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Düsseldorfer Neonazi-Terrorhelfer: Das Leben des Carsten S.

VON P. STEMPEL, D. SCHÜLBE, J. WIEFELS UND S. GEILHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 25.02.2012 - 09:29

Düsseldorf (RPO). Er hatte sich zu seiner rechtsextreme Vergangenheit bekannt, doch dass er in die Machenschaften der Zwickauer Neonazi-Gruppe verwickelt war, hatte sein Umfeld offenbar nicht geahnt. Nun hat Carsten S. gestanden, dass er der Terrorzelle jene Waffe besorgt hat, mit der die Mordserie verübt worden war. Doch auch laut dem Generalbundesanwalt hat er "glaubhaft" erklärt, dass er sich von der rechtsextremen Szene losgesagt hat.

Carsten S. ging mit seiner Vergangenheit in der rechten Szene offen um. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool
Carsten S. ging mit seiner Vergangenheit in der rechten Szene offen um. Foto: Sergej Lepke / WAZ Fotopool

Carsten S. – er ist der elfte mutmaßliche Unterstützer der Terrorgruppe. Ende des vergangenen Jahres fiel im Zusammenhang mit den Ermittlungen auch sein Name. Der "Spiegel" berichtete unter Berufung auf geheime Dokumente des Verfassungsschutzes von einem Verbindungsmann in NRW. Carsten S. habe als Kontaktperson in den Untergrund fungiert und Geldtransfers nach Sachsen für das Leben in der Illegalität organisiert.

Ohne Vorwarnung hatten die Spezialkräfte der GSG 9 schließlich Anfang Februar in Düsseldorf-Oberbilk zugeschlagen und Carsten S. festgenommen. Der Vorwurf: Beihilfe zu sechs Morden und Beschaffung einer Waffe für die Neonazizelle. Letzteres scheint nun gesichert.

Denn laut dem Anwalt von Carsten S. hat sein Mandant umfassend ausgesagt. Die Handfeuerwaffe, die er Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt besorgte, sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" die Ceska, mit der die zehn Morde verübt worden waren. Jene Morde, die zehn Jahre ungeklärt blieben, jene Morde, die nun auch Carsten S. zum Verhängnis werden, der sich von seiner Vergangenheit längst losgesagt haben will.

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Bei der Aids-Hilfe gearbeitet

Denn in Düsseldorf lebte er nach außen bereits ein ganz anderes Leben, offen schwul, mit seinem Partner in einer Altbauwohnung im Multi-Kulti-Viertel Düsseldorf-Oberbilk. Der 31-Jährige arbeitete seit 2005 bei der Aids-Hilfe. Dort sah man in ihm einen netten, zuverlässigen Mitarbeiter. Unter anderem half er dort homosexuellen Opfern von Mobbing, Stalking oder Gewalt am sogenannten "Schwule Überfall-Telefon". 

2003 war er von Jena nach Hürth bei Köln umgezogen, ging dann im Herbst nach Düsseldorf, um dort an der Fachhochschule zu studieren - Sozialpädagogik. Offensichtlich wussten auch die Mitarbeiter bei der Aids-Hilfe um seine rechtsradikale Vergangenheit und den darauf folgenden Ausstieg. Carsten S. soll daraus nie einen Hehl gemacht haben. Auch Carsten S.' Anwalt, Jacob Hösl aus Köln, hat Verbindungen zur Aids-Hilfe. In der Domstadt hat er den Ruf eines Urgesteins der Aids-Hilfe. Der Chef der Aids-Hilfe wollte ihm eine neue Chance geben, inzwischen hat man sich aber von dem 31-Jährigen getrennt.

Ende Januar dieses Jahres aber sah sich Carsten S. gezwungen, in die Offensive zu gehen. Über seinen Anwalt ließ er eine Erklärung herausgeben. Sein Mandant habe von den Straftaten der Zwickauer Terrorzelle nichts gewusst und sei über deren Aktivitäten extrem erschrocken, sagte damals sein Kölner Anwalt Jacob Hösl. Er habe noch nicht einmal von dem Sprengstofff und in einer Jenaer Garage gewusst, nachdem das Trio 1998 untergetaucht war. Von Ermittlungen gegen seinen Mandanten sei ihm nichts bekannt.

"Ich bin im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen. Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut", teilte Carsten S. über seinen Anwalt mit. Nach 2000 habe er keinen Kontakt mehr zur rechten Szene gehabt.

Mitglied des "Thüringer Heimatschutz"

Die Waffe, so sagt sein Anwalt, soll er dem Neonazi-Trio zwischen Herbst 1999 und Sommer 2000 besorgt haben. Nach den Erkenntnissen war er zudem in den Jahren 1999 und 2000 im rechtsextremistischen "Thüringer Heimatschutz" aktiv. Zudem soll er mit Ralf Wohlleben, einem der profiliertesten Hetzer der Nazi-Szene, zusammengearbeitet und mit ihm das Terror-Trio unterstützt haben. Von Wohlleben soll auch das Geld für die Waffe stammen, für die das Neonazi-Trio nach einem Medienbericht 2500 Mark zahlte und die offenbar von Tschechien zu einem Händler in die Schweiz ging.

Wie auch im Fall Wohlleben führt die Spur von Carsten S. mitten in die Reihen der NPD. Er soll laut Spiegel in seiner Thüringer Zeit als stellvertretender Landesvorsitzender der NPD-Nachwuchsorganisation "Junge Nationaldemokraten" eine offizielle Führungsfunktion bekleidet haben. In Blogs ist zudem davon zu lesen, dass er in seiner Zeit in Jena auch Kreisvorsitzender gewesen sein soll.

Carsten S. will im Jahr 2000 mit all dem Schluss gemacht haben, doch laut den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft pflegte er bis ins Jahr 2003 Kontakte in rechtsradikale Kreise. Waffe und Munition für das Terror-Trio soll er erst 2001 oder 2002 besorgt haben. Allem Anschein nach war Carsten S. während seiner Nazi-Zeit alles andere als ein kleines Licht.

Gescheiterte Kandidatur für Schwulenreferat

In Düsseldorf aber hatte der Verfassungsschutz keine Erkenntnisse über Carsten S. Er soll seit seinem Umzug nach NRW keinerlei Kontakte zur rechtsextremen Szene gehabt haben. Seine Vergangenheit aber wurde schnell Thema. So hatte ein alternatives Stadtmagazin diese im Jahr 2004 zum Thema gemacht und so seine Wahl ins Schwulenreferat der Düsseldorfer Hochschulen verbaut. Carsten S. zog daraufhin seine Kandidatur zurück. 

Dass er etwas mit der Zwickauer Gruppe zutun haben könnte, hat offenbar niemand geahnt. "Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, dass dieser Typ überhaupt mal Nazi gewesen sein soll", sagte einer aus dem linken Spektrum, mit dem der 31-Jährige über seinen Ausstieg gesprochen hatte. Doch jetzt sitzt er in Untersuchungshaft und ist ein weiteres Puzzle-Teil rund um die zehn Morde an Migranten und einer Polizistin. Carsten S. wird sich nun auch vorwerfen lassen müssen, warum er nichts dazu beigetragen habe, die Terrorzelle auffliegen zu lassen. Das hätte seinen Ausstieg wohl glaubhafter gemacht.

 

Quelle: pst/csi/felt/caf/das/csr
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