| 18.40 Uhr

Umgang mit Missbrauch
CSU rüffelt die katholische Kirche

Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird?
Wie entdeckt man, ob ein Kind missbraucht wird? FOTO: AP
Regensburg/Wien (RPO). Scharfer Rüffel für die katholische Kirche: Politiker von CSU und FDP werfen ihr vor, die Meldepflicht bei Missbrauchsfällen bewusst unterlaufen und nicht ausreichend mit den Strafverfolgung kooperiert zu haben. Derweil wurden in Deutschland und Österreich zahlreiche weitere Fälle bekannt. Der Missbrauch-Skandal hat auch die Wiener Sängerknaben erreicht.

Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle rief die Kirche dazu auf, in Missbrauchsfällen künftig die Meldepflichten konsequent einzuhalten. "Wir haben leider erlebt, dass in der Vergangenheit kircheninterne Meldepflichten und die Vorschriften der Schulaufsicht, Straftatbestände sofort zu melden, bewusst unterlaufen wurden", sagte der CSU-Politiker Spaenle der "Passauer Neuen Presse".

Staatsanwaltschaft sofort einschalten

Auch die bayerische Justizministerin Beate Merk forderte im "Bayernkurier" die Kirche auf, bei sexuellen Missbrauchsfällen an kirchlichen Schulen sofort die Staatsanwaltschaft einzuschalten. Eine härtere Linie gegen Kindesmissbrauch forderte der CSU-Fraktionschef im bayerischen Landtag, Georg Schmid, von der Kirche. "Es ist ausschließlich Aufgabe der Staatsanwaltschaften und keiner anderen Institution festzustellen, ob es einen begründeten Verdacht gibt oder nicht", sagte der CSU-Fraktionschef.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler, äußerte im ZDF-"Morgenmagazin" die Hoffnung, dass die aktuelle Debatte auch eine präventive Wirkung habe. Diese ergebe sich jedoch auch aus einer Strafverfolgung - "und die ist in der Vergangenheit nicht rechtszeitig in die Wege geleitet worden", sagte der FDP-Politiker mit Blick auf die Kirche.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) kündigte für kommende Woche die Schaffung einer Arbeitsgruppe an, die über Konsequenzen und Prävention von Missbrauchsfällen in schulischen Einrichtungen beraten soll.

Zahl der Missbrauchsfälle an Odenwaldschule deutlich höher

Derweil zieht der Missbrauchsskandal an der reformpädagogischen Odenwaldschule immer weitere Kreise. Wie Schulleiterin Margarita Kaufmann berichtete, hat sich die Zahl der beschuldigten Lehrer seit Wochenbeginn von drei auf acht erhöht. Zwei der fraglichen acht Lehrer seien inzwischen tot. Die übrigen Beschuldigten seien der Staatsanwaltschaft gemeldet worden und erhielten in der Schule Hausverbot. Der letzte der fraglichen Pädagogen habe das Internat 2003 verlassen.

Mittlerweile hätten sich 33 Missbrauchsopfer bei der Schule gemeldet, rund 40 Prozent davon ehemalige Schülerinnen. "Wir sind beschämt, was in unserer Schule jungen Menschen angetan worden ist", sagte Kaufmann unter Tränen: "Die Odenwaldschule hat große Schuld auf sich geladen und nichts wird diese Schuld von ihr nehmen."

Neue Verdachtsfälle in Baden und Sachsen

Am Internat der Evangelischen Kirche im badischen Gaienhofen hat es ebenfalls sexuelle Übergriffe gegeben. Wie die Landeskirche mitteilte, wurden nach derzeitigem Kenntnisstand insgesamt fünf Heimerzieher und Lehrkräfte seit Anfang der 60er Jahre entlassen, weil ihnen sexueller Missbrauch oder Besitz von Kinderpornografie vorgeworfen wurde.

Weitere Hinweise auf sexuellen Missbrauch gibt es in einem Heim für Kinder und Jugendliche im sächsischen Eilenburg. Wie die "Leipziger Volkszeitung" berichtet, melden sich immer mehr Betroffene.

Missbrauchs-Skandal in Österreich weitet sich aus

Auch in Österreich weitet sich der Skandal um den Missbrauch durch katholische Priester aus. Nach schweren Anschuldigungen wurden drei Patres des Stiftes Kremsmünster ihrer Ämter enthoben, wie die österreichische Nachrichtenagentur APA berichtete. Auch in anderen Teilen des Landes meldeten sich weitere mutmaßliche Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen.

Auch die Wiener Sängerknaben sind offenbar von dem Skandal betroffen. Zwei ehemalige Mitglieder des Knabenchors sagten in einem Vorabbericht der Wiener Tageszeitung "Der Standard", sie seien Opfer sexueller Übergriffe geworden. Zudem hätten sie Misshandlungen von Mitschülern beobachtet. Den Verdacht auf Missbrauch gibt es auch beim Chor der Regensburger Domspatzen.

Duschrituale in Anwesenheit von Erziehern

Ein ehemaliger Wiener Sängerknabe beschrieb in der Zeitung sogenannte Duschrituale in Anwesenheit von Erziehern. Diese hätten den nackten Schülern laut Tipps zum Waschen der Genitalien gegeben. Während einer Konzertreise sei er im Alter von neun Jahren von einem älteren Schüler zu oralem Sex gezwungen worden, sagte der heute 33-Jährige.

Ein zweiter Schüler der traditionellen Gesangsschule sagte, er selbst sei von einem Kapellmeister belästigt worden. Auf einer Tournee in den USA habe er gesehen, wie ein Erzieher einem Kind, das nicht essen wollte, mit Gewalt den Mund aufgerissen und Essen hineingestopft habe, sagte der 51-Jährige gegenüber der Zeitung. Beide ehemalige Zöglinge sprechen von einer "Terror- und Angstatmosphäre" und autoritären Strukturen. Sie hätten aus Angst vor dem politischer Einfluss ehemaliger Sängerknaben zu den Übergriffen geschwiegen. Die Vorwürfe betreffen Vorfälle in den 1960er und 1980er Jahren.

(AP/RTR/nbe)
 
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