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Prälat in Dachau
Der letzte Zeuge

Ochtrup. Mit Hermann Scheipers hatten die Schutzengel viel zu tun: Der Prälat entging im Konzentrationslager Dachau mehrmals dem Tod. Nun ist der letzte Überlebende aus dem "Priesterblock" des KZ mit 102 Jahren gestorben. Eine Begegnung. Von Martina Stöcker

Sein Zimmer im ersten Stock des Carl-Sonnenschein-Hauses in Ochtrup hat er sich bewusst ausgesucht. Denn links daneben liegt die Kapelle des Pflegeheims. So hat es Pastor Hermann Scheipers nicht weit, wenn er die Andacht besuchen oder beten will. Die Wände zieren Fotos der Kirchen, an deren Bau er beteiligt war. Direkt neben der Tür hängt das Foto der Frau, der er sein Leben verdankt.

Hermann Scheipers ist der letzte Überlebende aus dem "Priesterblock" im Konzentrationslager Dachau. Auf Geheiß des SS-Reichsführers Heinrich Himmler wurden ab 1940 alle inhaftierten Geistlichen nach Dachau verlegt und in einem speziellen Block konzentriert. Knapp 3000 Geistliche aus aller Herren Länder waren in den drei Baracken untergebracht. Scheipers, der in Ochtrup geboren wurde und in Münster studiert hatte, war wegen der "Priesterschwemme" im Münsterland ins Bistum Meißen gegangen. Dort wurde er im Oktober 1940 inhaftiert, weil er verbotenerweise mit polnischen Zwangsarbeitern die Messe gefeiert hatte. "Scheipers ist ein fanatischer Verfechter der katholischen Kirche und deswegen geeignet, Unruhe in die Bevölkerung zu tragen. Daher weitere Schutzhaft im KZ Dachau", heißt es in seiner Gestapo-Akte. Im März 1941 wurde er in das Lager nahe München überstellt.

Die Zeit im Konzentrationslager ist für Hermann Scheipers ein Lebensthema, und er wird nicht müde, davon zu berichten. Deshalb empfängt er auch mit 102 Jahren noch Besucher, denen er von seinen Erlebnissen erzählt - noch zwei Tage vor seinem Tod. Er sitzt im Rollstuhl und hört etwas schlecht, deshalb klappt er das rechte Ohr vor. Aber sein Geist ist wach, er kann sich an die Geschehnisse gut erinnern. Auch seine Häftlingsnummer, die über dem roten Winkel für politische Gefangene angebracht war, kann er noch auswendig. "24255", sagt er und lächelt zufrieden.

Die Frau auf dem Foto in seinem Zimmer ist Anna, seine Zwillingsschwester. Sie ist seine Lebensretterin. Denn im Sommer 1942 - nach mehr als einem Jahr Lagerhaft - brach der junge Priester bei einem Appell zusammen. Der Arzt bescheinigt ihm eine "allgemeine körperliche Schwäche" - sein Todesurteil. "Zum ersten und einzigen Mal gab ich mich verloren", schreibt Scheipers in seiner Autobiografie "Gratwanderungen". Denn wer in Dachau zu schwach zum Arbeiten war, kam zunächst in den Invalidenblock. Von dort wurden die Menschen nach Hartheim bei Linz gebracht und vergast. Dachau, das schon im März 1933 eingerichtet worden war und in den ersten Jahren zur Abschreckung und Inhaftierung politischer Gegner diente, hatte keine eigenen Gaskammern. Allein 1942 wurden nach diesen "Invalidentransporten" 3166 Häftlinge getötet, darunter 336 Priester.

Als Anna Schweppe, so hieß sie nach ihrer Hochzeit, im Juli 1942 durch Mit-Häftlinge erfuhr, dass sich ihr Bruder im Invalidenblock befand, reiste sie erst nach Dachau, konnte aber nichts ausrichten. Dann fuhren sie und der Vater zur Gestapo-Zweigstelle in Leipzig. Ein Mitarbeiter verplapperte sich, ein Dr. Bernsdorf in Berlin sei zuständig. Die beiden fuhren nach Oranienburg und standen vor einer Zweigstelle des Reichssicherheitshauptamts. Vor dem Mitarbeiter pokerte Anna Schweppe und behauptete, dass im ganzen Münsterland Gesprächsthema sei, dass in Dachau Priester vergast würden. Der Bluff funktionierte. "Innerhalb von drei Tagen bekommen Sie von Ihrem Bruder die Nachricht, dass es ihm gut geht." Was beweist: Westfälische Sturheit kann Leben retten. Nach dieser Intervention wurde nicht nur ihr Bruder verschont, sondern auch alle reichsdeutschen Priester durften den Invalidenblock verlassen.

Wie erträgt ein Mensch dieses Grauen um ihn herum? Wie erduldet er es, dem Tod so oft ins Auge zu blicken, so viele Momente der Hoffnungslosigkeit zu erleben? Ein Gedanke des Priesters und Theologen Romano Guardini wurde Scheipers' Leitspruch: "Geborgenheit im Letzten gibt Gelassenheit im Vorletzten." Der Glaube an Gott hat ihm Kraft, Trost und Halt gegeben, auch die Gemeinschaft mit den Glaubensbrüdern. "Gehadert habe ich nie", sagt Scheipers, "sondern ich habe auf die Beziehung zu Gott vertraut und darauf, dass er das Richtige tut." In Block 26 lebten die deutschen Priester, es gab eine Kapelle, und sie durften die Heilige Messe feiern. Der aus Kleve stammende Karl Leisner, der an den Folgen der KZ-Haft nach Kriegsende starb, wurde dort sogar zum Priester geweiht. Doch der Ton war auch rau, die Priester waren Opfer von Drangsalierungen. "Ihr Pfaffen seid der gleiche Scheißdreck wie wir alle hier im Lager, aber eines könnt ihr: Ihr könnt verzeihen!", sagte ein Stubenältester. Das gehört zum christlichen Menschenbild, doch Scheipers gesteht, dass er sich damit in manchen Fällen schwergetan hat.

