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Rohwedder-Mord vor 25 Jahren
Das letzte Rätsel der RAF

Detlev-Rohwedder-Mord vor 25 Jahren: Das letzte Rätsel der RAF
Detlev Rohwedder starb am 1. April 1991. FOTO: dpa, imago
Düsseldorf. Der Mord der Linksterroristen an Detlev Rohwedder vor 25 Jahren in Düsseldorf ist bis heute mysteriös. Hatte auch die Stasi ihre Finger im Spiel? Von Reinhold Michels

"Kaltblütig" - diesen Titel aus Truman Capotes berühmtem, dokumentarischem Roman über den Mord an einer Farmerfamilie in Kansas, USA, könnte man auch einer heimtückischen Exekution heute vor 25 Jahren in Düsseldorf geben. Das Opfer, der Spitzenmanager Detlev Karsten Rohwedder, wurde am 1. April 1991, eine halbe Stunde vor Mitternacht am Ostermontag, aus dem Hinterhalt erschossen.

Der bis heute nicht ermittelte Täter muss ein Präzisionsschütze gewesen sein. Seine Gewehrkugel traf den Chef der Berliner Treuhandanstalt zur Abwicklung und Sanierung von mehr als 8000 Betrieben der kurz zuvor untergegangenen DDR mit dem ersten Schuss zwischen die Schulterblätter. Wirbelsäule, Aorta, Speise- und Luftröhre wurden mit einem einzigen Treffer verletzt. Rohwedder war sofort tot.

Schuss aus 60 Metern

Der 58 Jahre alte, groß gewachsene Mann hatte mit dem Rücken zum Fenster seines erleuchteten Arbeitszimmers im ersten Stock seines Privathauses gestanden. Der Schütze hatte in der Deckung einer gut 60 Meter vom Haus entfernten Schrebergartensiedlung am Niederkasseler Rheinufer gelauert und dort wohl sein Gewehr auf einem Plastikstuhl ausgerichtet. Den Stuhl fanden die Ermittler später, ebenso ein Fernglas, ein Handtuch, Motorrad-Reifenspuren und ein Bekennerschreiben, das das Bundeskriminalamt als echt einstufte. Dieses deutete darauf hin, dass die berüchtigte Rote-Armee-Fraktion (RAF) für das Mordkommando verantwortlich war.

Die RAF hatte zwischen 1971 und 1993 eine Blutspur durch die Bonner Republik gezogen. Das Attentat auf den früheren Spitzenbeamten im Bundeswirtschaftsministerium und erfolgreichen Industriellen Rohwedder gilt als das letzte Anschlags-Verbrechen der Linksterroristen. 1993 war dann bei einer Schießerei auf dem Bahnhof in Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern zwischen einem RAF-Duo und Fahndern ein Polizeibeamter ums Leben gekommen. Wenige Tage nach dem Fall der Mauer, am 30. November 1989, hatte ein RAF-Kommando in Bad Homburg Alfred Herrhausen, den Chef der Deutschen Bank, mittels einer Sprengfalle umgebracht.

Tatmotiv Rachsucht?

Es gibt bis heute Zweifel an der Täter-, zumindest der Alleintäterschaft der RAF und Mutmaßungen darüber, dass der Präzisionsschütze aus dem Reservoir alter Geheimdienst-Kader der DDR stammen könnte. Als Tatmotiv käme Rachsucht in Betracht - wegen der als "Abwicklung der DDR und deren so genannten volkseigenen Vermögens" verunglimpften Aufräumarbeit der 1990 gegründeten Treuhandanstalt. Der Sozialdemokrat und Spitzenmanager Rohwedder stand nach dieser These stellvertretend für den westdeutschen Kapitalismus, der in Wahrheit längst ruinierte DDR-Betriebe und -Kombinate ,platt machte', wie es im marxistischen Jargon damals hieß.

Diejenigen, die an die RAF-Täterschaft glauben, haben gute Argumente: Neben dem Selbstbezichtigungs-Schreiben am Düsseldorfer Tatort gibt es eine 2001 möglich gewordene gentechnische Untersuchung von Haarspuren, die man in der Mordnacht auf dem Handtuch gefunden hatte. Die Haare konnten jenem RAF-Verbrecher Wolfgang Grams zugeordnet werden, der 1993 bei der Schießerei in Bad Kleinen ums Leben gekommen war. Állerdings besaß Grams nicht die Blutgruppe A, die man aus Zigarettenresten ermitteln konnte, die am Tatort gegenüber dem Haus Rohwedders sichergestellt worden waren.

RAF und Stasi?

War der geheimnisvolle Mordanschlag gegen den auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beerdigten Detlev Karsten Rohwedder also vielleicht ein Gemeinschafts-Verbrechen von RAF und Stasi? Geistig-politische und logistische Verbindungen zwischen der westdeutschen Mörderbande und dem Ostberliner Geheimdienst-Apparat sind längst belegt. Zahlreiche RAF-Täterinnen und -Täter fanden über Jahre hinweg in der DDR Unterschlupf.

So rätselhaft wie der unaufgeklärte Mord am Ostermontag vor 25 Jahren sind unverständliche Versäumnisse beim Schutz des hoch gefährdeten Treuhandanstalt-Chefs. Hergard Rohwedder, die Witwe des Ermordeten, sagt rückblickend: "Man hat bei der Sicherung Fehler gemacht." Tatsächlich sei ein Warnbrief aus Berliner Sicherheitskreisen über ein möglicherweise bevorstehendes Attentat auf ihren Ehemann erst einen Tag nach dessen Ermordung im NRW-Innenministerium angekommen. Auch Frau Rohwedders besorgte Hinweise auf nächtliche Ausforschungsanrufe zu Hause wurden in Düsseldorf anscheinend nicht ernst genug genommen.

Spezialglas nur im im Parterre

Hergard Rohwedder, die in der Tatnacht zu ihrem tödlich getroffenen Mann ins erste Stockwerk geeilt und von einer zweiten Kugel schwer am Armgelenk verletzt worden war (ein drittes Projektil steckte im Bücherregal), erzählt auch von dem BKA-Besuch im Domizil des prominenten Ehepaares: Im September 1990 hätten die Sicherheits-Experten Panzerglas auch für die Scheiben im Obergeschoss empfohlen. Seltsamerweise blieb es jedoch dabei, dass das Rohwedder-Anwesen lediglich im Parterre mit schussfestem Fensterglas versehen war. Der frühere BKA-Präsident Hans-Ludwig Zachert stützt Hergard Rohwedders Kritik, indem er lakonisch feststellt: "Es war schon etwas dünn, was da an Schutzmaßnahmen für Rohwedder passiert ist."

Was Hergard Rohwedder ebenso wie Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausens Witwe Traudl nach eigenen Worten sehr irritiert, ist das Desinteresse der deutschen Öffentlichkeit an den unaufgeklärten Attentaten auf ihre Ehemänner und vier weiteren nicht aufgeklärten Mordanschlägen, die der 3. RAF-Generation zugeschrieben werden. Hergard Rohwedder: "Warum nur bleibt diese Republik so teilnahmslos gegenüber diesen Verbrechen?"

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand Wolfgang Harms statt Wolfgang Grams. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 

Quelle: RP
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