| 19.08 Uhr

Interview mit dem Theologen Manfred Lütz
"Der Zölibat ist ein Lebensbekenntnis"

Düsseldorf. Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hält den Zölibat für ein beeindruckendes Glaubensbekenntnis, fordert aber eine lebendigere Zölibatskultur. Von Dorothee Krings

Schadet ein zölibatäres Leben dem Menschen?

Lütz Wenn der Zölibat überzeugend gelebt wird, schadet er natürlich nicht. Es gibt in allen Religionen Menschen, die aus spirituellen Gründen auf Ehe und Familie verzichten. Mahatma Gandhi, der selbst ein Zölibatsgelübde abgelegt hat, hat einmal gesagt, ein Volk, das solche Menschen nicht habe, sei ein armes Volk. Sie können allerdings verklemmt eine Ehe führen und verklemmt den Zölibat leben.

Wie lässt sich der Zölibat unverklemmt leben?

Lütz Durch eine gute Zölibatskultur. Zum Beispiel kann das Leben von Priestern in Gemeinschaft nützlich sein. Früher waren Priester mehr ins Leben der Gemeinde eingebunden, sie besuchten Familien und wurden eingeladen, sie nahmen als Seelsorger Anteil am Leben der Menschen. Zölibatäre sollen keine Einsiedler sein. Wenn wir Priester wieder mehr ins tägliche Leben einbeziehen, wenn wir sie als Seelsorger fordern, dann kann das uns bereichern, aber auch diese Priester. Der Zölibat nur für den Schreibtisch ist unplausibel.

Wenn sich aber die Struktur in den Gemeinden verändert, warum hält die Kirche am Zölibat fest?

Lütz Das hat mit Strukturfragen gar nichts zu tun. Viele Politiker machen sich unglaubwürdig, indem sie große Ideale verkünden, aber nicht wirklich dahinterstehen. Dagegen ist der Zölibat ein Lebensbekenntnis, nicht bloß ein Lippenbekenntnis. Wenn es Gott nicht gibt und mit dem Tod alles aus ist, dann ist der Zölibat eine Idiotie. Aber wenn ein Mensch einen so starken Glauben hat, dass er auf so etwas Gutes und Schönes wie Familie und Kinder verzichtet, um sich rückhaltlos als Seelsorger für die Menschen einzusetzen, dann kann das auch andere Menschen begeistern. Ich kenne Priester, die aus dieser Haltung heraus eine gutbürgerliche Gemeinde aus ihrem normalen Trott herausbringen und zu echt christlichen Aktivitäten motivieren.

Die Gemeinden werden aber größer und viele Menschen haben gar keinen privaten Bezug mehr zu ihrem Pfarrer um die Ecke.

Lütz Wir leben in einer Zeit, in der Kommunikation nicht mehr so funktioniert, dass jemand auf sein Pferd steigen muss, um zum Pfarrer zu reiten. Wer wirklich einen Priester sucht, der findet auch einen. Allerdings müssten manche Pfarrer sich vielleicht mal überlegen, ob der Anrufbeantworter tatsächlich ein Segen ist. Man hat den Priestern beigebracht, dass sie sich "abgrenzen" müssten, aber ist es denn wirklich so, dass ein Priester fürchten muss, von der Fülle der Seelsorgsanfragen überrollt zu werden? Meinen Freund Franz Meurer, engagierter Sozialpfarrer in Köln, kann man immer direkt erreichen, wenn das Pfarrbüro geschlossen ist und er vor Ort ist, dabei hat der auch sonst ziemlich viel um die Ohren. Er besitzt keinen Anrufbeantworter. Das heißt ja nicht, dass man gleich flächendeckend alle Anrufbeantworter abschaffen muss, aber der Hinweis auf die Nottelefonnummer klingt doch zumeist so, dass man sich höchstens kurz nach dem letzten Herzinfarkt und knapp vor der Einsargung traut, sich da zu melden. Dabei ist gute Seelsorge etwas durchaus Alltägliches.

Vielleicht halten die Menschen einfach ein zölibatäres Leben auf Dauer für kaum lebbar.

