Katholische Kirche: Der "unzeitgemäße Zölibat"
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 26.09.2010 - 19:18(RP). In der katholischen Kirche in Deutschland wird eine neue Debatte um die Ehelosigkeit der Priester geführt. Ein Hintergrund ist der eklatante Priestermangel. Viele Bischöfe in Europa befürworten die Priesterweihe verheirateter Männer.
Neuerdings bleibt kircheninterne Kritik am Zölibat ohne Abstrafung. Vorbei also die Zeit, in der die kleinste Anregung, einmal über den Sinn oder die theologische Notwendigkeit der Ehelosigkeit von Priestern auch nur nachzudenken, sogleich mit scharfer Zurechtweisung höheren Orts beantwortet wurde.
Was einst Kirchenkritikern wie Hans Küng an den Rändern des katholischen Milieus vorbehalten war, ist nun Sache von Bischöfen geworden. So betonte jüngst der Trierer Bischof Stephan Ackermann, dass der Zölibat "nie zeitgemäß" war. Der Aufschrei zu dieser Bewertung blieb bedenkenswerterweise aus. Und Ackermann ist kein Unbekannter. Der Geistliche hat die bedrückendste Aufgabe, die die katholische Kirche zu vergeben hat – nämlich die Aufklärung der vielen Missbrauchsfälle –, nach Einschätzung vieler bislang mit großer Glaubwürdigkeit gemeistert.
"Nie zeitgemäß" – allein diese Formulierung erschien in der Kirche lange Zeit fast so etwas wie eine Revolution zu sein. Als werde an den Grundfesten des Glaubens gerüttelt und damit auch an jener Institution, die ihn verkündet.
Aber die Zeiten haben sich auch in der auf Zeitlosigkeit pochenden Kirche nachhaltig geändert. Am schärfsten zeigt es sich darin, dass ihr die Priester ausgehen und sie schon jetzt massive Probleme hat, ihrem Grundauftrag nachzukommen: der Seelsorge für die Menschen.
Dabei ist der Priestermangel hierzulande längst nicht mehr nur problematisch, sondern zunehmend dramatisch: In Deutschland sind derzeit rund 10 500 Priester im aktiven Dienst eines Bistums tätig. Damit ist ihre Zahl in den zurückliegenden zehn Jahren um 20 Prozent zurückgegangen. Das wirkt sich natürlich auf die Seelsorge vor Ort aus, auch wenn dort durch Neustrukturierungen größere Seelsorgebereiche geschaffen wurden. Im Erzbistum Köln soll ihre Zahl im kommenden Jahr von 221 auf 180 sinken, im Ruhrbistum von Essen fanden 259 Pfarreien zu 43 Einheiten zusammen.
Solche pastoralen Neuordnungen sind Versuche, mit dem Mangel an seelsorgerischem Personal irgendwie umzugehen – mehr aber auch nicht. Nach Auskunft der Deutschen Bischofskonferenz war vor einigen Jahren ein Pfarrer für vielleicht 5000 Gläubige da; zusammen mit einem Team betreut er heute rund 15 000 Katholiken. Und die Prognosen können keineswegs hoffnungsfroh stimmen: In vielen Bistümern rechnet man damit, dass in weiteren zehn Jahren ein Drittel weniger Priester zur Verfügung stehen wird. Mehr als die Hälfte der Gemeinden werde dann keinen eigenen Pfarrer mehr haben, ist auf der Internetseite der "Katholischen Kirche in Deutschland" zu lesen.
Dementsprechend beängstigend sind die Zahlen über den Nachwuchs: Im gesamten Bistum Aachen wurden 2009 und 2010 jeweils drei Priester geweiht, in Münster, wo vor einigen Jahren über 20 Priesterweihen üblich waren, sind es noch fünf (2009) und drei in diesem Jahr; das Ruhrbistum weihte 2009 zwei neue Priester und in diesem Jahr sogar nur einen; und selbst das bedeutende Erzbistum Köln kam 2009 über neun und 2010 bisher über vier Priesterweihen nicht hinaus.
Die Folgen dieser Entwicklung sind absehbar: Eine Kirche ohne Priester wird ihren gesamten Auftrag kaum erfüllen können. Dieser konkrete pastorale Notstand ist das Einfallstor für alle Zölibatskritiker. So fragt der Bamberger Dogmatiker Georg Kraus, was geschehen soll, wenn bald nicht mehr in jeder Gemeinde eine Eucharistiefeier stattfinden kann. Sie aber ist Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. In der Verantwortung sieht Kraus vor allem die Ortsbischöfe, die er zum eigenständigen Handeln auffordert und – im Verbund regionaler Bischofskonferenzen – zu "unkonventionellen Schritten". Behutsam gesprochen: zu einer Debatte über die "Zugangsbedingungen zum Priestertum".
Nun ist der Zölibat kein beliebiges Instrumentarium zur Steuerung des priesterlichen Nachwuchses. Immerhin geht es um die seit dem ersten Laterankonzil von 1123 kirchenrechtlich festgeschriebene Lebensform für Priester. Es geht um das Ideal der kultischen Reinheit, um die "vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreichs willen" (wie es bei Matthäus heißt) und um die "Ganzhingabe an den Dienst für Gott". Allerdings spielten schon im Mittelalter auch fragwürdige Motive zugunsten des Zölibats immer eine Rolle: So galt es auch, die Kirchengüter zu bewahren, indem eine Vererbung des kirchlichen Besitzes an Kinder ausgeschlossen werden konnte.
Ob die Ehelosigkeit gottgewollt ist und zweifelsfrei ableitbar von der Heiligen Schrift, darüber wird zunehmend gestritten. So hat Jesus die Ehelosigkeit selbst gelebt und auch empfohlen – allerdings mit dem Hinweis: "Wer das erfassen kann, erfasse es." Und der Apostel Paulus sagt: "Was die Frage der Ehelosigkeit angeht, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat." Für den Dogmatiker Georg Kraus wird darin der Charakter der Empfehlung kenntlich, nicht aber eine Bedingung bei der Berufung der Apostel. Petrus beispielsweise soll verheiratet gewesen sein.
Die theologisch geführte Debatte scheint mit dem gegenwärtigen und sich zwangsläufig zuspitzenden Priestermangel lauter zu werden. Und mittlerweile gibt es etliche Bischöfe in Europa, die die Priesterweihe von verheirateten, sogenannten bewährten Männern – den "viri probati" – befürworten.
Der Tenor: Der Zölibat soll ja keineswegs abgeschafft werden, nur der Pflichtzölibat. Die neue Qual der priesterlichen Wahl, bei der die gestrenge Form einer Lebenskontrolle plötzlich zur Option wird, dürfte in der Kirchenpraxis kaum zu realisieren und erst recht nicht zu vermitteln sein. So wird die Abschaffung des Pflichtzölibats auf absehbare Zeit die Abschaffung des Zölibats überhaupt sein.
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