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Prozess in Kempten
Chronik der Todesserie von Sonthofen

Prozess in Kempten: Chronik der Todesserie von Sonthofen
Der Angeklagte muss sich wegen 29 ihm zu Last gelegter Tötungen verantworten. FOTO: ddp, ddp
Kempten (rpo). Der so genannte "Sonthofener Todespfleger" muss sich derzeit wegen der ihm zu Last gelegten 29 Tötungen von Patienten vor Gericht verantworten. Im folgenden noch einmal die eine Chronologie der Fälle.

Der 27-jährige Krankenpfleger Stephan L. wird damit für die größte Tötungsserie in der Kriminalgeschichte der Bundesrepublik verantwortlich gemacht.

Laut Anklage zogen sich die ihm zur Last gelegten Taten über eineinhalb Jahre von Februar 2003 bis Juli 2004 hin:

2003

6. Januar: Der damals 25-Jährige tritt seinen ersten Arbeitstag in der Klinik Sonthofen an.

2. Februar: Stephan L. soll dem todkranken Schlaganfall-Patienten Johann W. (82) gegen 19.30 Uhr einen tödlichen Giftcocktail gespritzt haben.

11. März: Der Pfleger soll der schwerst herzkranken Patientin Sabine L. (89) ein Atemlähmungsmittel verabreicht haben, an deren Folgen sie acht Stunden später stirbt.

12. März: In derselben Nachtschicht gibt L. laut Anklage dem Schlaganfall-Patienten Gerhard B. eine Todesspritze. Der 90-Jährige befand sich auf dem Weg der Besserung und sollte bald entlassen werden.

5. April: L. soll der im Sterben liegenden Krebspatentin Waltraud S. (40) ein tödliches Muskelentspannungsmittel gespritzt haben.

16. April: Edeltraud S. wird eine Todesdosis injiziert. Die 80-Jährige befand sich nach einer Lungenentzündung auf dem Weg der Besserung. L. hatte laut Anklage 40 Minuten zuvor erstmals Kontakt mit der Frau.

30. April: Der Krankenpfleger soll der nur Stunden zuvor eingelieferten Berta G. (80) eine Todesspritze gegeben haben. Die Patientin konnte kurz nach einem Schlaganfall wieder klar mit ihrer Tochter reden. L. war erst eine halbe Stunde im Dienst.

6. Mai: L. soll Erna R. eine Giftspritze verabreicht haben. Die 84-jährige hatte eine erfolgreiche Krebstherapie hinter sich, litt aber noch schwer unter deren Folgen.

31. Mai: L. soll den an Parkinson leidenden, aber geistig klaren Emil Z. (92) getötet haben, der wegen Fiebers eingeliefert worden war. L. hatte laut Anklage zuvor nichts mit dem Patienten zu tun.

3. Juni: L. soll den unter lebensbedrohlichen Folgen eines Schlaganfalls leidenden Franz M. (95) eine Giftspritze verabreicht haben. Am Vortag hatte er laut Anklage bereits einen Tötungsversuch unternommen.

4. Juni: L. soll der nach einem Sturz verletzten Bundeswehr-Soldatin Jana Z. unerlaubt eine Spritze gegeben haben. Eine Beschwerde der 22-Jährigen bei einem Klinikarzt bleibt folgenlos. Sie wird danach bewusstlos.

15. Juni: L. soll der im Sterben liegenden Godafrieda H. (75) eine tödliche Spritze verabreicht haben, ohne über ihren Gesundheitszustand Bescheid gewusst zu haben.

23. Juni: L. soll den 82-jährigen Schlaganfall-Patienten Hans R. 21 Stunden nach dessen Einlieferung getötet haben. Dessen Krankheitsverlauf war ihm laut Anklage nicht bekannt.

28. Juni: L. soll einer 79-Jährigen eine Todesspritze gesetzt haben, nachdem die Frau nach einem Selbstmord-Versuch unter einer unheilbaren Leberzersetzung litt.

14. August: L. soll Rosa F. umgebracht haben. Die herzkranke 82-Jährige befand sich auf dem Weg der Besserung befand.

28. August: L. soll Ferdinand K. getötet haben. Der 82-Jährige hatte einen Schlaganfall ohne geistige Schäden überstanden. In der Nacht zuvor hatte der Patient die Furcht geäußert, ihn wolle jemand umbringen.

