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Blockaden in der Nacht
Castor-Zug erreicht Niedersachsen

Die Proteste gegen den Castor-Transport
Die Proteste gegen den Castor-Transport FOTO: AFP
Kassel/Göttingen (RPO). Der Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommülll hat am Sonntag nach Angaben der Polizei um 07.15 Uhr die Landesgrenze von Hessen nach Niedersachsen überquert und um kurz vor 9 Uhr Hannover erreicht. Auf seiner Fahrt von der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben zum dortigen Atommülllager musste er mehrmals wegen Blockaden anhalten. Am Morgen ist es zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Aktivisten gekommen.

Bei den Protesten im niedersächsischen Wendland ist es am Sonntagmorgen zu gewalttätigen Zusammenstößen gekommen, als die Polizei gegen eine sogenannte "Schotter-Aktion" von Atomkraftgegnern vorging. Auf einer Strecke von sechs Metern Länge hätten westlich von Leitstade (Landkreis Lüchow-Dannenberg) rund 250 Menschen die Steine aus den Gleisbetten entfernt, um den Transport zu behindern, sagte der Sprecher des Castor-Einsatzes der Polizei in Dannenberg, Markus Scharf. Die Polizei habe Schlagstöcke und Pfefferspray gegen die Gruppe angewendet. Die Aktivisten hätten ihrerseits die Polizeibeamten mit Signalmunition und Pyrotechnik angegriffen.

Der Sprecher der Aktion "Castor Schottern", Christoph Kleine, gab an, dass die Polizei auch mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Aktivisten vorgegangen sei. Der ganze Wald rings um die Bahnstrecke sei "voll mit Tränengas eingenebelt" worden. Die Polizeiaktion sei eine "direkte Wiederholung der Ereignisse von Stuttgart", sagte Kleine mit Blick auf das harte Vorgehen der Polizei Ende September bei den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21", bei dem zahlreiche Demonstranten teilweise schwer verletzt worden waren. Zu möglichen Verletzten in Leitstade lagen zunächst keine Angaben vor. Mit dem Unterhöhlen der am Sonntag nur für den Zug mit den Castor-Behältern freigegebenen Bahngleise wollen die Atomkraftgegner die Durchfahrt des Transports in Richtung Atommüllzwischenlager Gorleben verhindern.

Aktionen und Blockaden in der Nacht

Die Initiative "WiderSetzen" bietet nach eigenen Angaben ab 8 Uhr ein Aktionstraining an, aus dem heraus "Hunderte zu einer gewaltfreien Sitzblockade auf den Schienen aufbrechen wollen". Nach Angaben von "WiderSetzen" richtet sich ihr "ziviler Ungehorsam" gegen die Atompolitik der Regierung, nicht gegen die Polizei. "Wir achten die Beamten in Uniform, doch wir haben keine Bedenken, den verbotenen Demonstrationskorridor jeweils 50 Meter der Schiene zu betreten. Wenn es nötig sein wird, werden wir ruhig und entschlossen Polizeiketten durchdringen, um uns auf die Gleise zu setzen."

In den Camps der Atomkraft-Gegner rund um Gorleben stellte die Polizei am Morgen eine "starke Mobilisierungsbewegung" fest. Viele Menschen, teilweise schwarz gekleidet und vermummt, bewegten sich auf die Bahngleise zu, sagte der Polizeisprecher. So seien im Bereich Metzingen etwa 2000 Menschen zu der Bahnstrecke unterwegs. In den Camps sei zur Beteiligung am sogenannten Schottern aufgerufen worden, durch das die Bahngleise unterhöhlt werden und unbefahrbar gemacht werden sollen. Der Polizeisprecher wies darauf hin, dass es sich dabei um eine Straftat handele und die Polizei "der Lage angepasst einschreiten" werde.

"Castor Schottern"

Auf der Homepage von "Castor Schottern" heißt es: "Um auf die Strecke zu kommen werden wir gemeinsam Polizeiabsperrungen überwinden, umgehen oder durch sie hindurchfließen." Ziel ist demnach, "die Schiene unbrauchbar zu machen und nicht, die Polizei anzugreifen".

Der Sonderzug mit den elf Castor-Behältern war am frühen Morgen mit mindestens siebenstündiger Verspätung in Nordhessen unterwegs. Atomkraftgegener hatten den Zug mit hochradioaktivem gegen 03.45 Uhr gestoppt. Zwei Aktivisten hatten sich bei Morschen von einer etwa 75 Meter hohen Brücke bis auf wenige Meter über die Bahngleise abgeseilt. Zudem waren etwa 50 Personen auf den Gleisen. Nach Polizeiangaben musste der Castor-Zug, der vorsorglich von fünf Dieselloks begleitet wird, bereits zuvor in Bebra außerplanmäßig eine Stunde halten. Es wurde eine Lok ausgetauscht.

Bereits in Darmstadt war der mit 123 Tonnen Atommüll beladene Zug auf seiner Fahrt durch Hessen gestoppt worden. Am Bahnhof Kranichstein gelang es rund zehn Atomkraftgegnern, trotz Polizeiabsperrung auf die Gleise zu kommen.

Ob der Zeitplan eingehalten werden kann, wollte die Sprecherin nicht sagen. Nach dem bisherigem Plan sollen die Castoren im Verladebahnhof von Dannenberg auf Tieflader gehievt und das letzte Stück auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben gebracht werden. Dort wurde der Transport mit insgesamt 154 Tonnen hochradioaktivem Müll aus deutschen Atomkraftwerken für den frühen Montagmorgen erwartet. Der Zug war am Freitag in Frankreich gestartet.

McAllister: Lasten müssen verteilt werden

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) forderte im Deutschlandfunk eine gerechtere Verteilung der Lasten, die durch die Absicherung der Transporte entstehen. Er beklagte, dass sein Land zwar seine nationale Aufgabe erfülle, aber allein für die 20 bis 25 Millionen Euro aufkommen müsse, die der Polizeieinsatz je Castor-Transport koste. "Das ist und bleibt eine Ungerechtigkeit", sagte der CDU-Politiker. Die Polizei ist mit rund 17.000 Beamten im Einsatz.

McAllister befürwortete zugleich die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke, die der Bundestag mit schwarz-gelber Mehrheit beschlossen hat. Bei den Atomkraftgegnern hat diese Entscheidung allerdings die Proteste verstärkt: Nach Angaben der Veranstalter nahmen am Samstag an der zentralen Kundgebung in Dannenberg rund 50.000 Menschen teil - das wären so viele wie nie seit dem ersten Castor-Transport im Jahr 1995. Die Polizei ging dagegen lediglich von mehr als 25.000 Teilnehmern aus.

(apd/AFP/felt)
 
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