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Schattendasein
Das Leben der Geliebten

Düsseldorf (RP). Nach neuen Erhebungen haben rund 1,5 Millionen deutsche Frauen eine Affäre mit einem vergebenen Mann – und das oft über Jahre. Sie führen ein Schattendasein, immer in der Hoffnung, dass sich der Mann für sie entscheidet. Doch nur selten wird aus der Liebschaft eine Partnerschaft. Von Tina Stockhausen

Als sie den Ring entdeckte, war es längst zu spät. "Bist du verheiratet?" Er musste nicht antworten, sein Blick reichte. Sie hatten sich ein paar Mal in Düsseldorf getroffen, nur eine Nacht miteinander verbracht. Marco kam aus München und war dienstlich oft in Düsseldorf. "Ich wollte ihn nicht wiedersehen." Dann kam eine Mail. Sehr lang – und sehr persönlich. Katja S. zögerte, dann antwortete sie. Die Mails flogen hin und her, sie telefonierten, er besuchte sie in Düsseldorf. Und plötzlich war sie Geliebte. "Nie hätte ich gedacht, dass ich mal an einen verheirateten Mann gerate."

Doch Katja S., die anonym bleiben möchte, ist bei weitem kein Einzelfall. Nach Statistiken leben rund 1,5 Millionen Frauen in Deutschland als Geliebte – und führen damit ein Schattendasein an der Seite eines vergebenen Mannes. Etliche heimliche Liebschaften halten Jahre, manche Jahrzehnte. Der Göttinger Paartherapeut Ragnar Beer hat herausgefunden, dass rund 60 Prozent der Verhältnisse länger als einen Monat dauern, davon wiederum die Hälfte länger als ein halbes Jahr.

Die Gründe für die Affären sind vielfältig. "Wer betrügt, versucht, etwas zu bekommen, was in der Partnerschaft fehlt", sagt Paartherapeut Rüdiger Stellberg aus Neuss. "Da spielt Sex natürlich oft eine große Rolle, aber auch das Beisammensein, die langen Gespräche."

Trotzdem sind die wenigsten Betrüger und Geliebten glücklich mit der Situation. "Vor allem die Geliebte muss zurückstecken." Paartherapeutin Claudia Sies glaubt nicht, dass viele Frauen in dieser Konstellation dauerhaft glücklich sind. "Sie muss sich mit einem halben Mann zufrieden geben." Tatsächlich wünschen sich rund 70 Prozent der Geliebten eine gemeinsame Zukunft. Doch in nur zehn Prozent der Fälle zerbricht die Ehe. "Die Bindung zur Ehefrau ist meist stärker, weil sie länger besteht." Und so entscheiden sich die meisten Männer wie Landwirtschaftsminister Horst Seehofer: für Frau und Familie, gegen die Freundin.

Er liebt nur sie. Das hatte Marco immer beteuert. "Er hat gesagt, dass er sich trennen würde, wenn da nicht die Kinder wären." Und das Geld, das Einfamilienhaus, der Freundeskreis. "Männer merken schnell, dass eine Trennung nicht so einfach ist", erklärt Sies. "Neben der Angst vor Streit spielen ökonomische Gründe und der mögliche Ansehensverlust eine Rolle." Vor allem konfliktscheue Menschen würden zum Betrug neigen, da sie Probleme in der Partnerschaft nicht offen ansprechen. "Dementsprechend schwer fällt es ihnen, der Ehefrau alles zu gestehen."

Barbara Unterberger hat sich nie Hoffnungen gemacht. Jahrelang hatte die 44-Jährige eine Affäre mit einem verheirateten Mann. "Betrug ist alltäglich geworden, so bitter das ist." Sie betreut heute eine Homepage. Auf www.diegeliebte.de können sich Frauen über ihre Rolle als Geliebte austauschen. Rund 2,6 Millionen Besucher haben die Seite bereits angeklickt. "Die meisten Frauen leiden unter der Situation."

Weihnachten war grauenvoll. Katja S. saß mit ihrer Mutter vor dem Tannenbaum und malte sich aus, wie Marco mit seiner Frau und den Kindern Geschenke auspackt. "Schrecklich." Silvester verbrachte sie auf einer Party – die einzige ohne Begleitung. Sie wollte nur, dass die Feiertage endlich vorbei sind, und er sie wieder besuchte.

"Die schönen Momente sind zu selten, als dass sie die einsamen Abende aufwiegen könnten", sagt Barbara Unterberger. Trotzdem konnte sie das Verhältnis nicht beenden – bis es aufflog. Katja S. wartete nicht so lange. Nach einem Jahr stellte sie Marco vor die Wahl – und verlor. "Trotzdem war es richtig." Auf eine Affäre würde sie sich nicht noch mal einlassen. Genau wie Unterberger. "Da müsste ich schon sehr vernagelt sein."

Quelle: RP
 
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