr viel komplexer. Eine Schlüsselrolle nimmt die Einstellung zur Zeit ein. Die katholische geprägte Mentalität der traditionellen Gesellschaft hat den Menschen in der Gegenwart verankert. Gelebt wurde im Hier und Jetzt, ohne große Sorgen um das Morgen. Schließlich waren Heil und Lebenserfüllung nicht im Diesseits, sondern allein im ewigen Leben nach dem Tod zu finden. Ein Reflex dieser Einstellung ist heute noch in vielen lateinamerikanischen Gesellschaften zu erkennen, wo das "Mañana" alles bedeuten kann, nur nicht den konkreten morgigen Tag.

Das calvinistische Denken aber unterwarf die Zeit der menschlichen Verfügbarkeit. "Der ist klug, der seine Zeit nützlichen Geschäften weiht", heißt es in einem weiteren reformierten Kirchenlied. Der calvinistische Christ sollte im Glauben und in den äußerlich sichtbaren "Früchten seines Gnadenstands" von Tag zu Tag zunehmen. Damit kam ein neues planerisches Moment in den Alltag, der Kalender wurde wichtig.

Das diesseitige Leben verantwortungsvoll gestalten

Auch die lutherische Lehre betonte den Wert der Berufsarbeit, allmählich nahm das Bewusstsein zu, das diesseitige Leben verantwortungsvoll gestalten zu müssen. Damit gingen auch Modernisierungsschübe einher wie das Aufkommen der Familienplanung und eine Neubewertung der Arbeit von Hebammen, die im 18. Jahrhundert langsam den Rückgang der hohen Säuglings- und Müttersterblichkeit eingeleitet hat.

Das alles hat Calvin in seinem theologischen Werk und in seinen Konflikten mit der Stadt Genf bis zum Ende seines Lebens im Jahr 1564 kaum geahnt. Seine Einflüsse aber haben die Herausbildung der Moderne begleitet - und vermutlich ganz gegen den Willen Calvins - auch die Entwicklung zu einer säkularen Gesellschaft.

(AP)
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