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Junggesellenabschied
Das teure Vergnügen vor der Hochzeit

Junggesellenabschied: Das teure Vergnügen vor der Hochzeit
FOTO: thinkstock
Der Junggesellenabschied als Luxus-Event: Der Tag wird heute möglichst originell und pompös gefeiert. Drei Redakteure erzählen von ihren Erlebnissen.

Jessica Kuschnik (33): Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Früher hat das mal gereicht. Heute nicht mehr. Da gibt man vor Freunden und alten Klassenkameraden nicht mit der ersten Eigentumswohnung an. Für Frauen zählt etwas anderes: der Junggesellinnenabschied. Polterabend ist für Spießer. Wer etwas auf sich hält, muss es in amerikanischer Manier krachen lassen. Das erste Mal, dass ich auf solch einer Veranstaltung war, gab es vier Teilnehmerinnen plus Braut. Kneipen-Hopping.

Jessica Kuschnik (33). FOTO: Krebs

Ein Tequila in jeder Bar. War ein günstiger Abend. 20 Euro pro Nase. Ein paar Jahre später. Andere Freundin. Diesmal gab es schon ein Komitee. Jeder bekam eine Aufgabe. Ich sollte den Bauchladen basteln. Pompös bitte. Aber auch wild-romantisch. Also hab ich einen Bücherständer aus Pappe zerschnitten, wieder zusammengeklebt, mit Blüten alter Hawaii-Ketten aus Diskotheken beklebt, Frischhaltefolie drumgewickelt für den Halt - fertig. Damit hat die Braut schön viel Kohle verdient.

Zumindest die Getränke hatten wir raus. 50 Euro pro Nase. Nächste Freundin. Die Einladung der Trauzeugin: Wochenende in Amsterdam. Privatboot mieten. Partynacht. Mit Sprit (also Benzin und Alkohol) und Hotel macht das dann 200 Euro pro Person. Okay, denke ich. Das sitze ich aus. Ich warte, bis die ersten Absagen kommen. Da macht doch keiner mit, richtig? Falsch! Niemand sagt etwas dagegen. Meine vorsichtige Nachfrage, ob das für 24 Stunden Spaß nicht ETWAS viel Geld ist, wird mit einem "Das ist es dir doch aber wert, oder" beantwortet.

Thema erledigt. Und ich? Tja, zu meinem Abschied aus dem Dasein als Junggesellin gab es ein Dinner, ein Geschäft, das nach Feierabend für mich und meine 14 Freundinnen öffnete, und eine pinke Limousine. Was soll ich sagen? Mein Haus, mein Auto, mein Boot... 

Florian Rinke (30): Nie mit Bauchladen! Das habe ich mir geschworen, als ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof einen Mann gesehen habe, der sich seinen Junggesellenabschied finanzieren musste. Manche verkaufen Schnäpse aus einem Bauchladen, er hatte eine Art Torwand an. Das eine Loch war auf Gesichtshöhe, das andere tiefer. Für einen Euro konnte man mit einem Schaumstoffball schießen, für zwei mit einem Lederball. Im Gesicht hatte er rote Flecken – viele haben den Lederball genommen.

Florian Rinke (30). FOTO: Andreas Krebs

Niemals! Meine Freunde sehen es ähnlich. Keiner hat Lust, irgendwas zu verkaufen. Stattdessen überbieten sich alle mit dem Programm. In diesem Jahr bin ich auf drei Hochzeiten eingeladen, die Junggesellenabschiede kosten mich so viel wie ein halber Urlaub. Mal geht es für vier Tage Kanufahren und auf ein Festival, ein anderes mal nur nach Köln. Wobei "nur" ein ziemlicher Euphemismus ist. Gestartet wird morgens, an einem See machen wir Spiele – Tauziehen, Baumstämme werfen, Sachen, die Männer offenbar an so einem Tag eben machen.

Manchmal frage ich mich, warum um den Junggesellenabschied so ein Wirbel gemacht wird. Die Hochzeit ist doch nicht das Ende des Lebens, theoretisch könnten wir an jedem anderen Tag danach Baumstämme werfen.

Doch zurück zum Köln-Tag: Am See wird noch gegrillt, danach machen wir eine Brauhaus-Tour, bevor wir den Abend in einer Disco ausklingen lassen. Es wird bestimmt großartig. Und doch frage ich mich, ob es wirklich so laufen muss. Wir zahlen für diesen Tag wahrscheinlich etwa 200 Euro. Manche Freunde können oder wollen nicht mitkommen, weil es ihnen zu teuer ist. Ich kann sie verstehen, finde es aber trotzdem schade.
Was nützt das tollste Programm, wenn am Ende alle nur noch über den Preis stöhnen? Eigentlich wäre es doch schöner, wenn alle den Bräutigam verabschieden könnten – selbst wenn man sich direkt nach der Hochzeit wieder sieht. 

Leslie Brook (32): JGA. Die Abkürzung für Junggesellinnenabschied. Wenn eine Mail mit diesem Betreff in meinem Postfach ankommt, dann öffne ich sie sehr vorsichtig. Nicht weil sich dahinter ein Computervirus verbergen könnte, sondern weil dann wieder Zeit für eine Abstimmung ist. Über die Ideen, was für einen unvergesslichen Tag (inzwischen eher Wochenende oder Kurztrip) man der Freundin, die als nächstes heiratet, bereiten könnte. Gemeinsam kochen klingt erstmal nach einem prima Vorschlag. Doch sich in einer Wohnung zu treffen und dort was zusammen zu brutzeln, wäre zu normal, selbst wenn die angehende Ehefrau eine Schürze mit Braut-Aufdruck tragen würde. Also muss ein schickes Loft mit Mietkoch her. 1075 Euro Mindestumsatz. Nach drei Stunden müssten wir den Tisch räumen für den nächsten JGA, heißt es. Es ist nur noch ein "Slot" frei, wir müssen also schnell entscheiden. Acht Mädels sagen für den Tag verbindlich zu – die Braut wird natürlich eingeladen – würde also 134 Euro pro Person ergeben. Ich habe mein Veto eingelegt, 100 Euro seien meine Schmerzgrenze, schreibe ich (und denke, 50 müssten doch auch reichen).

Leslie Brook (32). FOTO: Hendricks

Inzwischen weiß ich, dass es sich dabei um ein Schnäppchen gehandelt hätte – in Düsseldorf wird in diesem Monat ein Junggesellenabschied mit dem teuersten Bagel der Welt gefeiert. Dieser wird mit japanischem Kobe-Beef belegt. Preis pro Patty 137,80 Euro. Beim Grillfest werden sich der Bräutigam und 15 Gäste die Luxus-Bagels im Wert von 2067 Euro schmecken lassen.

Mein eigener JGA war so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Lustig und kreativ, ohne teuer zu sein. Ich durfte mir von alten Ehepaaren Rezepte für eine glückliche Ehe in ein kleines Büchlein schreiben lassen. Einen möglichst teuren JGA gehabt zu haben, hat niemand darin notiert. 

Quelle: RP
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