Südstadt-Einsturz: Das Unglück, das Köln verändert
VON MANFRED KÜHNAPPEL - zuletzt aktualisiert: 06.03.2009 - 11:55Köln (RPO). Es regnet. Nicht wie an normalen Tagen. Es regnet, als wolle es nicht mehr aufhören. Untergangsstimmung herrscht in der Kölner Südstadt, dort, wo das Historische Archiv am Dienstag wie in einem schlechten Hollywood-Streifen eingestürzt ist.
Rot-weiße Absperrfähnchen flattern im Wind. Polizisten regeln, wer noch ins Sperrgebiet darf. Irgendwo da hinten liegen noch zwei Menschen, begraben unter einem Berg von Schutt und Trümmern und unwiderbringlichen Kulturgütern. Riesige schwarze Planen decken den Haufen ab. Gespenstisch.
Im Nachbarhaus steht ein Fernseher, einsam und verlassen im zweiten Stock. Die Wohnungen sind zur Hälfte durchtrennt. So glatt hätte keine Abrissbirne der Welt arbeiten können. Weiter geht der Abriss an diesem Tag nicht und auch nicht am nächsten Tag. Weil es regnet. Und weil es nicht aufhört zu regnen.
Anwohner hasten hilflos durch die Straßen. Fahrradfahrer sind ratlos. Sie rätseln, wo sie lang dürfen. Viele Häuser der Umgebung sind nicht standsicher. Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Noch durften sie nicht zurück. Meist reagiert der Kölner gelassen. Doch hier ist die Wut mit den Händen zu greifen.
Wie begossene Pudel
Die Wasserlachen werden immer größer. Permanent donnert schweres Gerät durch die regennassen Straßen. Experten stehen dicht gedrängt am Rande der Unglücksstelle. Sie wirken buchstäblich wie begossene Pudel. Medienvertreter trippeln fröstelnd von einem Fuß auf den anderen. Räumfahrzeuge bewegen sich keinen Millimeter von der Stelle. Beklemmend.
„Sie befinden sich im Sperrgebiet“, herrscht uns ein Polizist an. Sicherheitshalber haben wir unseren Presseausweis die ganze Zeit griffbereit. Medienvertreter sind nicht gerne gesehen in diesen Tagen in der Kölner Südstadt. Zu viele Kölner sind aufgebracht, weil sie Schlamperei wittern.
Helga Klerx arbeitet am anderen Ende der Severinstraße Richtung Chlodwigplatz. Sie hat seit Monaten von Ungereimtheiten gehört und das gigantische Vorhaben nie verstanden: "Warum hat man nicht viele kleine Buslinien eingesetzt?", fragt sie. Seit langem beschäftigt sie die Frage, ob sich in Köln jemand ein Denkmal mit dem U-Bahn-Projekt setzen wollte.
Aus dem Saal verwiesen
Wer als Verantwortlicher vor die Mikros gezerrt wird, hat es nicht leicht. Zu viele unbequeme Fragen lauern. Bei einer Info-Veranstaltung für Betroffene am Abend im Stollwerk wird ein Fernsehteam des WDR aus dem Saal verwiesen. Berichterstattung unerwünscht.
Es regnet. Auf dem Weg zur St.-Johann-Baptist-Kirche gähnt links der Abgrund des in Bau befindlichen U-Bahn-Schachtes. Er sorgte vor über vier Jahren dafür, dass der Kirchturm sich nach vorne neigte. Das war zwar nicht lustig, aber der Kölner nahm es mit Humor. Jetzt lacht niemand mehr. In Wahrheit hatten die Anwohner wegen des Drecks und des Lärms und der Risse seit langem die Faust in der Tasche geballt.
Helga Klerx hat Steinsplitter abbekommen, als eine schwere Last von einem Kran fiel. "Tag für Tag mussten die Menschen diese Bauarbeiten ertragen - und auch noch jetzt das." Sie befürchtet, dass viele Kölner nach dieser Katastrophe in eine depressive Stimmung verfallen.
Zeitungen in der Auslage
In einem Kiosk liegen Zeitungen im Schaufenster, nebeneinander ausgebreitet, dort wo sonst die Getränke stehen. Die Schlagzeilen des Tages sind verschieden, doch auf ihre Weise erzählen sie alle dieselbe Geschichte. In Köln ist etwas ganz Schlimmes passiert. Etwas, das die Stadt vielleicht für immer verändern wird.
Alle Berichte zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs finden Sie hier.
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