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Von Beruf Lego-Experte
Der Herr der Steine

Der Herr der Steine - Lego-Fachjournalist Andres Lehmann
Das perfekte Arbeitszimmer besitzt Andres Lehmann (38), der Mann hinter dem Lego-Blog zusammengebaut.com. FOTO: Lehmann
Düsseldorf. Andres Lehmann ist Deutschlands einziger Lego-Fachjournalist. Von seinen Nachrichten, Interviews und Bausatz-Tests kann der Familienvater inzwischen leben – doch er hat nie Feierabend. Von Tobias Jochheim

In den Wochen vor Weihnachten kam Andres Lehmann kaum hinterher mit den Mails, die sich in seinem Postfach stapelten – und die er gewissenhaft beantwortete, in dem vollen Bewusstsein, dass das Arbeit ist, die sich für ihn nie in Geld auszahlen wird. Denn wer die größten Finanzexperten um individuelle Anlagetipps bittet, gratis natürlich, oder Jupp Heynckes um Fußball-Trainingstipps, wird als Antwort maximal ein Standardschreiben erhalten: "Wir bitten um Verständnis dafür, dass…".

Wer hingegen Andres Lehmann fragt, welchen Lego-Baukasten er empfehlen würde, erhält garantiert Antwort – perfekt abgestimmt zum Beispiel auf neunjährige Mädchen oder zwölfjährige Jungs, die weder Polizei noch Feuerwehr mögen noch Ritter oder Piraten. Oder Raumschiffe, aber keine von "Star Wars”. Lehmann findet die perfekte Lösung, denn er ist Lego-Experte. Von Berufs wegen.

3200 Artikel, 700 Videos, 6000 Tweets

Vor zweieinhalb Jahren hat der 38-Jährige begonnen, auf zusammengebaut.com über alles rund ums Thema Lego zu berichten. Im deutschsprachigen Raum besetzte er damit eine Marktlücke – neben dem Forum 1000steine.de sowie der Handelsplattform BrickScout.de, die wiederum der kleine Bruder von BrickLink.com ist, einer weltweiten Handelsplattform, einem Ebay für Lego, wo jedes je produzierte Legoteil in jeder Farbe erhältlich ist. Lehmanns Seite kommt so gut an, dass er seit rund einem Jahr nichts anderes mehr tut. Seitdem ist er Fulltime-Fachjournalist mit Spezialgebiet Lego. Hat 3200 Artikel geschrieben, 700 Videos gedreht, 6000 Tweets gesendet.

Lehmann hat eine Banklehre absolviert und ist Diplom-Stadtplaner, aber schon im Studium hat er viel lieber als Reporter gearbeitet, Menschen interviewt und Smartphones getestet. Die meisten Reaktionen allerdings bekam er stets für seine Texte, Fotos und Videos über seine Passion Lego. "Also habe ich diesen großen Schritt gewagt", sagt er, "und es noch keine Minute bereut".

Dem Rekord-Modell widmete er 60 Artikel

Jeden Tag testet der Wahl-Hamburger neue Bausätze, beschreibt neue Einzelteile oder Bautechniken, gibt Tipps zum Sortieren oder Waschen der bunten Klötzchen. Das Heer erwachsener Fans ist dabei nicht nur Zielgruppe, sondern auch selbst Berichterstattungsgegenstand. Genauer gesagt deren Eigenbauten (im Fachjargon: "My own Creation", kurz: "MOC"), die von Monat zu Monat größer und realistischer werden.

Selbst der Veteran gerät dabei immer wieder ins Staunen: "Als der Bausatz des Big Ben in London erschien, hat jemand sieben oder acht Stück davon gekauft, um nicht nur aus 4000 Teilen den Glockenturm selbst nachbauen zu können, sondern den gesamten Westminster Palace!" Selbst wer ihn nur am Telefon sprechen hört, kann sich vorstellen, wie seine Augen leuchten.

Allein rund um das größte Lego-Modell aller Zeiten, dem Raumschiff "Millennium Falcon” aus "Star Wars” mit 7.541 Teilen, hat er bislang rund 60 (!) Artikel verfasst.   

Lehmann macht alles, ist Marktbeobachter und Historiker, Analyst und Fotograf, Kritiker, Kameramann und Cutter. Am Morgen mag ein Video-Interview mit Managern des Weltkonzerns aus dem winzigen dänischen Städtchen Billund anstehen, am Abend nimmt er sich die Zeit, Müttern zu antworten die sich per Mail an ihn wenden mit Fragen wie "Welchen Bausatz soll ich meiner Tochter zum neunten Geburtstag kaufen?".

