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Amoklauf von Winnenden: Das Phänomen Trittbrettfahrer

zuletzt aktualisiert: 14.03.2009 - 10:27

Düsseldorf (RPO). Seit dem Amoklauf von Winnenden hat die Polizei allein in NRW fast 60 Ankündigungen von Bluttaten registriert. In Ennepetal wurde ein 17-jähriger Gymnasiast wegen einer Amok-Drohung festgenommen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dafür drohen dem Schüler bis zu drei Jahre Haft.

In dem Zimmer des 17-Jährigen wurden Chemikalien und Bauanleitungen für Sprengsätze gefunden – unter anderem 30 Gramm Schwarzpulver, rund 200 China-Böller und Glyzerin. Ein Polizeisprecher sagte, das Material hätte ausgereicht, um Sprengsätze zu bauen. Der Jugendliche soll seine Tat für den 20. April angekündigt haben, den zehnten Jahrestag des Schulmassakers von Littleton in den USA. Er habe aber bestritten, dass er die Ankündigung ernst gemeint habe, teilte Landrat Arnim Brux mit.

In Remscheid hat das Amtsgericht einen 16-jährigen Hauptschüler zu einer sofortigen zehntägigen Arreststrafe verurteilt. Er hatte am Mittwoch einen Amoklauf angedroht: Er werde mit einer Panzerfaust in der Schule erscheinen und dort "gegen alle kämpfen". Die Schulleitung informierte die Polizei. Bei der Durchsuchung des Jugendlichen wurde ein Butterfly-Messer entdeckt.

Im Kreis Olpe entdeckten zwei Schülerinnen einer Hauptschule in Wenden auf einer Kommunikationsplattform für Schüler im Internet einen verdächtigen Eintrag. Autor des Online-Eintrags war ein 17-jähriger Mitschüler. Der wegen Krankheit fehlende Schüler wurde zu Hause von der Polizei aufgesucht. Obwohl es sich bei der Drohung wohl nur um einen Scherz handelte, wurde ein Strafverfahren wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten eingeleitet.

Die Polizei im niedersächsischen Schneverdingen hat am Freitagmorgen einen 21-jährigen Trittbrettfahrer festgenommen. Dieser hatte am Vorabend in einem Internetchat einen Amoklauf an einer Schule angedroht, wie ein Polizeisprecher in Soltau mitteilte. Zusammen mit Freunden habe er sich "nur einen Spaß" machen wollen, gab der Mann demnach bei seiner Festnahme an

Auch im Ausland Trittbrettfahrer

In den Niederlanden hat die Polizei einen 18-Jährigen festgenommen, der im Internet einen Amoklauf in einer Schule in Breda angekündigt hatte. Der junge Mann sei am frühen Freitagmorgen in seinem Haus in Rijsbergen festgenommen worden, hieß es aus Polizeikreisen. Der 18-Jährige gab zu, die Ankündigung auf einer US-Internetseite verfasst zu haben, machte aber keine Angaben zu seinen Beweggründen. Die Ermittler hatten nach Entdeckung der Warnung den jungen Mann über die sogenannte IP-Adresse ausfindig gemacht, über die einzelne Nutzer beziehungsweise Computer zu identifizieren sind.

Auch in Frankreich hat sich ein Trittbrettfahrer im Internet einen schlechten Scherz erlaubt. Der 18-Jährige drohte damit, ein Blutbad in einer Schule in Le Raincy bei Paris anzurichten, wie die Polizei am Freitag mitteilte. "In Le Raincy wird Blut fließen, ich habe Waffen", schrieb er demnach am Donnerstagabend. Nach einem Hinweis des Internetbetreibers wurde der junge Mann am frühen Freitagmorgen festgenommen. Er gab laut Polizei an, "aus Spaß" gehandelt zu haben. In seiner Wohnung wurden keinerlei Waffen gefunden. Ihm drohen nach französischem Recht bis zu zwei Jahre Gefängnis und 30. 000 Euro Geldstrafe.

Was müssen Trittbrettfahrer befürchten?

Wer Straftaten androht, die den öffentlichen Frieden stören, macht sich strafbar. Erfasst ist ein langer Katalog von Delikten wie Mord, Totschlag, schwere Körperverletzung, Raub sowie schwerer Landfriedensbruch und gemeingefährliche Vergiftung. Gemäß Paragraf 126 des Strafgesetzbuchs können Richter dafür bis zu drei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe verhängen. Ebenso wird bestraft, wer wider besseres Wissen Straftaten vortäuscht - also etwa eine Bombendrohung verbreitet, um schulfrei zu bekommen.

Schutzgut der Rechtsnorm ist der "öffentlichen Frieden", also das Vertrauen der Bevölkerung in die Rechtssicherheit und in ihre Sicherheit im Alltag. Die Drohung muss daher zwingend einem größeren Personenkreis bekannt werden. Aber auch private Drohungen mit Verbrechen gegen einzelne Personen sind strafbar, und zwar gemäß Paragraf 241 des Strafgesetzbuch (Bedrohung).

Was treibt Trittbrettfahrer zu ihren Taten?

Viele Trittbrettfahrer sind von der Angst, Aufgeregtheit und dem Medienhype rund um spektakuläre Straftaten wie Bombenanschläge und Amokläufe fasziniert. Oft sind es "klassische Verlierer" mit einem Hang zur Selbstdarstellung, die aus der Anonymität heraus etwas nach ihrer Ansicht Bedeutungsvolles tun wollen. Als Motiv solcher Täter sehen Kriminologen vor allem Geltungsdrang und den Wunsch, durch Stiftung von Angst und Verwirrung Kontrolle und Macht über andere zu erlangen.

Andere Trittbrettfahrer wollen bewusst oder unbewusst Rache nehmen. Das scheint aus ihrer Sicht zu gelingen, indem sie die Gesellschaft in Angst versetzen. In dieser Hinsicht ist der Terrorist vom Trittbrettfahrer nur schwer zu unterscheiden.

Zu nennen sind aber auch Kinder und Jugendliche, die sich einen Spaß erlauben wollen und die Folgen ihrer Drohungen oft nicht abschätzen können. Sie machen sich unter Umständen nicht strafbar, müssen aber trotzdem mit negativen Folgen rechnen: In Hessen gibt es inzwischen Fälle, in denen Schüler Einsatzkosten der Polizei in beträchtlicher Höhe über Monatsraten von 50 Euro abstottern müssen.

Was sind Nachahmungstaten?

Nachahmungstäter beziehen sich mit ihren eigenen Verbrechen auf vorausgegangene, spektakuläre Taten. Teilweise verwenden sie die gleichen Tatdaten, Waffen, Kleidungsstücke und sogar Äußerungen. Das Phänomen von Amokläufen junger Männer in Schulen trat in Deutschland erst nach dem Massaker an der Columbine High School in Littleton auf - einem inzwischen weltweit mystifizierten Verbrechen.

Die Gefahr, dass Berichte über Amokläufer Nachahmungstäter anregen, halten manche Kriminologen für recht groß. Für Menschen mit schweren Gewaltfantasien könnten Medienberichte über Amokläufe wie ein Auslöser wirken. Für diese These spricht auch, dass Amokläufe statistisch gesehen in Wellen auftreten und nicht gleichmäßig übers Jahr verteilt.

Alle Berichte zum Amoklauf in Winnenden


 
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