| 16.37 Uhr

Flüchtlinge
Das Paradies hat einen Namen: "Almaniya"

Flüchtlingskinder: "Ich muss nach Deutschland, um zu leben"
Flüchtlingskinder: "Ich muss nach Deutschland, um zu leben" FOTO: afp, ak-iw
Budapest. Fast alle Flüchtlinge, die derzeit über Serbien und Ungarn kommen, wollen nach Deutschland. Doch was wissen sie eigentlich über dieses "gelobte Land" und seine Menschen?

Amer Omar (22) hat ein Ziel. Es heißt "Blavild" und liegt irgendwo in "Almaniya". Dieses wunderbare "Almaniya" ist nicht nur für den Jesiden aus dem irakischen Sindschar-Gebirge ein Sehnsuchtsort, sondern auch für Tausende von Arabern, Kurden, für Menschen aus Afghanistan und aus Afrika, die hier am Ostbahnhof in Budapest anstehen. Sie alle wollen mit dem Zug bis zur österreichischen Grenze fahren und dann gleich weiter. "Almaniya" ist Deutschland und "Blavild" entpuppt sich später als "Bielefeld". Dort hat ein Onkel von Omar eine Teestube. Wie sich Omar das Leben in Deutschland vorstellt? Nun, allemal besser als im Irak, wo er zuletzt als Kämpfer bei den kurdischen Peschmerga war. 

Auch sein Freund Dilan Lokman (18) war Peschmerga. Der Junge aus der irakischen Kurden-Stadt Suleimanija sagt: "Sold bekam ich nur jeden dritten Monat, weil ich der falschen Partei angehöre, meine Kalaschnikow und die Uniform musste ich von meinem eigenen Geld kaufen." Die Waffen, die Deutschland für den Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an die kurdischen Einheiten geliefert habe, habe er an der Front nicht gesehen. "Die sind bei den Leibwächtern und anderen Spezis der Parteifunktionäre gelandet", behauptet Dilan Lokman. Er will bei einem Onkel arbeiten, der in Deutschland einen Frisörsalon betreibt. Über die deutsche Gesellschaft weiß er praktisch nichts. Das ist für ihn auch nicht so wichtig. Er sagt: "Besser als Irakisch-Kurdistan ist es allemal, denn bei uns herrscht Korruption und es gelten keine Gesetze."

Fotos: Flucht zu Fuß von Budapest nach Österreich FOTO: dpa, ase

Nadine und ihr Bruder halten sich am Bahnhof abseits. Die Grundschullehrerin aus Syrien ist mit ihren drei Kindern und ihrem Bruder, einem Mikrobiologen, unterwegs. Sie ist sportlich elegant gekleidet. Auf ihrem Haar sitzt eine Brille von "Chanel". Nadine berät sich mit ihrem Bruder. Sie fragt ihn: Sollen wir wirklich mit diesen vielen Menschen aus aller Herren Länder in den Zug steigen, oder nicht doch besser ein Taxi nehmen? Ein ungarischer Taxifahrer hat ihnen gesagt, für 3000 Euro könne er sie bis zur Grenze fahren. Nadines Mann arbeitet seit einem halben Jahr in Somalia als Anästhesist. Er hat ihr Geld in die Türkei geschickt - für die Reise. 

"Wir sind nicht arm und wir wollen auch kein Almosen, sondern nur Sicherheit", sagt sie. Ihren vollständigen Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen, "weil ich mich schäme, so als Flüchtling zu reisen". Sie hofft, dass ihr Bruder und ihr Mann, der später nachkommen will, beide in Deutschland Arbeit finden werden. "Ärzte werden in Deutschland gebraucht, habe ich gehört", sagt die Mittdreißigerin. Mit ihrem Outfit würde sie in einem deutschen Tennisclub weniger auffallen als hier unter den Verzweifelten und den Glückssuchern. Doch auch sie ist wie die anderen mit einem überfüllten Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland übergesetzt.

Fotos: Flüchtlinge stürmen Budapester Bahnhof FOTO: ap

Nadine ist sunnitische Muslimin und stammt aus Deir az-Zor, einer Stadt in der Nähe der irakischen Grenze. Dort hat sich die Terrormiliz IS eingenistet. Einige Gebiete kontrollieren die Armee und die mit Präsident Baschar al-Assad verbündeten Milizen. Seit Jahren ist sie nicht mehr dort gewesen. Zuerst lebte die Familie in Damaskus.

Die Familie Haddad lebte in der syrischen Provinz Idlib zwar in bescheideneren Verhältnissen, aber - bis zum Krieg durchaus zufrieden. Sie hatte ein eigenes Haus, ein Auto und Möbel, die verkauft wurden, um den Schlepper zu bezahlen. In ihrer Heimatstadt Maarat Nasrien gibt die Al-Nusra Front jetzt den Ton an, eine Gruppe, die lose mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbandelt ist. Das war aber nicht der Grund für die Flucht der Haddads.

Fotos: Flüchtlinge stranden am Bahnhof in Bicske FOTO: dpa, ase sh

"Wir sind weg, weil die Luftangriffe kein Ende nahmen, viele Mitglieder unserer Großfamilie sind umgekommen", sagt Dalia Haddad (29). Für die schüchterne Frisörin ist es die erste Reise außerhalb Syriens. Über ihr Traumziel Deutschland weiß sie nicht viel, nur, "dass man dort mit Respekt behandelt wird und dass der Familiennachzug dort schneller funktioniert als anderswo". Das ist für Haddad, die ihre Eltern in Idlib zurückgelassen hat, besonders wichtig. Als sie über ihre Mutter spricht, fließen Tränen.

Ihr Cousin Jussif (23) ist dagegen bester Dinge. Er ist heilfroh, dass er Syrien verlassen hat. Der junge Mann mit dem akkurat gestutzten Bart dreht sich in der Unterführung vor dem Bahnhof eine Zigarette. Er sagt: "Der Druck auf mich war gewachsen, erst musste ich aufpassen, weil sie mich zum Militärdienst holen wollten. Dann kamen die Regimegegner und wollten, dass ich mit ihnen kämpfe. Aber ich wollte nicht." Einen Schulabschluss hat Jussif Haddad nicht. Er hat in einer Werkstatt gelernt, wie man Türen und Fenster mit Aluminium-Rahmen herstellt und einbaut. 

Auch Umajun Sachizada aus Afghanistan sagt, er wolle nach "Almaniya". Wo das genau liegt, weiß er nicht. Auch mit den Bundeswehr-Soldaten, die einst in seine Heimatstadt kamen, hatte der Polizist aus Mazar-i-Scharif nie Kontakt. Seine Frau sitzt mit den vier Töchtern auf einer Bank im Bahnhofsgebäude. Sie telefoniert kurz mit entfernten Verwandten, die ihr Hilfe angeboten haben. Die seien in Deutschland, sagt die junge Mutter. Dann spricht sie in ihr Telefon und schreibt eine Nummer auf. Sie hat ihre Angehörigen gefragt, wie denn der Ort heißt, an dem sie leben. Sie sagten ihr: Er heißt "Schweiz".

(dpa)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Darum wollen Flüchtlinge nach Deutschland


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.