Trauer in Winnenden: "Der 11. März ist unser 11. September"
VON ISABELL SCHEUPLEIN, AP - zuletzt aktualisiert: 13.03.2009 - 12:35Winnenden (RPO). Kerzen, Stofftiere und Abschiedsbriefe - die Trauer vor der Albertville-Realschule in Winnenden ist auch zwei Tage nach dem Amoklauf mit 16 Toten noch greifbar. "Der 11. März ist unser 11. September", steht mit Bezugnahme auf die Terroranschläge in den USA vor knapp acht Jahren auf einem der zahlreichen handgeschrieben Botschaften, die Trauernde zusammen mit hunderten Kerzen und Blumen an mehreren Orten vor dem Schulgebäude abgelegt haben.
Die Schule selbst ist noch immer abgesperrt, die Klassenzimmer dunkel. Ein Lkw bringt Umzugskartons. Auch nächste Woche wird nach Auskunft der Schulleiterin Astrid Hahn der Unterricht noch nicht wieder aufgenommen, und auch danach wird er sicher nicht in dem Gebäude stattfinden, in dem der Amokläufer Tim K. am Mittwoch die ersten Schüsse abgab und zwölf Menschen tötete. Was aus der Schule wird, ob sie umgebaut wird wie das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt nach dem Amoklauf vor knapp sieben Jahren oder gar abgerissen, ist nach Angaben der Stadt noch nicht entschieden.
Auch am Tag zwei nach dem Amoklauf kommen Schüler und vereinzelt auch Erwachsene zu der Realschule, um Kerzen anzuzünden und Briefe an die Getöteten niederzulegen. "Warum?" ist die Frage, die darin am häufigsten auftaucht.
Trauer vor Fernsehkameras
Die Trauer findet auch am Freitag neben knapp einem Dutzend Übertragungswagen der Fernsehsender statt. Stromgeneratoren brummen direkt neben dem Kerzen-Meer, mitten darin steht eine Kabeltrommel. Abgasgestank liegt in der Luft, leere Kaffeebecher und Zigarettenschachteln liegen herum.
Die Stadt Winnenden hat ein Kondolenzbuch ausgelegt, in dass sich unter anderen Ministerpräsident Günther Oettinger, Justizminister Ulrich Goll und Kultusminister Helmut Rau eintrugen. Oettinger verlas vor seiner Unterschrift den darin aufgeschriebenen Text: "Fassungslos, entsetzt und ratlos stehen wir da. Warum nur musste dies geschehen? Uns fehlen die Worte. Wir haben keine Antwort!"
Am Morgen bricht offener Streit aus zwischen einer Lehrerin, die mit ihrer Klasse in Ruhe die Schilder und Briefe betrachten möchte, und einem Fernsehteam.
"Keine Presse", "Gegen Paparazzi" haben Schüler im angrenzenden Gebäude mit Hauptschule und Gymnasium auf Plakate geschrieben und in das Fenster ihres Klassenzimmers gehängt. Auch sie sind genervt von dem Medienauflauf.
Und selbst wenn die letzten Journalisten den Tatort verlassen haben, wird es noch Wochen dauern, bis wenigstens wieder etwas Normalität in der Kleinstadt einkehrt. "Das war schon ganz schön heftig, was hier passiert ist. Das wird nicht so schnell vergessen werden", sagt Michael Loos, der bis vergangenes Jahr auf eine benachbarte Schule gegangen ist.
Eine Freundin des 16-Jährigen konnte am Mittwoch vor dem Amokläufer fliehen und blieb unverletzt. Sie sei aber bis heute nicht ansprechbar und traue sich nicht auf die Straße. "Sie ist völlig zusammengebrochen", berichtet er.
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