Besuch in Norditalien: Der Papst betet am Turiner Grabtuch
zuletzt aktualisiert: 02.05.2010 - 19:38Turin (RPO). Papst Benedikt XVI. hat am Sonntag vor dem Turiner Grabtuch gebetet. Seine Meditation vor der Reliquie, die das Abbild eines gekreuzigten Mannes zeigt, war der Höhepunkt eines eintägigen Besuchs in der norditalienischen Industriemetropole.
Benedikt XVI. nannte das Leintuch ein Bild aus dem "Niemandsland zwischen Tod und Auferstehung", das auch an die Verborgenheit Gottes angesichts der Konzentrationslager und der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki erinnere. Am Vormittag hatte das Kirchenoberhaupt eine große Messe in der Turiner Innenstadt gefeiert. Der Nachmittag war von einem Treffen mit Jugendlichen aus Norditalien bestimmt.
Das berühmte Tuch soll das Leichentuch Jesu sein. Zahlreiche Wissenschaftler ziehen das allerdings in Zweifel. Auf dem vier mal ein Meter großen Stoffstück sind die Umrisse und das Antlitz eines Mannes zu erkennen, der Kreuzmale trägt. Zweifel an der Echtheit kamen 1988 auf, als Wissenschaftler nach Untersuchungen erklärten, der Stoff stamme mit 95-prozentiger Sicherheit aus dem Zeitraum von 1260 bis 1380. Das Ergebnis bleibt jedoch umstritten. Wie der Abdruck auf das Tuch gekommen ist, ist ungeklärt.
In seiner Ansprache im Dom nannte Benedikt XVI. das Grabtuch eine "mit Blut gemalte Ikone". Zu Beginn kniete er lange vor dem 4,37 Meter langen und 1,11 Meter breiten Leinen, das derzeit im Altarraum der Kathedrale ausgestellt ist. Die Reliquie ist erstmals seit zehn Jahren wieder öffentlich zu sehen. Im gesamten Ausstellungszeitraum vom 10. April bis zum 23. Mai rechnet das Erzbistum Turin mit mehr als zwei Millionen Besuchern.
Das Grabtuch erinnere an die Verborgenheit Gottes am Karsamstag, sagte der Papst; dies sei zugleich eine Erfahrung des zeitgenössischen Menschen "als eine Leere im Herzen, die sich immer weiter ausgebreitet hat". Benedikt XVI. verwies dabei auf ein Zitat Friedrich Nietzsches: "Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!"
"Nach zwei Weltkriegen, nach den Konzentrationslagern und Gulags, Hiroshima und Nagasaki ist unsere Epoche immer mehr zu einem Karsamstag geworden", sagte der Papst. Die Dunkelheit dieses Tages hinterfrage alle, die nach dem Sinn des Lebens suchten, insbesondere die Gläubigen. Zugleich seien im Grabtuch wie bei einer fotografischen Aufnahme Negativ und Positiv verbunden. "Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das leuchtendste Zeichen einer Hoffnung, die kein Ende hat", sagte Benedikt XVI.
Am Vormittag hatte das Kirchenoberhaupt in einem Gottesdienst mit rund 25.000 Teilnehmern das Grabtuch als "Zeichen der Hoffnung" bezeichnet. Wer die Reliquie betrachte, erkenne in den Schmerzen Christi auch das eigene Leid. Das Leinen enthalte die Botschaft, dass Christus durch seinen Tod am Kreuz das Elend der Welt überwunden habe, sagte das Kirchenoberhaupt in seiner Predigt auf der Piazza San Carlo.
Bei seiner Begegnung mit etwa 10.000 Jugendlichen am Nachmittag rief Benedikt XVI. dazu auf, vor verbindlichen Lebensentscheidungen nicht zurückzuschrecken. In der heutigen Zeit herrschten eine Mentalität des schnellen Wandels und eine individualistische Kultur, die tiefere zwischenmenschliche Beziehungen behindere. Junge Menschen hätten hingegen ein natürliches Gespür für "wahrhafte Liebe".
Der Papst forderte die jungen Katholiken auf, am kirchlichen Leben teilzunehmen und sich sozial zu engagieren. Abschließend besuchte Benedikt XVI. die kirchlichen Sozialeinrichtungen des "Cottolengo". Dort traf er persönlich mit Kranken und Pflegepersonal zusammen.
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