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NS-Kriegsverbrechen: Deutsche Fahnder jagen weitere Verdächtige

VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 13.05.2009 - 17:36

Düsseldorf/Ludwigsburg (RPO). Die Verhaftung von John Demjanjuk ist einer ihrer größten Fälle. Doch die deutschen Fahnder ermitteln bereits gegen zwei weitere mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher. Der in den USA lebende Iwan Kalymon und der staatenlose Josias Kumpf sind im Visier der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen. Deren Ermittler sehen ihre Aufgabe noch lange nicht beendet.

Der Fall John Demjanjuk geht um die Welt. In Deutschland wird es vielleicht zu einem der letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozesse kommen. Dass sich der mutmaßliche KZ-Wächter vielleicht vor einem deutschen Gericht verantworten muss, ist der Verdienst von Kurt Schrimm. Der Oberstaatsanwalt leitet die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Dort geben sich die Medien derzeit die Klinke in die Hand. Schrimm ist ein gefragter Mann. Diese plötzliche Publicity war allerdings nicht geplant. 

Denn die Wiederbelebung der Causa Demjanjuk, der bereits mehrere Jahre in israelischer Haft saß, ist einem Zufall zu verdanken. "Ein Mitarbeiter recherchierte wegen einer anderen Sache und stieß im Internet zufällig auf diesen Namen, an den er sich erinnerte", erklärte Schrimm im Gespräch mit unserer Redaktion. Die Amerikaner wollten dem gebürtigen Ukrainer die Staatsbürgerschaft aberkennen, deswegen wurde sein Team neugierig.

Info

Info: Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen

Die Zentralstelle in Ludwigsburg hat seit ihrer Gründung 1958 nach eigenen Angaben rund 7.400 Ermittlungsverfahren eingeleitet, von denen viele Sammelverfahren gegen eine große Zahl von Beschuldigten waren. Ende Januar waren 24 Vorermittlungsverfahren anhängig und eine Vielzahl sogenannter Überprüfungsvorgänge sowie Verwaltungsvorgänge, die sich mit der Sichtung weiterer, vor allem ausländischer Archivbestände befassen.

17.856 Verfahren wegen NS-Verbrechen waren und sind seit 1958 bei Staatsanwaltschaften und Gerichten in der Bundesrepublik Deutschland anhängig geworden. Soweit diese nicht durch die Zentrale Stelle eingeleitet wurden, hingen sie doch zumeist mittelbar mit deren Tätigkeit zusammen.

Es folgten "neun, zehn Monate" Ermittlungen, bis das erforderliche Beweismaterial gegen Demjanjuk zusammengetragen und an die Staatsanwaltschaft München übergeben war. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Nach langem Hickhack lieferten die USA den 89-Jährigen aus. Derzeit befindet er sich in dem Münchner Gefängnis Stadelheim.

Verwechslung mit Aufseher

Dabei handelt es sich nicht um seinen ersten Gefängnisaufenthalt: Demjanjuk saß bereits in Israel in Haft. Damals war er zunächst verwechselt worden, und zwar mit dem als "Iwan der Schrecklichen" berüchtigten Aufseher im Vernichtungslager Treblinka. Als solcher war Demjanjuk 1988 in Israel zum Tode verurteilt worden und hatte dort sechs Jahre lang in einer Todeszelle gesessen.

1993 war er freigelassen worden und in die USA zurückgekehrt. Doch dort holte ihn die Vergangenheit ein. Neue, aus Russland übermittelte Dokumente wiesen ihn als Hilfswilligen des Vernichtungslagers Sobibor aus. Wegen Beihilfe zum Mord an 29.000 Juden in diesem Zusammenhang soll ihm nun in München der Prozess gemacht werden.

Ob das gelingt, ist derzeit fraglich. Demjanjuk ist haftfähig – seine Verhandlungsfähigkeit wird in den kommenden Tagen festgestellt. Für Schrimm spielt der Gesundheitszustand oder das Alter der Verdächtigen keine Rolle: "Wir ermitteln ganz unabhängig davon. Ziel der Arbeit ist natürlich, eine strafrechtliche Verurteilung herbeizuführen." Dabei haben die Ludwigsburger Experten einen natürlichen Feind: "Die Möglichkeit unserer Arbeit ist biologisch begrenzt. Mit der Zeit schwinden Zeugen und Beweismaterial."

Ermittlungen gehen weiter

Trotzdem werden die Ermittlungen vorangetrieben – Mord verjährt schließlich nicht. "Wir wollen nichts unversucht lassen", lautet die Maxime des derzeit 19-köpfigen Teams. Aktuell würden Archive in Nord- und Südamerika sowie in Osteuropa systematisch durchforstet. So fliegen noch diese Woche zwei Kollegen nach Chile, um dort Einbürgerungsakten von 1950 und den folgenden Jahren zu prüfen. "Wir arbeiten heute anders als in den ersten vier Jahrzehnten unserer Behörde. Ich habe beschlossen, dass wir nicht warten, bis die Dinge auf uns zukommen, sondern dass wir selbst aktiv werden."

Der zweite Ansatz sind konkrete Untersuchungen gegen einzelne Verdächtige. "Wir führen aktuell Ermittlungen gegen zwei namentlich bekannte Beschuldigte", erläuterte Schrimm. Einer davon sei der in den USA lebende Iwan Kalymon. Ihm wurde im letzten Jahr die US-Staatsbürgerschaft entzogen. 

Der Vorwurf: Der 1921 in der Ukraine geborene Mann soll an der Erschießungen von Juden teilgenommen zu haben. Dazu gibt es laut Schrimm ein schriftliches Dokument, in dem er Patronen zu diesem Zweck anfordert. Wie Demjanjuk behauptet der Mann, dass es sich um eine Verwechslung handeln müsse und er unschuldig sei, erklärte der Oberstaatsanwalt. Möglicherweise müsse ein Sachverständiger zur Klärung der Identität eingeschaltet werden.

Helfer aus den USA

Der zweite Tatverdächtige lebte früher auch in den USA, wurde aber inzwischen nach Österreich abgeschoben, wie Schrimm sagte. Es bestehe die Gefahr, dass er wegen Verjährung dort nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werde. Deshalb werde geprüft, ob das Verfahren in Deutschland geführt werden könne.

Nach den unserer Redaktion vorliegenden Informationen handelt es sich dabei um den 83 Jahre alten Josias Kumpf. Er soll angeblich gegenüber US-Behörden eingeräumt haben, in dem Lager Trawniki in Polen an der Ermordung von 8.000 Juden beteiligt gewesen zu sein. Der gebürtige Serbe ist staatenlos und wurde im März nach Österreich abgeschoben. Dort kann ihm aller Voraussicht nach kein Prozess gemacht werden. 

Quelle: AP

 
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