| 13.29 Uhr

Der Fall Peggy und der NSU
Fünf Theorien zu den DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt

Der Fall Peggy - eine Chronologie
Der Fall Peggy - eine Chronologie
Düsseldorf. Wie kommt die DNA von NSU-Terrorist Uwe Böhnhardt an den Fundort von Peggys Skelett? Der Fall des vor 15 Jahren verschwundenen Mädchens ist seit Donnerstag noch rätselhafter als zuvor. Mehrere Erklärungen sind denkbar. 

DNA-Spuren führen im Fall Peggy zur Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU). Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe werden in der Zeit von 1999 bis 2006 zehn Morde mit rechtextremistischem Motiv zugeordnet. Im Jahr 2011 flog die terroristische Vereinigung auf. Böhnhardt und Mundlos wurden tot in einem abgebrannten Wohnwagen gefunden. Das Verfahren gegen Zschäpe dauert noch an. Alle drei NSU-Terroristen kommen aus Jena. Am Donnerstag gab es eine überraschende Entwicklung: Am Fundort des Skeletts der seit 2001 vermissten neujährigen Peggy in Thüringen wurde seine DNA gefunden. Wie diese dorthin gelangte, ist noch ungeklärt. Mehrere Szenarien sind denkbar:

  1. Das Stoffstück gehört nicht zur Leiche von Peggy
    Die DNA-Spuren von Uwe Böhnhardt wurden an einem Stoffstück gefunden, das am Fundort von Peggys Skelett lag. Nach "Spiegel"-Informationen soll es sich dabei um eine Decke handeln. Der Bayerische Rundfunk berichtet, dass der Stofffetzen nicht größer als ein Fingernagel sei. Denkbar wäre, dass das Stoffstück mit Böhnhardts Spuren bereits in dem Waldstück im thüringischen Saale-Oral-Kreis lag, als Peggy dort abgelegt wurde – oder erst später in den Wald gelangte. Diese Version der Erignisse ist zwar sehr unwahrscheinlich, auszuschließen ist ein solcher Zufall aber nicht.
     
  2. Der Mörder von Peggy hatte Kontakt zu Böhnhardt
    Im Bekanntenkreis von Uwe Böhnhardt gab es mehrere Männer, die mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht werden. Der Münchner Rechtsanwalt Yavuz Narin, der die Familie eines der ermordeten NSU-Opfer vertritt, sagte der Deutschen Presse-Agentur, im Umfeld des NSU seien "mehrere Personen mit Sexualstraftaten an Kindern in Erscheinung getreten". In den NSU-Prozessakten fänden sich weitere Namen von Männern, die zum Freundeskreis Böhnhardts zählten und zu denen sich Hinweise auf Kindesmissbrauch fänden. Narin verwies außerdem auf den früheren Anführer des "Thüringer Heimatschutzes", Tino Brandt, der wegen Missbrauchs von Jungen im Gefängnis sitzt. Zudem war Böhnhardt 1993 Zeuge im Fall des ermordeten neunjährigen Bernd B. Die Spur führte damals zu Enrico T., einem engen Freund Böhnhardts. Der Fall blieb ungeklärt, soll nun aber wieder aufgerollt werden, kündigte Thüringens Ministerpräsident an. Enrico T. und Böhnhardt hatten in den 1990er Jahren gemeinsam Diebstähle begangen. Im NSU-Prozess erinnerte sich T. bisher nur an wenige Details aus der gemeinsamen Zeit.
  3. Uwe Böhnhardt hat Peggy ermordet oder war an ihrem Mord beteiligt
    Auf dem NSU-Computer, den Ermittler nach dem Ende der Terrorgruppe beschlagnahmten, befand sich Kinderpornografie. Wer die Dateien auf den Rechner geladen hatte, ist ungeklärt. Der PC gehörte offiziell Beate Zschäpe.
    Und Mitglieder des Thüringer NSU-Ausschusses erinnerten nach dem DNA-Fund daran, dass in dem ausgebrannten Wohnwagen des NSU Kindersachen gefunden worden waren. Die Herkunft dieser Sachen sei nicht geklärt worden. Auch in der Wohnung des NSU-Trios soll Kinderspielzeug gewesen sein. Das zumindest sagte der Hausmeister im NSU-Prozess aus.
    Kleidung und Schultasche von Peggy sind bis heute nicht gefunden worden. Der Fundort der Leiche ist von Böhnhardts damaligem Wohnort Zwickau aus in gut einer Stunde erreichbar. Peggys Wohnort Lichtenberg liegt auf der Strecke zwischen Zwickau und Nürnberg, wo der NSU seine ersten beiden Morde begangen hatte. Peggy verschwand acht Monate nach dem ersten Mord. Etwa einen Monat nach ihrem Verschwinden wurde in Nürnberg das zweite NSU-Opfer ermordet.
     
  4. Das Stoffstück wurde durch Wind oder Tiere an den Fundort getragen
    Möglich ist auch, dass der Stofffetzen ursprünglich an einer ganz anderen Stelle hinterlassen wurde. Böhnhardt könnte ihn beim Joggen oder auf einem seiner täglichen Wege verloren haben. Aufgrund der geografischen Lage von Böhnhardts Wohnort und den Tatorten des NSU wissen die Ermittler, dass sich Böhnhardt zumindest in der Gegend um den Fundort aufgehalten haben könnte. Böhnhardt war beim NSU unter anderem die Aufgabe zugefallen, die Tatorte auszuspähen. Er dürfte also mehrfach von Zwickau zum Tatort nach Nürnberg gereist sein. Durch Wind oder Tiere könnte der Stofffetzen weitergetragen worden sein. Dieser Zufall scheint jedoch sehr unwahrscheinlich.
     
  5. Die DNA-Proben sind verunreinigt
    Die Leiche von Uwe Böhnhardt und das Skelett von Peggy sowie die Fundstücke wurden im gleichen Labor untersucht. Geprüft werden müsse unter anderem, ob eine Verunreinigung zu dem DNA-Treffer geführt haben könnte, sagte Oberstaatsanwalt Herbert Potzel. Dazu müsse auch geklärt werden, in welchen Räumen die Leiche Böhnhardts, die Skelettteile von Peggy und die Fundstücke im Fall des Mädchens untersucht worden waren. Allerdings betonten die Experten bereits, dass die Proben sorgfältig geprüft worden seien. Auch Aufgrund des zeitlichen Abstands zwischen den Untersuchungen scheint diese Theorie am unwahrscheinlichsten. Böhnhardt war 2011 erschossen worden – nach aktuellem Ermittlungsstand von seinem Komplizen Uwe Mundlos. Dieser soll danach das Wohmobil angezündet und sich so das Leben genommen haben.

    Mit Material von dpa.
(rent)
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