Mutmaßlicher KZ-Aufseher ruft US-Gericht an: Demjanjuk will Auslieferung in letzter Minute stoppen
zuletzt aktualisiert: 03.04.2009 - 21:23Cleveland/München (RPO). Der mutmaßliche NS-Verbrecher John Demjanjuk wehrt sich gegen seine geplante Abschiebung nach Deutschland. Am Montag soll ihm wegen Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden in München der Prozess gemacht werden. Sein US-Anwalt versucht nun, eine Aussetzung der Auslieferung zu erwirken. Sein deutscher Pflichtverteidiger Günther Maull rechnet jedoch nicht damit, dass es funktioniert. "Er kann den Abflug nicht verhindern", sagte er dazu.
Demjanjuks US-Anwalt stellte am Donnerstag vor einem für Einwanderungsfragen zuständigen Gericht in Virginia einen Antrag auf Aussetzung der geplanten Auslieferung. Zugleich beantragte Anwalt John Broadley eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Eine Auslieferung des Kranken, der am Freitag 89 Jahre alt wird, sei zu grausam, sagte Broadley. Eine Sprecherin der Behörde bestätigte den Eingang der Anträge.
Demjanjuk, der in Cleveland in Ohio lebt, soll am kommenden Montag von den USA nach Deutschland abgeschoben werden. Wegen Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor will die Münchner Staatsanwaltschaft dem mutmaßlichen KZ-Aufseher den Prozess machen.
Ankunft unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Sein deutscher Verteidiger Maull sagte, Demjanjuk werde bei seiner Ankunft in München am Montagvormittag von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Er werde noch auf dem Rollfeld des Flughafens Justizbeamten übergeben und anschließend in die Haftanstalt München-Stadelheim gebracht. Dort werde ihm dann der Haftbefehl eröffnet.
In einer Erklärung Demjanjuks, die dem Gerichtsantrag in den USA angehängt ist, weist er auf schwere Folgen hin, die eine Ausweisung nach Deutschland für ihn hätte. Eine Abschiebung "wird mich schweren körperlichen und geistigen Schmerzen aussetzen, die unter einer vernünftigen Definition dieses Ausdrucks eindeutig auf Folter hinauslaufen", erklärt der 89-Jährige.
Demjanjuk sei von März bis September 1943 Wachmann im Vernichtungslager Sobibor gewesen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Wichtiges Beweismittel sei sein Dienstausweis. Als Wachmann habe er geholfen, mindestens 29.000 Juden von den Zügen direkt in die Gaskammern zu treiben. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum führt Demjanjuk auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher.
Angeblich auch Wachmann in KZ in Bayern
Die bayerische KZ-Gedenkstätte Flossenbürg teilte mit, Dokumente bewiesen, dass Demjanjuk nach Sobibor von Oktober 1943 bis Kriegsende auch im KZ Flossenbürg Wachmann gewesen sei. Er sei dort unter derselben Dienstnummer eingesetzt gewesen, die der als Beweismittel geführte Dienstausweis nennt. Dokumente aus der Flossenbürgener Zeit könnten einen wichtigen Beitrag leisten, Demjanjuk die Taten nachzuweisen, die ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, erklärte die Gedenkstätte.
Der gebürtige Ukrainer hatte nach dem Krieg bei München gelebt und war 1952 in die USA ausgewandert, wo er später die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Er änderte seinen Vornamen Iwan in John. Die USA haben ihm das Bürgerrecht inzwischen wieder aberkannt und wollen den Staatenlosen schon seit einem Jahr abschieben, fanden aber bisher kein aufnahmebereites Land. Das änderte sich erst mit dem Münchner Haftbefehl vom 10. März 2009.
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