| 16.12 Uhr

Meuterei auf der Gorch Fock?
Der Traumsegler entwickelt sich zum Albtraum

Die Gorch Fock - Schulschiff der Deutschen Marine
Die Gorch Fock - Schulschiff der Deutschen Marine FOTO: Helmut Michelis
Berlin. Angebliche Meuterei und schwere Vorwürfe gegen die Ausbilder - die Skandale um das deutsche Schulschiff Gorch Fock haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Und schon jetzt wird auf Seiten der Opposition Kritik laut. Wie lange sich die Marineleitung dieser noch erwehren kann, ist fraglich. Schließlich starben bereits sechs Kadetten während ihrer Ausbildung auf dem Dreimaster. Von Dana Schülbe und Helmut Michelis

Der langjährige Kapitän der "Gorch Fock", Immo von Schnurbein, hat die Offiziersausbildung auf dem Segelschulschiff verteidigt. Nach wie vor halte er das Schiff "für einen wertvollen und wichtigen Bestandteil des Ausbildungsspektrums unserer Marine", sagte er gegenüber unserer Redaktion. Der Kapitän zur See a.D. war von 1986 bis 1992 Kommandant der "Gorch Fock". Der 72-Jährige mahnte zur Besonnenheit: Der jüngste Zwischenfall mit Offiziersanwärtern müsse "erst einmal genau untersucht werden".

Der heute in Augsburg lebende Marineoffizier sagte unserer Redaktion weiter, er stelle sich hinter den heutigen Kommandanten, Kapitän zur See Norbert Schatz. "Ich kenne und schätze ihn als sehr erfahrenen Mann und bewährten Offizier." Von einer Kampagne gegen die "Gorch Fock" und die angeblich nicht mehr zeitgemäße Ausbildung geht von Schnurbein nicht aus.

Tödlicher Unfall einer jungen Kadettin

Es war im November des vergangenen Jahres. Eine 25-jährige Kadettin stieg in die Takelage der Gorch Fock und stürzte aus den Masten auf das Deck. Wenig später erlag sie ihren Verletzungen. Kurz darauf wurde die Ausbildung auf dem Schiff eingestellt und sollte erst im September dieses Jahres wieder aufgenommen werden.

Nun werden Vorwürfe laut, dass auf die Kadetten Druck ausgeübt worden sei, in die Takelage zu klettern. Das geht aus einem Schreiben des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus an den Verteidigungsausschuss hervor. Viele Anwärter hätten nach dem Unglücksfall nicht mehr in die Masten klettern wollen, doch sei ihnen sogar damit gedroht worden, dann nicht mehr Offizier werden zu können.

Ausbildung nicht infrage gestellt

Die Vorwürfe sind abermals ein schwerer Schlag für das Segelschulschiff. Denn die Todesfälle hatten sich in den vergangenen Jahren gehäuft. Doch die Marine betonte immer wieder - wie auch jetzt -, dass die Ausbildung wichtig sei und nicht infrage gestellt wird. Der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold aber fragt im "Kölner Stadtanzeiger", ob das Unglück vermeidbar gewesen sei. Denn offenbar sei die Frau zu klein gewesen, um überhaupt in die Masten zu klettern.

Fest steht, dass das Ausbildungskonzept überprüft wird, denn schon länger gibt es Kritik, dass das sogenannte Aufentern und Segelsetzen für die Ausbildung moderner Marineoffiziere nicht mehr notwendig sei. Auch soll der aktuelle Vorfall untersucht werden. Für die sechs jungen Menschen, die während ihrer Ausbildung starben, kommt das aber zu spät.

Zwei von ihnen starben ebenfalls bei genau jenem umstrittenen Aufentern. Ein 19-Jähriger etwa war 2002 aus der Takelage gestürzt und gestorben. Im Jahr 1998 fiel ein anderer 19-Jähriger aus dem Großmast auf die Planken. Mehr Glück hatte ein 18-Jähriger im August 2008. Er stürzte bei einer Nachtübung aus zwölf Metern ins Wasser und erlitt lediglich Prellungen.

Kadettin über Bord gegangen

Der Fall aber, der am meisten Aufsehen erregte, war jener der 18-jährigen Kadettin aus NRW, die im September 2008 nördlich von Norderney über Bord ging. Bis heute ist nicht geklärt, wie dieses Unglück geschehen konnte, die Ermittlungen wurden eingestellt. Die Mannschaft hatte vergeblich nach ihr gesucht, doch Tage später wurde ihre Leiche rund 120 Kilometer von Helgoland entdeckt.

Seither geraten die Ereignisse auf dem Schiff verstärkt ins Visier des öffentlichen Interesses. Auch wenn die Marineleitung immer wieder betont, wie wenig Unfälle es seit der Inbetriebnahme des Schiffes im Jahre 1958 gab, so hinterlässt die Häufung in den vergangenen Jahren doch einen bitteren Nachgeschmack. Und die Vorwürfe der Anwärter, auf sie sei Druck ausgeübt worden, lässt die einst als vorbildlich geltende Ausbildung auf dem Dreimaster in einem schlechten Licht erscheinen.

Nachdem die 25-jährige Kadettin im vergangenen November zu Tode kam, hatte die Marine angekündigt, die Ermittlungen abwarten zu wollen und dann möglicherweise Konsequenzen daraus zu ziehen. Soll der Großsegler in Zukunft wieder die Rolle spielen, die er einst spielte - nämlich als Botschafter Deutschlands mit einer vorbildlichen Ausbildung - dann wird die Marine darum nicht herumkommen.

(RPO)
 
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