Leitmedium der Lego-Welt

Bei Facebook hat zusammengebaut.com knapp 5000 Fans, bei Youtube 8000 Abonnenten. Besucher- oder Umsatzzahlen seiner Website will er nicht veröffentlicht sehen, aber beides wachse stetig. Tatsächlich ist zusammengebaut.com zu einer Art Leitmedium der deutschsprachigen Lego-Fan-Welt geworden. Geld verdient Lehmann weniger mit Werbeanzeigen und mehr mit Links zu Online-Shops, die ihm Provisionen einbringen. Darauf, das komplett transparent zu machen, legt er großen Wert.

"Manchmal schickt mir Lego auch umsonst neue Bausätze", erzählt er, "aber das schreibe ich dann dazu – und bewerte die Stärken, Schwächen und das Preis-/Leistungsverhältnis genau wie sonst auch." Als redaktionelle Artikel getarnte Schleichwerbung sind bei ihm tabu, und auch sonst hält er die journalistische Berufsehre hoch: "Dass ich Fan bin, ist ja klar, aber gerade deshalb bin ich auch kritisch." So kritisiert er beispielsweise nicht nur Kunden, die bestimmte, limitierte Bausätze als Spekulationsobjekte nutzen, um die Preise um teils mehrere hundert Prozent in die Höhe zu treiben. Sondern auch Lego selbst.

Während einer Pressekonferenz bei der Spielwarenmesse in Nürnberg im Februar etwa kritisierte er die Firmenvertreter dafür, dass die beliebten, aber auch nur vier Zentimeter kleinen Sammelfiguren nach mehreren Preissteigerungen nun 3,99 Euro pro Stück kosten. "Irgendwann ist auch eine Grenze erreicht!", sagt Lehmann, der die Preispolitik des Konzerns ansonsten für hoch, aber angemessen hält: "Der langfristige Spielwert ist extrem hoch, weil Lego so unendlich vielseitig und dabei robust ist."

Der Preis für seine Freiheit: Wie viele Selbstständige ist Lehmann immer im Einsatz. "Etwas Lego bauen und viel in der Hängematte liegen – damit ist es natürlich nicht getan", sagt er lachend. Sieben Tage die Woche sitzt er am Laptop, egal ob auf Berlin-Reise mit Freunden oder im Ostseeurlaub mit seiner Freundin und ihren zwei gemeinsamen Töchtern. "Ich komme dann eben erst zum Strand, wenn ich zwei Artikel geschrieben habe", sagt Lehmann. Und wenn er auf Reisen geht wie zuletzt zu einer Hochzeit in New York, klappert er die Lego-Läden der Umgebung ab. Langweilig wird ihm dabei nie. "Die Begeisterung wird höchstens noch größer. Nichts entspannt mich mehr als das Bauen und Kreativsein mit Lego, und ich lerne jeden Tag dazu."

Einen Lebensabschnitt ohne Lego nennen sie das "dunkle Zeitalter"

Sprüche muss er sich dafür nicht anhören, im Gegenteil: Sein gesamtes Umfeld unterstützt ihn. "Erst neulich hat mir mein Vater gesagt: ,Es ist toll zu sehen, wie du es schaffst, Künstler zu bleiben, das Kindliche zu bewahren und dabei Geld zu verdienen. Geh deinen Weg weiter!‘"

Als Kind war er kaum von den Eisenbahnen und Piratenschiffen zu trennen, während seine Schwester Raumschiffe bevorzugte. Mit 16, 17 Jahren allerdings flachte die Begeisterung ab. Dann begann das, was die erwachsenen Lego-Fans halbironisch die "Dark Ages" nennen, das "dunkle Zeitalter": Ein gutes halbes Jahrzehnt lang spielte Lego in Lehmanns Leben überhaupt keine Rolle mehr, die Steine staubten in der Garage seines Elternhauses zu. Als die entrümpelt werden sollte, war Lehmann Mitte Zwanzig – und begann, die Schätze seiner Kindheit in der Studentenwohnung wieder aufzubauen. Die Bausätze, die er seinem Freund Philipp und dessen ebenfalls Lego-begeisterter Braut zur Hochzeit schenken wollte, kaufte er auch für sich selbst. Der Rest ist Geschichte.

Wie viele Steine er besitzt, weiß er nicht. "Ein paar hunderttausend werden es schon sein." In sein acht Quadratmeter kleines Arbeitszimmer passen die nicht, auch zwei große Schränke im Flur sind gefüllt mit seinem Arbeitsmaterial, das in diesem Fall eben keine Akten sind, sondern Steine aus dem Kunststoff Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat (ABS), von denen sich jeder seit 1963 produzierte mit jedem anderen kreativ verbinden lässt.

Und wenn auch im Wohnzimmer Lego herumfliegt, ist er unschuldig. Denn dann bauen seine kleinen Töchter mit ihren eigenen Steinen – rosafarbene Ponyhöfe, Raumschiffe oder Ritterburgen.

 
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