Lütz Tatsache ist, dass es heute aus verschiedenen soziologischen Gründen schwieriger geworden ist, eine lebenslange Treuebeziehung durchzuhalten, das gilt für die Ehe, aber auch für den Zölibat. Die Psychoanalytikerin Eva Jaeggi hat übrigens darauf hingewiesen, dass das Singledasein auch ein wichtiges Zeugnis für Menschen in Partnerschaften ist, dass sie eben nicht bloß Funktion einer Beziehung sind. Ich habe in der Psychotherapie erlebt, wie für Menschen, deren Beziehung gerade gescheitert war, allein der Gedanke daran tröstlich war, dass es zölibatäre Menschen gibt, die eine solche Lebensform als Single frei wählen und nicht bloß erleiden. Vielen, die gedankenlos über den Zölibat schimpfen, ist gar nicht bewusst, dass sie damit ungewollt die Lebensform der Mehrheit unserer Mitbürger herabsetzen. Es gibt ja heute eine immer größere Zahl von zumeist letztlich unfreiwilligen Singles, die nach zahlreichen Lebensabschnittspartnerschaften in der Lebensmitte, in Einzelwohnungen vereinsamen. Da könnte man doch eigentlich einige gute Erfahrungen aus Jahrhunderten der Zölibatsgeschichte für ein erfolgreiches Singleleben nutzen.

Es gibt dann aber doch einen großen Unterschied zum Singleleben, denn Zölibat bedeutet ja nicht nur Verzicht auf Ehe und Familie, sondern auch auf Sexualität.

Lütz Da gibt es immer wieder das Argument, der Verzicht auf Sexualität sei doch unnatürlich. Das ist aber letztlich ein Machoargument. Männer, die nach dem Motto "Sex muss sein" über ihre Frauen herfallen, wenn ihr Testosteronspiegel steigt, sind eine Zumutung für Frauen. Deswegen gilt natürlich umgekehrt: Wer nicht auf Sex verzichten kann, ist nicht ehefähig. Jeder weiß, dass auch in vielen Ehen zu vielen Zeiten aus unterschiedlichen medizinischen, psychischen oder anderen Gründen Sex nicht möglich ist.

Aber ein zölibatär lebender Mensch muss dauerhaft auf Sex verzichten.

Lütz Das stimmt. Das gilt allerdings übrigens auch von Eheleuten z.B. nach der Querschnittslähmung eines Partners. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ein Priester ein geschlechtsloses Wesen ist. Ein Priester reagiert auch auf eine erotische Frau, nur wie einem verheirateten Ehemann ist ihm bewusst, dass er da keine sexuelle Beziehung eingehen wird.

Aber sie sollen ein Leben lang ihre Sexualität nicht ausleben.

Lütz Männer, die sehr darauf achten, ein Leben lang ihre Sexualität so auszuleben, wie sie gerade kommt, und jeden Abend mit einer anderen Frau ins Bett steigen, sind faktisch beziehungsunfähig und beweisen damit nicht gerade eine erwachsene Sexualität.

Das ist noch kein Argument für den Zölibat. Was ist denn für Sie erwachsene Sexualität?

Lütz Ich habe auch gar nicht behauptet, dass das ein Argument für den Zölibat sei. Das ist ein Argument für die Ehe. Erwachsene Sexualität integriert sich in eine Gesamtpersönlichkeit, die auch fähig ist, zu verzichten, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist Sexualität eine Kraft, die Menschen auch mal aus der Bahn werfen kann. Das gilt für Eheleute wie für zölibatär lebende Menschen.

Warum ist der Zölibat so ein Reizthema in unserer Gesellschaft?

Lütz Er ist die gelebte Provokation einer Wohlstandsgesellschaft, die sich gemütlich im Diesseits eingerichtet hat. Aber in Wirklichkeit ist es Menschen ganz egal, ob Bäcker, Lehrer oder Priester verheiratet oder unverheiratet sind. Wenn überhaupt, interessiert sie die Frage, ob dieses ganze Leben einen Sinn hat, ob es ein ewiges Leben gibt, also durchaus echt religiöse Fragen. Dass Journalisten dennoch bei katholischer Kirche vor allem in Deutschland immer wieder Sexualthemen ansprechen – und auch der Zölibat wird ja hierzulande eher als Sexualthema abgehandelt – , das hat sozialpsychologische Gründe, auf die ich in meinem neuen Buch "Der blockierte Riese" näher eingehe.

