Serie "Deutsche Momente 4!": Der Schrei nach Freiheit am 17. Juni 1953
VON RUDOLF BAUER - zuletzt aktualisiert: 02.02.2011 - 14:43Düsseldorf (RP). Die Unzufriedenheit der Bürger in der DDR hatte monatelang gegärt. Nach der Erhöhung der "Arbeitsnormen" entlud sich die Wut der Arbeiter in einem Aufstand. Die Sowjetunion schlug die Revolte blutig nieder: 267 Demonstranten wurden getötet, 1017 verletzt.
Die Serie umfasst folgende Teile:
29.01.:
Wir sind alles Zeitzeugen
31.01.:
1945: Flucht und Vertreibung
01.02.:
1948: Die Geschäfte bieten wieder Waren an
02.02.:
1953: Arbeiteraufstand in Ostberlin
03.02.:
1954: Das Wunder von Bern
04.02.:
1961 Mauerbau in Berlin
05.02.:
1967: Begräbnis von Konrad Adenauer
07.02.:
1970: Kniefall von Willy Brandt
08.02.:
1973: der erste autofreie Sonntag
09.02.:
1977: Deutscher Herbst
10.02.:
1978: der letzte VW-Käfer
11.02.:
1984: RTL erster privater TV-Sender
12.02.:
1985: Boris Becker gewinnt Wimbledon
14.02.:
1989: Ausreiseerlaubnis für Ostdeutsche
15.02.:
1989: Fall der Berliner Mauer
16.02.:
1998: Rot-Grün regiert erstmals
17.02.:
2002: Abschied von der D-Mark
18.02.:
19. April 2005 Wir sind Papst
19.02.:
2005: Die erste Bundeskanzlerin
"Freiheit!" riefen die Menschen in der DDR. Immer wieder "Freiheit!". Andere forderten im Staccato: "Kollegen, reiht euch ein, wir wollen freie Menschen sein." Nein, das war nicht 1988 am Ende des SED-Staats, das gekennzeichnet war durch den Ruf in den Straßen "Wir sind das Volk. Wir sind das Volk". Der erste öffentliche Schrei nach Freiheit erscholl am 17. Juni 1953. Wir im Westen hörten und lasen die Nachrichten mit einer Mischung aus Bewunderung und Sorge. Was könnte sich dort anbahnen? Mit welchen Folgen? Die Antwort kam bald: Der Schrei nach Freiheit wurde im Blut erstickt.
"Arbeiter- und Bauernstaat" nannten die Machthaber der SED den von der Sowjetunion besetzten Teil Deutschlands. Aber es waren Arbeiter, die gegen Unterdrückung, Unrecht und Unfreiheit aufstanden und ihr Leben riskierten. Die Erhebung begann damit, dass die Bauarbeiter in der Stalin-Allee in Ostberlin die Arbeit niederlegten – ausgerechnet in der Straße, die den Aufbau des Sozialismus in der DDR repräsentieren sollte. Dieser Teil des Aufstands hatte schon am 16. Juni begonnen. In den Zeitungen der "alten" Bundesrepublik war am 17. Juni zu lesen: "10 000 Arbeiter protestieren vor dem Sitz der Zonenregierung gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen und fordern freie Wahlen."
Zeitzeugen von damals müssen den Jüngeren von heute wohl die Bezeichnung "Zonenregierung" erklären: So hieß im damaligen westlichen Sprachgebrauch die Regierung der DDR, also die Regierung in der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands.
Erhöhte Arbeitsnormen waren Auslöser für Unruhen
Anlass für den Arbeiteraufstand war eine am 28. Mai von der Regierung angeordnete Erhöhung der "Arbeitsnormen" um mindestens zehn Prozent. Bei Nichterfüllung drohte eine Senkung der Löhne. Das wurde vom Staat, der systemgerecht als Unternehmer und Arbeitgeber fungierte, angeordnet, obwohl die Regierung durch ihr Spitzelsystem wissen musste, dass die Arbeiter sich längst als unterdrückt, ausgepumpt und ausgebeutet empfanden.
Zum Hintergrund gehört eine ernste wirtschaftliche Krise in der DDR im Winter 1952/53. Die Ernährungslage war miserabel. Der mit Nachdruck betriebene Aufbau der Schwerindustrie hatte im sozialistisch gelenkten Wirtschaftssystem zwangsläufig dazu geführt, dass die Konsumgüter-Industrie und damit die Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Dingen des täglichen Lebens vernachlässigt wurden.
Zum Hintergrund der Bereitschaft zum Aufstand gehörte aber gewiss auch die Tatsache, dass die Menschen in der DDR schon 20 Jahre als Unterdrückte lebten – zunächst ab 1933 in der braunen Diktatur, dann in nahtlosem Übergang in der von den Sowjets verordneten roten Diktatur. Da wird das Maß des Leidens voll gewesen sein.
20 Jahre Unterdrückung waren genug
Die Bereitschaft zum öffentlichen Protest und zum Streik war schon im Frühjahr 1953 zu erkennen. In dieser Zeit stiegen auch die Flüchtlingszahlen beträchtlich: Von Januar bis Mai kehrten 185 000 Frauen und Männer der DDR den Rücken und suchten in der Bundesrepublik eine Zukunft in Freiheit. Die Protestierenden und die Streikenden mögen auch an den Tod Stalins am 5. März Hoffnungen geknüpft haben. Von einigen Arbeitern war hinter vorgehaltener Hand zu hören: "Der Machtkampf der möglichen Nachfolger des Diktators könnte die Aufmerksamkeit des Kreml von den Vorgängen in der DDR ablenken; dann wird vielleicht nicht so schnell geschossen, und die sowjetischen Truppen lassen ihre Panzer in den Kasernen." Es war eine trügerische Hoffnung, obwohl Stalins Nachfolger Malenkow zunächst einen gemilderten innenpolitischen Kurs eingeschlagen hatte, was in der DDR zu einer vorübergehenden Nachgiebigkeit gegenüber der Bevölkerung führte. Aber eben nur vorübergehend.