Im KZ hat sich der junge Priester auch ein Stück Naivität erlaubt. "Wir wussten, dass jede Woche Menschen abgeholt wurden, die in Schloss Hartheim vergast wurden - aber ich habe hin und her geschwankt und gezweifelt, ob es wirklich stimmt." Als ein Luxemburger Pfarrer zu den Todeskandidaten gehörte und auf den Lkw steigen sollte, wollte Scheipers ihn trösten. Vielleicht sei es gar nicht so, wie alle dächten. Doch, das sei schon so, entgegnete der Priester, er fahre nun in den Himmel. "Diesen Satz habe ich bis heute nicht vergessen."

Hermann Scheipers entging dank seiner Schwester der Vergasung, doch er geriet wieder in Lebensgefahr: Er wurde in einen Block verlegt, der ihm wie ein Paradies vorkam. Die Häftlinge erhielten ordentliche Lebensmittelrationen, Dinge wie Butter, Fleisch und Milch, die sie seit Jahren nicht gesehen hatten. "Aus ausgehungerten Skeletten sollten wieder Menschen werden", stellt Scheipers fest. Er wusste aber, dass alles im KZ seinen Preis hat: Im Auftrag der Luftwaffe wurden Experimente durchgeführt, etwa wie lange ein Mensch in Eiswasser oder in einem Kasten, aus dem die Luft herausgepumpt wird, überleben kann. Auch hier hatte der Westfale wieder Glück im Unglück. Ein Offizier der Luftwaffe inspizierte die Baracke und fragte ihn, warum er im KZ sei. "Als ich antwortete, dass ich Priester sei, sagte er: ,Sofort ab, das kommt nicht infrage!'"

Es gab viele kleine und große Rettungen, viele Helfer, Zufälle und Beschützer. "Ich habe immer große Dankbarkeit gespürt, wie ich von Gott geführt wurde, ohne dass ich zu Schaden kam", sagt Scheipers. "Ich habe lauter Schutzengel gehabt, mit denen ich gar nicht rechnen konnte." Und wenn er über einen Satz wie diesen lächelt, sieht man in seinem Gesicht auch den Lausbuben, der er früher gewesen sein muss. An manchen Tagen mussten die Engel wahrlich Höchstarbeit leisten, denn der Westfale forderte sein Glück auch heraus. So hatte er sich Lederschuhe im KZ "organisiert", für die er aber eine schriftliche Berechtigung benötigte. Nur woher sollte er die nehmen? Also stieg er unbemerkt in den Raum ein, in dem die Wachleute die Päckchen für die Insassen lagerten, nahm sich die Lebensmittel hinaus und tat die Schuhe hinein. Als er das Päckchen öffnete, tat er überrascht über seine neuen Schuhe - und bekam die Bescheinigung.

Diese Risikofreude und sein Organisationstalent sicherten ihm sein Überleben. So bekam er von einem russischen Zwangsarbeiter aus den Messerschmitt-Werken ein Messerchen geschenkt. "Ich dachte mir, dass ich es eines Tages sicher brauchen würde." Er versteckte den verbotenen Gegenstand, und als die Insassen in den letzten Kriegstagen auf einen Todesmarsch geschickt wurden, konnte er fliehen. Da es keine Häftlingskleidung mehr gab, trug Scheipers einen Anzug, auf dessen Rücken ein großes Kreuz aufgenäht worden war. Mit dem Messer trennte er die verräterische Markierung ab. Auch das wieder eine Rettung.

Er schlug sich zu seiner Familie nach Ochtrup durch. Doch bleiben wollte er nicht. "Ich hatte meine Stelle im Bistum Meißen, und ich wusste, dort waren viele Menschen, besonders die Vertriebenen, die meiner Seelsorge bedurften." So machte er sich 1946 auf einen abenteuerlichen Weg in die von den Sowjets besetzte Zone, wurde Kaplan in Radebeul. Es folgten Stellen in Freital, Wilsdruff und Schirgiswalde. Sein Wirken blieb von den DDR-Behörden nicht unbemerkt, in den 70er Jahren wurde er intensiv von der Staatssicherheit beobachtet. Wegen Anna, die nach einer Operation gelähmt war und 2007 starb, kehrte er mit seinem Ruhestand 1983 zurück nach Westfalen.

Nächstes Jahr hätte ein Fest zu einem einzigartigen Jubiläum angestanden, denn Hermann Scheipers wurde 1937 in Bautzen zum Priester geweiht. "Und, Herr Pastor? Schaffen Sie es noch zum 80. Jahrestag Ihrer Priesterweihe?" Er lächelt verschmitzt. "Das will ich doch dem lieben Gott überlassen", sagt er. "Aber damit, dass ich so lange lebe, hat niemand gerechnet." Nur zwei Tage nach diesem Satz, am Donnerstagabend, ist er gestorben. Nun kann er seinen Schutzengeln persönlich "Danke" sagen.

Quelle: RP
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