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Debatte über Zivilschutz
"Der Russe war der Böse"

Debatte über Hamsterkäufe: Ein Gespräch mit einer Zivilschützerin
Mensch mit Gasmaske (Symbolfoto): "Planspiel, wie man sich im Fall einer Atombombe verhält" FOTO: Shutterstock/ Stokkete
Düsseldorf. Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion sind längst überholt geglaubte Begriffe wieder hochaktuell: Notvorräte. Hamsterkäufe. Wird jetzt alles wieder so wie im Kalten Krieg? Wir haben mit einer altgedienten BRD-Zivilschützerin gesprochen. Von Franziska Hein

Beate Coellen beobachtete mit 13 Jahren einen schweren Autounfall und konnte nicht helfen, weil sie damals noch nicht wusste, wie das geht. Danach ließ sie sich beim Roten Kreuz als Ersthelferin ausbilden und war dort jahrelang ehrenamtlich tätig. Nach ihrem Studium fing sie beim Bundesamt für Zivilschutz an, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe damals noch hieß. Nach der Wende wechselte sie für den Aufbau Ost elf Jahre nach Brandenburg. Heute leitet sie das Büro des Präsidenten des Bundesamts. Die heute 61-Jährige wuchs als Kind des Kalten Krieges auf. 

Frau Coellen, was ist eigentlich Zivilschutz? 

Coellen: Zivilschutz umfasst alle Maßnahmen, um die Bevölkerung zu schützen. Er kommt dann zum Tragen, wenn der Staat die Gefahr nicht abwehren konnte und nun die Schäden gering halten will. Es gehört nicht nur dazu, Verletzte zu versorgen und Wasser und Lebensmittel bereitzuhalten. Auch der Selbstschutz ist eine wichtige Angelegenheit. Die Bürger müssen sich im Notfall ganz lange selber helfen können, bis organisierte Hilfe eintrifft.

Beate Coellen (61) arbeitet beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und war lange als Zivilschützerin tätig. FOTO: Bundesamt für Bevölkerungsschutz

Wie wichtig war das im Kalten Krieg?

Coellen: Als ich mich damals zur Zivilschützerin ausbilden ließ, haben wir richtig Krieg geübt. Wir hatten ein Modell, mit dessen Hilfe wir erklärt haben, wie man sich im Falle eines Bombeneinschlags um Verletzte kümmert und woher man Hilfsmittel bekommt.

Wie muss ich mir das vorstellen? Was haben Sie da genau geübt?

Coellen: Wir hatten einen Tisch mit dem Modell einer Stadt. Der steht heute sogar im Haus der Geschichte in Bonn. Den haben wir dem Museum nach Ende des Kalten Kriegs zur Verfügung gestellt. Es gab zum Beispiel ein Planspiel, wie man sich im Fall einer Atombombe verhält. Die atomare Bedrohung war ja real. 

Und was haben Sie dazu gelernt?

Coellen: Wir stellten uns vor, dass eine Atombombe gezündet worden war. Dann mussten wir beachten, wie groß die Druckwelle ist, wie groß der Bereich, der nuklear kontaminiert ist. Wir lernten, wie die Einsatzkräfte vorgehen müssen, wie man sich selbst schützen muss, wie man ein Gelände dekontaminiert und wo die Schutzräume liegen. Es gab ja damals nur für 2,8 Prozent der Bevölkerung Platz in Schutzräumen. Die Szenarien bezogen sich darauf, wenn sich zwei Staaten bekriegen. Heute hat sich das geändert, wir wissen gar nicht mehr, wer der Feind ist. 

Wie war ihre Stimmung damals? Wie deutlich haben Sie die Bedrohung gespürt?

Coellen: Ich bin ein Kind der 60er Jahre. Der Russe war der Böse, das war ganz klar und ich hatte keinen Anlass, etwas anderes zu glauben. Es gab Luftschutzhilfsdienste, es gab überall Lager mit Lebensmitteln und Arzneien, weil man im Ernstfall nicht schnell genug an die Mittel herangekommen wäre. Es gab sogar einen Bundesverband für Selbstschutz. Das gibt es heute gar nicht mehr. 

Wofür war der denn zuständig?

Coellen: Der Verband hat Leute in Erster Hilfe ausgebildet und im Brandschutz geschult. Die Organisationen, die im Zivilschutz tätig waren, wie die freiwilligen Feuerwehren oder das Deutsche Rote Kreuz, basieren alle auf ehrenamtlicher Arbeit. Dieses System ist weltweit einzigartig. Viele Länder beneiden uns um unsere Strukturen.

Was hat man damals in Erster Hilfe gelernt?

Coellen: Das war anders als heute. Heute lernt man hauptsächlich, wie man reanimiert und Erste Hilfe leistet, bis der Krankenwagen nach acht bis zwölf Minuten eintrifft und den Patienten ins Krankenhaus bringt. Damals haben wir den Teilnehmern gezeigt, wie man einen Verband anlegt, Knochenbrüche schient und wie man auch über mehrere Stunden Verletzte versorgt, bis Hilfe eintrifft. Wir haben gelernt, wie man Menschen das Überleben sichert, auch wenn erst nach Stunden Hilfe kommt. 

Und wie haben Sie die Phase nach dem Kalten Krieg erlebt?

Coellen: 1989 kam die Friedensdividende. Da war man der Ansicht, dass man etwas wie den Bundesverband für Selbstschutz nicht mehr braucht. Auch unsere Behörde wurde umstrukturiert. 

Gerade diskutiert ja ganz Deutschland über die Hamsterkäufe. Was halten Sie von einem Notvorrat?

Coellen: Ich selbst habe etliche Lebensmittel zu Hause. Es ist doch gut, wenn man bei einem längeren Stromausfall weiß, mich kann das nicht schrecken. Ich bin handlungsfähig. 

In Ihrer Erfahrung als Zivilschützerin und Katastrophenhelferin, was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Coellen: Das ist schwer zu beantworten. Jeder Einzelfall war spezifisch. Ich habe einmal auf einem Langstreckenflug von Frankfurt nach Singapur gleich zwei Menschen erstversorgt. Jedenfalls war alles, was ich gelernt habe, sinnvoll. Bei mir passiert immer irgendwas. Eigentlich bin ich zu alt dafür. Ich möchte auch mal in Ruhe Urlaub machen.

(heif)
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