Serie: Evangelischer Kirchentag: Das protestantische Rheinland
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 05.06.2007 - 17:13Düsseldorf (RP). Die Protestanten kommen! Ausgerechnet ins katholische Rheinland! Aber beide Ausrufe so kurz vor dem evangelischen Kirchentag in Köln (6. bis 10. Juni) sind falsch. Denn erstens sind die Protestanten längst da. So leben nach der jüngsten Datenerhebung von 2006 immerhin 5,8 Millionen Christen evangelischen Glaubens in Nordrhein-Westfalen - neben 8,2 Millionen Katholiken. Und darum dürfte zweitens das Rheinland kaum katholisch zu nennen sein - trotz Dom und Karneval.
Aber vielleicht sind es gerade die unübersehbaren Bauwerke und unüberhörbaren Ereignisse, die dem Rheinland etwas Katholisches andichten wollen. Zumal die Protestanten solchen Signien scheinbar nichts entgegenzusetzen zu haben. Das zumindest posaunt der Kölner Kabarettist Jürgen Becker in die rheinische Welt hinaus: „Keine Wunder, keine Witze, keine Heiligen in Stein, immer alles ernst gemeint, das passt nicht an den Rhein. Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin, die haben doch nix anderes als Arbeiten im Sinn.“
Denkste. Auch der Karneval hat schon lange bei den Protestanten Einzug gehalten. Etwa mit kirchlichen Kabaretts. Die Düsseldorfer „LutherRatten“ gibt es seit Mitte der 80er Jahre und erfreuen das Kirchenvolk mit Programmen wie „Ein feste Burg ist unser Spott“. In Köln treibt der protestantische „Klüngelbeutel“ sein Wesen.
Das sind bloß ein paar Symptome. Die protestantischen Wurzeln des Rheinlandes liegen viel tiefer und sind natürlich älter: rund 500 Jahre, woran der Theologe Klaus Schmidt mit seiner spannenden Geschichte der Protestanten im Rheinland jetzt erinnert. Dabei ist der Titel seines Buches „Glaube, Macht und Freiheitskämpfe“ fast ein bisschen beschönigend, zumindest im Anblick der frühen und düsteren Anfänge. Denn im Schatten des Kölner Doms überantwortete die Theologische Fakultät 1520 die Schriften Luthers den Flammen. Eine der ersten Bücherverbrennungen überhaupt.
Kein Wunder, dass der Dom nicht nur als ein Bauwerk betrachtet wurde, das Andacht hervorrief. Heinrich Heine beispielsweise spottet mit Genuss über den mehr als 300 Jahre währenden Baustopp am Dom: „Er ward nicht vollendet - und das ist gut./Denn eben die Nichtvollendung/Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft/Und protestantischer Sendung.“
Heine selbst war zum protestantischen Glauben übergetreten, blieb nach den Worten Schmidts eine Mischung aus jüdischem Poeten und skeptischen Protestanten. Aber auch er bestimmt den Nährboden, auf dem das Rheinland protestantische Früchte trägt. Und es sind viele große Namen, die hier wirkten. Bekannte wie die streitbare Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) und der versöhnende Johannes Rau (1931-2006), Männer mit großen Lebenswerken wie Theodor Fliedner (1800-1864) in Kaiserswerth. Darunter auch Menschen, die schon in Vergessenheit geraten sind und doch fortwirken.
Der Düsseldorfer Lateinschulen-Direktor Joachim Neander (1650-1680) bleibt aktuell nicht allein wegen seines Namens, der dem benachbarten Tal sowie den dort gefundenen Vorfahren des Homo sapiens den Namen gab. Neander war ein richtig guter Liederdichter; sein Werk „Lobe den Herrn“ ist bis heute ein Kirchen-Hit geblieben.
Zu den großen Unbekannten dürfte Anna Maria Schürmann (1607-1678) zählen. Schmidt bezeichnet sie glattweg als „Jahrhundertgenie“; sie durfte als erste Frau an der Utrechter Uni studieren - obgleich sie im Hörsaal in einem vergitterten Kasten Platz nehmen musste, um die Studenten vor dem ungewohnten Anblick zu schützen. Eine Theologin und Philosophin, die sich für die Rechte der Frauen einsetzte, die ein bescheidenes und frommes Leben führte.
Menschen, die das Land formten und deren Geist fortwirkt. Und die manchmal die Geschichte der Kirche und ihre Kämpfe um Macht und Mächtige in den Hintergrund treten lassen. Vielleicht ist es dann so, wie es Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) erzählt, auch er ein großer, frommer, engagierter Protestant vom Niederrhein: „Wenn Gott sich in einem Hotel eintragen müsste, er wüsste wahrscheinlich gar nicht, was er unter ,Konfession’ schreiben sollte.“ Und das ist eine Anschauung, die vor allem eins ist - typisch rheinisch.
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