30. September: L. soll die nach einem Schlaganfall schwer hirngeschädigte Regina E. (83) getötet haben.

2. Oktober: L. soll der lebensbedrohlich erkrankten Komapatientin Beatrix T. (48) eine tödliche Ampulle gespritzt haben.

18. November: L. soll den Schlaganfall-Patienten Konrad J. (84) getötet haben.

6. Dezember: L. soll den an einem Hirntumor im Endstadium leidenden Udo B. (59) am frühen Morgen eine Giftspritze gegeben haben.

Am selben Tag soll L. am Abend Eugen M. (92) getötet haben, der sich nach seiner Einlieferung mit einer Lungenentzündung auf dem Weg der Besserung befand.

2004

13. Januar: L. soll Luitpold S. (75) eine tödliche Lösung gespritzt haben, nachdem der schwer Krebskranke mehrfach den Wunsch zu sterben geäußert habe.

2. Februar: L. soll die schwer herzkranke Marianne T. (87) getötet haben. Über die Krankheit der Tags zuvor Eingelieferten war er nicht informiert.

14. Februar: L. soll Gertrud S. (79) eine Todesspritze verabreicht haben, nachdem sie nach einer Gallenblasen-Operation angeblich Todeswünsche äußerte.

28. Februar: L. soll den schwer kranken Hubert B. auf der Zimmertoilette getötet haben, nachdem er das Bett des 68-Jährigen reinigen musste.

27. März: L. soll die wegen Herzbeschwerden eingelieferte Ordensschwester Maria T. getötet haben. Die 70-Jährige war auf dem Weg der Besserung.

14. April: L. soll der nach einem schweren Hirninfarkt eingelieferten Hildegard G. (78) mit einer Injektion getötet haben.

4. Mai: Die Freundin von L. beschwert sich als Patientin über eine Bettnachbarin. Dieser soll L. ein Atemlähmungsgift gespritzt und dann mit künstlicher Beatmung gerettet haben.

27. Mai: In der Station von L. fallen Arzneidiebstähle auf.

24. Juni: L. soll die wegen Bauchschmerzen eingelieferte halbseitig gelähmte Erna H. (82) getötet haben.

25. Juni: L. soll der schwer nierenkranken Margarethe Z. (85) einen tödlichen Giftcocktail gespritzt haben.

27. Juni: L. soll dem unter einem Magen-Darm-Infekt leidenden Adolf K.(89) am Tag seiner Einlieferung eine Todesspritze verabreicht haben.

10. Juli: L. soll der Spanierin Pilar del R. einen Todescocktail gespritzt haben. Die 73-Jährige sollte nach der Genesung von einem akutem Atemnotsanfall in Kürze entlassen werden.

29. Juli: Die Polizei nimmt L. wegen Medikamentendiebstahls und ungeklärter Todesfälle fest. L. gesteht zehn Patienten-Tötungen.

16. August: Die Polizei teilt mit, dass der Krankenpfleger die Tötung von zwei weiteren Patienten zugegeben hat.

2. September: Stephan L. hat laut Polizeibericht vier weitere Tötungen gestanden.

2005

1. Februar: Die Kemptener Staatsanwaltschaft teilt mit, dass dem Krankenpfleger nach dem Ergebnis der Exhumierungen von Leichen weitere 13 und damit insgesamt 29 Tötungen zur Last gelegt werden.

15. September: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Stephan L. Darin werden ihm 16 Fälle von Mord aus niedrigen Beweggründen zur Last gelegt, weil er selbstherrlich über Leben und Tod entschieden habe. Zwölf Fälle werden als Totschlag gewertet, da sie als so genannte "Mitleidstötungen von Todkranken" betrachtet werden könnten. Ein Fall ist als Tötung auf Verlangen angeklagt. Zudem werden dem Pfleger einmal versuchter Totschlag und zwei Fälle der gefährlichen Körperverletzung sowie Diebstähle vorgeworfen.

2006

7. Februar: Der Prozess wird vor dem Landgericht Kempten eröffnet.

(ap)
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