Weißfleckenkrankheit mit Gift behandelt: Der umstrittene Schlangendoktor aus Charakar
zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 09:28Charakar/Afghanistan (RPO). Glasbehälter voller Schlangen und Skorpione warten auf die Patienten, die in Scharen zu Mohammed Schersads homöopathischer Praxis im Norden Afghanistans kommen. Seit Jahrzehnten entnimmt Schersad den Tieren Gift, mischt es mit Kräuterextrakten und behandelt mit der Mixtur Menschen, die an Krampfanfällen und Vitiligo, der Weißfleckenkrankeit, leiden. Stolz berichtet er von Heilerfolgen - Schulmediziner sind skeptisch.
Afghanistan ist medizinisch dermaßen unterversorgt, dass viele Menschen einfach keinen Arzt finden: Nach UN-Angaben gibt es statistisch einen einzigen Mediziner für jeweils 10.000 Menschen. Eine Alternative sind Heiler wie Schersad. Seine Praxis in Charakar, der Hauptstadt der Provinz Parwan, hat mehr als 1800 Patienten. Sie zahlen eine Grundgebühr von umgerechnet knapp acht Euro; die Kapseln, Pulver und anderen Mittelchen für einen Monat kosten etwa 15 bis 22 Euro.
Vorher-Nachher-Fotos, aber keine Zeugnisse
Besuchern zeigt Schersad gern ein Album mit Vorher-Nachher-Fotos seiner Klienten. Auf einem ist ein junges Mädchen mit weißen Flecken auf den Füßen zu sehen. Ein zweites, später aufgenommenes Bild zeigt das Mädchen lächelnd und mit normaler Hautfarbe.
Die Hautkrankheit Vitiligo ist eine Pigmentstörung, die als nicht heilbar gilt. Sie verursacht zwar keine Schmerzen und ist nicht ansteckend, doch werden die Betroffenen wegen ihres fleckigen Aussehens manchmal gemieden und leiden seelisch darunter.
"Ich danke Gott, dass diese Erkrankung heute in Afghanistan heilbar ist", sagt Schersad, der nie Medizin studiert, aber mehr als 800 Seiten Abhandlungen über den menschlichen Körper verfasst hat. "Wir können der Welt verkünden, dass wir diese Krankheit jetzt heilen können."
Dr. Kasim Sajedi, der Leiter der Gesundheitsbehörde der Provinz Parwan, bezweifelt, dass Schersads Behandlung tatsächlich wirkt. Eine Zulassungsordnung für Heilpraktiker gibt es in Afghanistan nicht, aber die Behörden üben eine formlose Aufsicht aus. So verlangt die örtliche Gesundheitsbehörde von Schersad, der eine Zeit lang im Iran gelebt hat, Zeugnisse seiner Ausbildung vorzulegen.
"Man verabscheut mich, weil ich weiße Flecken habe"
"Er hatte keine Unterlagen außer einigen Video- und Fotoaufnahmen aus dem Iran, die ihn mit Schlangen und Skorpionen zeigen", erklärt Sajedi. Er lasse ihm ausreichend Zeit, sich die erforderlichen Dokumente zu verschaffen, und Schersad habe versprochen, alle Formalien für eine Zulassung zu erfüllen.
Schersad sagt, sein Erfolgsnachweis seien die Erfahrungen seiner Patienten. Die 21-jährige Nelufer hat einen fast zweistündigen Flug aus Herat im Westen Afghanistans nach Kabul und dann noch eine eineinhalbstündige Fahrt auf sich genommen. Sie leide seit neun Jahren an Vitiligo, berichtet sie. "Man verabscheut mich, weil ich weiße Flecken auf den Händen habe." Sie habe 20 Hautspezialisten in Afghanistan und Pakistan aufgesucht, bevor sie sich an Schersad um Hilfe gewandt habe.
Im Lauf der Jahre seien die Flecken auf den Händen größer geworden, und auch an den Füßen seien neue erschienen, sagt Nelufer. Sie hasst es, unter Leute zu gehen, weil sie fürchtet, ausgestoßen zu werden. "Es macht mir am meisten aus, dass niemand mit mir am selben Tisch essen will", sagt sie weinend.
Nasira dagegen weint Freudentränen: Ihrer neunjährigen Tochter Kausar, die vor Jahren die Weißfleckenkrankheit bekam, gehe es nach einigen Monaten Behandlung durch Schersad von Tag zu Tag besser. Das Mädchen fühle sich von den anderen Kindern nicht mehr ausgeschlossen und spiele in der Schule mit den Klassenkameradinnen. "Ich habe den Doktor in einer Fernsehsendung gesehen", erzählt die 34-Jährige. "Ich war verblüfft von seiner Arbeit. Jetzt ist meine Tochter bei ihm in Behandlung." Sie sei mit ihr bei zehn Hautärzten gewesen, die immer das gleiche gesagt hätten: Sie könnten nichts tun.
Zuneigung zu Giftschlangen
Die Anwendung von Schlangengift in homöopathischen Dosen ist in der Naturheilkunde bekannt. Schlangen und Skorpionen ihr Gift abzuzapfen, ist ein heikles, wenn nicht gefährliches Unterfangen. Doch nach mehr als 30 Jahren hat Schersad eine gewisse Zuneigung zu den Geschöpfen entwickelt. "Ich mag sie, und deshalb kümmere ich mich um sie", sagt er, während sich eine graue Schlange um seine Hand windet. Er nimmt sie auf den Schoß und drückt ihr das Gift aus dem Maul. Den Skorpionen saugt er mit einer Spritze das Gift aus dem Schwanz. Dann verarbeitet er das Gift, reinigt es von schädlichen Bestandteilen und versetzt es mit Gebirgskräutern.
Einer seiner Patienten, der elfjährige Mohammed Schafik, bekam epilepsieartige Anfälle, seit er von einem Hausdach gefallen war. Der Junge war bei mehreren Ärzten und nahm verschiedene Medikamente, doch sein Zustand besserte sich nicht. Fünf- bis sechsmal am Tag bekam er Anfälle. Zwei Wochen Behandlung bei Schersad hätten das Leben ihres Sohnes verändert, sagt seine Mutter Scharifa Ahamdi, die gerade die Mittelchen für die kommenden Wochen abholt. Er gehe und spreche besser und könne besser alleine essen. "Das ist ein gutes Zeichen, dass es mit ihm bergauf geht", sagt sie.
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