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Arne Ulbricht aus Wuppertal
Der Lehrer, der kein Beamter sein will

Arne Ulbricht - ein Lehrer verzichtet auf den Beamtenstatus
Arne Ulbricht - ein Lehrer verzichtet auf den Beamtenstatus FOTO: dpa, Bernd Thissen
Wuppertal. Der Wuppertaler Lehrer Arne Ulbricht hat mit seinem Entschluss, auf den Beamtenstatus zu verzichten, heftige Reaktionen ausgelöst. Bereut hat er es nicht. Er will mit seinem Schritt das System der Verbeamtung in Frage stellen. Von Jörg Isringhaus

Arne Ulbricht ist Lehrer. Er weiß, dass alleine dieser profane Befund ausreicht, um in Gesprächen über die Berufswahl bei Zeitgenossen wahlweise Unverständnis, Beileid oder verhaltenen Respekt angesichts einer schier unlösbaren Aufgabe auszulösen. Aber Ulbricht ist gerne Lehrer, er ist es, allen Widrigkeiten zum Trotz, sogar aus Leidenschaft und hat deshalb beschlossen, seine polarisierende Sicht auf diesen Berufsstand in ein Buch zu fassen.

Quasi nebenbei verkündete er, freiwillig auf seinen Beamtenstatus zu verzichten – und löste eine mediale Lawine aus. Kein Tag vergeht ohne zahllose Mails, Briefe, Anrufe, zumeist wird er darin für verrückt erklärt. Ulbricht hat ein Tabu gebrochen, ans Allerheiligste gerührt, das bleibt nicht unwidersprochen. Der 40-Jährige nimmt es gelassen: "Ich fühle mich besser so."

Traumberuf oder Horrorjob?

Die Lesung aus seinem Buch "Lehrer – Traumberuf oder Horrorjob?" in der Wuppertaler Buchhandlung Mackensen zeigt, dass Ulbricht einen Nerv getroffen hat. Bis zum Eingang quetschen sich die Besucher, die Stühle reichen nicht aus. Der 40-Jährige liest aus der Geschichte seines Lehrer-Lebens, und der spätere, für viele unbegreifliche Entschluss wird nachvollziehbarer.

Ulbricht hat sich über mehrere Jahre als angestellter Vertretungslehrer für Französisch und Geschichte durchgeschlagen, oft nur mit Mehrmonatsverträgen, dazu noch die Bundesländer gewechselt. Heute arbeitet er an einem Berufskolleg in Wuppertal. Eigentlich müsste er froh sein über die Sicherheit als Beamter. Aber er hat auf seiner Odyssee den Bildungsföderalismus hassen gelernt – und zum ersten Mal am System der Verbeamtung gezweifelt. "Weil es zu starr ist", sagt er. "Mir ist meine persönliche Freiheit lieber."

Er sei kein Verbeamtungsgegner, sagt Ulbricht, das sei ihm wichtig. Er werfe auch niemandem den Beamtenstatus vor. Doch das Prinzip der Verbeamtung von Lehrern hält er für unzeitgemäß und ungerecht. Verbeamtete erhalten mehr Geld als angestellte Lehrer – laut der Schutzgemeinschaft der angestellten Lehrerinnen und Lehrer in NRW (Schall) rund 500 Euro im Monat. Ulbricht stört auch, dass Beamte ihre Urkunde auf Lebenszeit bekommen und dass sie für diese Lebenszeit meist an einer Schule bleiben. "Als Angestellter kann ich mich problemlos überall bewerben", sagt er. Zudem dürfen Beamte nicht streiken und zahlen nicht in die Rentenkasse ein.

"Genau dies sind die Gründe..."

Die Verbeamtung dürfe auf keinen Fall der Grund sein, Lehrer zu werden, sagt Ulbricht. Tatsächlich strebe aber jeder diese hundertprozentige Jobsicherheit an, anstatt sich zu fragen, ob man dem Beruf gewachsen sei. Niemand sage, heißt es in seinem Buch, "dass er verbeamtet worden sei, weil er durch seine Arbeit sein Treueverhältnis zum Dienstherrn (dem Staat bzw. dem Land) nachweise und weil er durch die Lehrertätigkeit hoheitsrechtliche Aufgaben wahrnehme. Genau dies sind aber die Gründe, weshalb man verbeamtet wird".

Der Deutsche Beamtenbund sieht keinerlei Grund, den Status des Lehrers als Staatsbediensteter in Frage zu stellen. "Wer über die schulische Laufbahn eines jungen Menschen entscheidet, dem kommt eine hoheitliche Aufgabe zu", sagt Cornelia Krüger, Sprecherin des Beamtenbundes. Für Lehramtsanwärter sei der Beamtenstatus generell nach wie vor sehr attraktiv. Das könne man auch daran ablesen, dass Bundesländer wie Berlin, die Lehrer nicht mehr verbeamten, mit Nachwuchssorgen zu kämpfen haben. Von den bundesweit rund 850 000 Lehrern sind rund 200 000 angestellt. Ulbrichts Weg könne nur einschlagen, wer finanzielle Rückendeckung habe, erklärt Schall-Vorsitzender Heinz Werner Müller.

Ulbricht, Vater von zwei Kindern, räumt freimütig ein, auf nichts verzichten zu müssen. Er kann sich den Schritt leisten, seine Frau arbeitet in leitender Funktion bei einem Pharmakonzern. Trotzdem hatte sie zunächst wenig Verständnis für die Entscheidung ihres Mannes. "Sie sagte, gerade nach der langen Zeit mit Vertretungsjobs sei das sozusagen wie die Pointe meines Lehrer-Lebens", erzählt Ulbricht. Auch sein Vater, ein Amtsrichter, haderte mit dem Entschluss, im Lehrer-Kollegium herrschte zunächst Ratlosigkeit, die von Kopfschütteln und Witzeleien abgelöst wurden. Mittlerweile wird Ulbricht auch mal beiseite genommen und gefragt, ob er sich nicht zu sehr in die Abhängigkeit seiner Frau begebe.

"Studenten-Typ"

Der 40-Jährige lässt sich davon nicht beirren. Er selbst sagt von sich, er sei der "Studenten-Typ" – lange Haare, Bart, legere Kleidung. Einer, der schon mal Probleme mit Autoritäten hat und seine Freiheit über alles schätzt. Eine Freiheit, die in direktem Kontrast steht zur Beamtenpflicht. Über seine Befähigung oder die anderer als Lehrer sagt das erstmal gar nichts aus. "Ich kenne verbeamtete Lehrer, die wahnsinnig engagiert sind, und angestellte Lehrer, die total resigniert haben", sagt er.

Trotzdem ist er der Ansicht, dass alle Lehrer angestellt werden müssten. Und sie sollten nach Leistung bezahlt werden, in einem Beruf, in dem alles vom persönlichen Einsatz abhängt. Zudem sei das anderen Branchen gegenüber gerechter und würde den falschen Ruf der Lehrer als faule Beamte aufpolieren.

Was ist überhaupt ein guter Lehrer? Ein guter Lehrer, schreibt Ulbricht, zeichne sich vor allem dadurch aus, dass er vor der Klasse besteht. Dieses Durchhaltevermögen zeigt er auch bei seiner Entscheidung, den Beamtenstatus abzulegen. "Das ist endgültig", sagt er. Am 1. Februar ist Arne Ulbricht also immer noch Lehrer – aber nicht mehr Beamter auf Lebenszeit.

(RP/csi/pst)
 
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