Die Arbeiter riskierten jedenfalls mit dem Mut der Verzweifelten den Aufstand. Im weiteren Verlauf zeichnete sich bald immer klarer ab, dass es ihnen nicht (mehr) in erster Linie um die "Arbeitsnormen" ging. Vielmehr wollten sie das Regime stürzen, um die Freiheit zurückzugewinnen. Das sagt und schreibt sich im Jahr 2011 alles leicht – mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung und dem Ende der menschenverachtenden Diktatur in Ostberlin. Damals, vor nun fast 60 Jahren, begaben sich die Demonstranten und die Streikenden in höchste Gefahr. Sie lebten in einem System, das keinen Widerspruch dulden konnte, weil er das Ende des Systems eingeläutet hätte.
Wer in einem freiheitlichen Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen ist und lebt, kann sich nicht vorstellen, was in einer Diktatur beispielsweise folgende Szene bedeutete: Als Fritz Selbmann, damals Minister für Industrie, zu der aufgebrachten Menge vor dem Regierungsgebäude in der Leipziger Straße beschwichtigend zu reden versuchte, kam er kaum zu Wort; ein Arbeiter schob ihn schließlich zur Seite und rief: "Hier stehen nicht allein die Bauarbeiter der Stalin-Allee, hier stehen Berlin und die ganze Zone ... Was du hier siehst, ist eine Volkserhebung ... Wir fordern freie und geheime Wahlen."
Das war am 16. Juni. Einen Tag später folgte die Erhebung, die sich von Ostberlin aus auf die ganze "Zone" ausbreitete. Einige Schwerpunkte als Beispiele: In Frankfurt an der Oder legten in den frühen Morgenstunden einige Tausend "Werktätige" die Arbeit nieder; in Görlitz gingen 50 000 auf die Straße; in Magdeburg mehr als 100 000; in Leipzig zwangen Arbeiter den Bürgermeister, an der Spitze ihres Demonstrationszuges mitzumarschieren und dabei ein Transparent zu tragen; im mitteldeutschen Braunkohlerevier stürmten Demonstranten die SED-Zentralen, entwaffneten Volkspolizisten und befreiten Häftlinge; in Bitterfeld ordnete ein Streikkomitee erfolgreich an, dass das Bürgermeisteramt, die Polizeiämter und die Dienststellen der Staatssicherheit (Stasi) besetzt wurden.
Russische Panzer rollen an
In Ostberlin hatten sich Demonstrationszüge aus verschiedenen Stadtteilen schon früh in Richtung Alexanderplatz und Leipziger Straße in Bewegung gesetzt. Dort aber schlugen Volkspolizisten mit Holz- und Gummiknüppeln auf die Menschen ein und verhafteten Demonstranten. Schon gegen 9 Uhr zeichnete sich das gewaltsame Ende ab. Die sowjetischen Truppen ließen zahlreiche Panzer, motorisierte Infanterie und motorisierte Granatwerfer anrollen, am Ende sogar schwerste Panzer des Modells T-34. Die Demonstranten wichen ihnen aus und schlossen sich dann erneut zusammen. Immerhin gelang es ihnen noch, vom Brandenburger Tor die verhasste rote Fahne herunterzuholen. Die Sowjets und in ihrem Schutz die SED-Machthaber schauten jedoch nur noch wenige Stunden untätig zu. Um 12 Uhr am Mittag erhielt die Volkspolizei Schieß-Erlaubnis, und der sowjetische Stadtkommandant befahl: "Ab 13 Uhr wird der Ausnahmezustand verhängt. Menschenansammlungen von mehr als drei Personen sind verboten. Verstöße gegen diesen Befehl werden nach dem Kriegsrecht bestraft."
Gegen Panzer, Maschinenpistolen und Gewehre konnten die Demonstranten dauerhaft nichts ausrichten; nicht einmal für kurze Zeit. Am Abend herrschte in Ostberlin und in anderen Teilen der DDR wieder Ruhe – die Ruhe eines Friedhofs. In einer nicht hundertprozentig zuverlässigen Statistik ist nachzulesen: 267 Demonstranten wurden getötet, 1017 verletzt, 116 Volkspolizisten und 18 Sowjetsoldaten kamen ums Leben, einige Hundert wurden verletzt; von 6300 Verhafteten wurden 14 zum Tod verurteilt, 1067 zu hohen Zuchthausstrafen; aus dem "Militär- und Parteiapparat" wurden 52 Männer wegen Befehlsverweigerung erschossen. Der Schrei einer entrechteten Bevölkerung nach Freiheit war erbarmungslos im Blut erstickt worden. Acht Jahre später wurde die Mauer gebaut. Bis zur Freiheit mussten noch fast 40 Jahre Unfreiheit erduldet werden. Die Nazizeit mitgerechnet, mussten viele Menschen fast 60 Jahre Unterdrückung und Unrecht erleiden.
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