Es sind die Themen, die Menschen, auch praktizierende Katholiken, erzürnen.

Lütz Wenn das in den Medien dauernd thematisiert wird, dann kann man doch gut verstehen, dass auch Katholiken es leid sind, diese Themen immer wieder um die Ohren gehauen zu bekommen. Aber all diese Sexualthemen bestehen doch die Sterbebettprüfung nicht. Auf meinem Sterbebett wird mich nicht der Zölibat interessieren oder die katholische Sexualmoral, sondern die Frage Luthers: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Mein Freund Jürg Willi, der Gründer der Paartherapie hat mal darauf hingewiesen, dass viel zu viel über die Gründe geschrieben würde, warum ein Drittel der Ehen scheitern. Es wäre doch viel interessanter, zu untersuchen, warum zwei Drittel der Ehen halten. Darüber hat er dann ein Buch geschrieben, das vielen Eheleuten in der Krise geholfen hat. Und so müssten wir heute mal endlich wieder über gelingenden Zölibat reden. Jeder Katholik kennt begeisternde Menschen, die wie Jesus, Paulus, Mutter Teresa und Papst Johannes XXIII. zölibatär leben, jeder! Darüber müssen wir aber dann auch mehr reden!

Das fällt schwer in einer Zeit, in der gelebte Sexualität einen hohen Stellenwert besitzt.

Lütz Die allgemeine Sexualisierung der Gesellschaft gefährdet nicht bloß den Zölibat, sondern auch Ehen und die Väter der sexuellen Revolution waren entsetzt über die Ergebnisse. Ich habe noch selbst mit Ernest Bornemann diskutiert, der ein Buch über "sexuelle Marktwirtschaft" geschrieben hatte und tief deprimiert war über die hemmungslose Kommerzialisierung dieses Bereiches.

Warum koppelt die Kirche den Zölibat zwangsweise an das Priesteramt, statt es als ein charismatisches Zeichen für wenige Berufene zu behandeln.

Lütz Die frühen Christen wollten an der Spitze ihrer Gemeinden nicht irgendwelche Karrieristen haben, sondern Menschen, die bereit waren, aus tiefem Glauben heraus auch auf etwas Gutes und Schönes zu verzichten. Sie wollten ein solches Glaubenszeichen nicht bloß in einem Kloster hinter dem Wald, sondern mitten in dieser Welt.

Ist es nicht schade, dass die Kirche Menschen verliert, die gute Seelsorger wären, sich aber nicht für ein zölibatäres Leben entscheiden wollen.

Lütz Man kann auch seelsorglich wirken, ohne Priester zu sein. Viele tun das. Natürlich gibt es bei der Zölibatsdebatte auch immer das Versorgungsargument. Aber wollen wir denn wirklich unbedingt, dass neben jeder leeren Kirche ein verheirateter Religionsbeamter wohnt? Die Zahl praktizierender Christen geht nun mal zurück und natürlich sinkt darum auch die Zahl von Menschen, die sich zum Leben als Priester berufen fühlen. Und man mache sich nichts vor. Die Berufsgruppe mit der höchsten Scheidungsquote waren zeitweilig evangelische Pfarrer und das mag auch damit zu tun haben, dass intensive seelsorgliche Tätigkeit einen Menschen so sehr beansprucht, dass das eine Familie überfordert.

Wird Papst Franziskus in der Zölibats-Debatte eine Wende bringen?

Lütz Das Großartige an Papst Franziskus ist, dass es ihm gelungen ist, mit seiner authentischen Art die Menschen wieder auf die wesentlichen Aufgaben des Christen zu verweisen, auf die Hilfe für die Armen und zu kurz Gekommenen, auf die Verkündigung des Glaubens, aufs Gebet. Damit sehen plötzlich die angeblichen Reizthemen ziemlich alt aus.

Katholiken sollten nicht mehr über den Zölibat sprechen, sondern über die Armut in der Welt?

Lütz Franziskus sagt es sogar noch radikaler: Wir sollten das Evangelium verkünden – notfalls auch mit Worten. Schauen Sie sich diesen Mann mal an. Der lebt zölibatär. Ist das schlecht?

Dorothee Krings führte das Interview.

Quelle: RP
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