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"Zentrum für Politische Schönheit"
Symbolische Begräbnisse – eine von vielen umstrittenen Aktionen

Düsseldorf: Aktivisten stellen Kreuze für Flüchtlinge auf
Düsseldorf: Aktivisten stellen Kreuze für Flüchtlinge auf FOTO: Kai Jürgens
Berlin/Düsseldorf. Symbolische Grabstätten auf öffentlichen Plätzen, ein Protestmarsch zum Kanzleramt: Mit der umstrittenen Aktion "Die Toten kommen" buhlt das "Zentrum für Politische Schönheit" um Aufmerksamkeit – auch in Düsseldorf. Für viele Politiker aber überschreiten sie damit die Grenze der Pietät. Und es ist nicht das erste Mal, dass eine Aktion des Zentrums in der Kritik steht. Von Dana Schülbe

5000 Menschen kamen nach Polizeiangaben am Sonntag zum "Marsch der Entschlossenen", zu dem das Berliner "Zentrum für Politische Schönheit" aufgerufen hatte. Es sollte der Höhepunkt der umstrittenen Kunstaktion "Die Toten kommen", mit dem die Aktivisten auf das Schicksal der ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer aufmerksam machen wollen.

Letztlich aber hatte das "Zentrum für Politische Schönheit" darauf verzichtet, Leichen von Flüchtlingen mit sich zu führen und vor Ort zu begraben. Das war ihnen unter polizeilicher Auflage verboten worden. Stattdessen rissen Teilnehmer des Marsches am Ende einen Zaun vor dem Reichstag um und hoben auf der Wiese vor dem Parlament dutzende kleine symbolische Gräber aus. "EU kills" – "die EU tötet" war nur ein Spruch, der auf den Kreuzen zu lesen war. Und die sind nicht nur in Berlin zu sehen.

Umstrittene Aktion "Die Toten kommen" in Berlin FOTO: dpa, rje fux

Auch in Düsseldorf wurden solche symbolischen Gräber an prominenten Stellen wie der Rheinufer-Promenade errichtet. "Shame on EU" (Schande über Europa) oder einfach nur "Lampedusa" stand hier auf Kreuzen. Und auch in anderen Städten Deutschland stellten Aktivisten solche Kreuze auf, wie sich auf dem Twitter-Kanal des "Zentrums für Politische Schönheit" oder auf einer eigenen Tumblr-Seite nachvollziehen lässt.

 

Aufmerksamkeit haben die Initiatoren mit ihrer Aktion auf jeden Fall erreicht, zumal das Thema Flüchtlinge ohnehin eines der Themen auf der politischen Agenda dieser Tage ist. Doch nicht jeder findet die Aktion gelungen. So sagte die Flüchtlingsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), der "Welt": "Bei allem Verständnis für die Wut der Aktivisten angesichts der vielen tausend ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer, ein Spektakel mit Leichen zu inszenieren, überschreitet eine moralische Grenze."

Flüchtlinge – erschütternde Bilder aus aller Welt FOTO: afp, MM

Özoguz spricht damit nicht nur an, dass geplant war, am Sonntag tatsächlich Leichen in den am Ende leeren Särgen mitzutragen und dass nur wenige Tage vorher zwei nach Angaben des "Zentrums für Politische Schönheit" im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge mit viel Inszenierung – zum Beispiel dem Aufstellen von Stühlen – auf Berliner Friedhöfen beerdigt worden waren.

Auch der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sieht mit solchen Aktionen "die Grenzen der Pietät überschritten", wie er der "Welt" sagte. Volker Beck von den Grünen sagte der "taz", tote Flüchtlinge dürften nicht Gegenstand einer Kunstaktion sein. Und die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping nannte die Beerdigungsaktion "hart an der Grenze". Andere wiederum nennen die Aktion vor dem Reichstag auf Twitter einen "wunderschönen Akt des zivilen Ungehorsams".

Flüchtlinge auf der griechischen Urlaubsinsel Kos FOTO: ap

Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass das "Zentrum für Politische Schönheit" für Diskussionen sorgt. So hatten es im vergangenen Jahr kurz vor dem Jubiläum zum Mauerfall Gedenkkreuze für Berliner Maueropfer entwendet. Später tauchten sie mit Fotos aus, die Flüchtlinge gemeinsam mit Kreuzen an den Außengrenzen der EU zeigten. Die Aktivisten hatten damit für eine Kampagne werben wollen, bei der sie am 9. November 2014 in Südeuropa Löcher in Grenzanlagen schneiden wollten.

Ein anderes Mal fälschten sie für eine fingierte Hilfsaktion zugunsten von Kindern aus Syrien die Website des Bundesfamilienministeriums. Dort versprachen sie im Namen der Familienministerin, mit einer vermeintlichen "Kindertransporthilfe des Bundes" syrische Flüchtlinge nach Deutschland zu bringen. 

Weitere Aktionen waren eine Kampagne gegen den Waffenhersteller Krauss-Maffei-Wegmann, ein Berg aus Schuhen vor dem Brandenburger Tor im Jahr 2010, die an das Massaker von Srebrenica erinnern sollte, oder 2009 eine angebliche Versteigerung von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay.

Die Berliner Menschenrechts- und Aktionskünstlergruppe selbst bezeichnet sich auf seiner Internetseite als eine "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit – zum Schutz der Menschheit". Man stehe für eine erweiterte Form von Theater: Kunst müsse weh tun, reizen und Widerstand leisten, heißt es auf der Webseite weiter. 

mit Agenturmaterial

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