Berliner Lehrer schlagen Alarm: "Deutschenfeindlichkeit an Schulen"
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 04.10.2010 - 21:35Düsseldorf (RP). Sie werden als "Kartoffel" beschimpft, in der Pause vom Schulhof gemobbt oder aufgefordert, nie mehr zum Unterricht zu kommen: Wo deutsche Schüler im Vergleich zu Migrantenkindern in der Minderheit sind, gleicht ihr Alltag oft einem Spießrutenlauf. In Berlin schlagen erste Lehrer Alarm.
Vier Jahre nach den Gewaltexzessen an der Berliner Rütli-Schule haben sich Berliner Lehrer erneut mit einem Alarmruf an die Öffentlichkeit gewandt. In den Problemkiezen mit hohem Anteil von Migranten verstärke sich "eine Art von Deutschenfeindlichkeit", beklagten die Pädagogen Andrea Posor und Christian Meyer. Damit lösten die beiden gewerkschaftlich organisierten Lehrer eine heftige Diskussion aus, die den Befund bestätigte: "Tatsächlich ist es noch unerträglicher als man es sich vorstellen kann, wenn man nicht täglich in solchen Klassen unterrichtet", sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Norbert Gundacker.
Migranten an Schulen
Offiziell haben neun Prozent der Bevölkerung einen aktuellen Migrationshintergrund. In Berlin beträgt der Anteil der Migranten 25 Prozent. Sie stellen aktuell 95 000 Schüler - das sind 32,3 Prozent aller Berliner Schüler. Der Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund wird bundesweit auf 12 Prozent geschätzt.
Über sechs Stunden lang sammelten Berliner Lehrer am Wochenende in einem überfüllten Kongress Fakten und Hintergründe zum Phänomen der "Deutschenfeindlichkeit". So schilderten Lehrer, wie deutsche Schüler ihren Aufenthalt auf dem Schulhof zuweilen als "Spießrutenlauf" mit diversen Beschimpfungen und Bedrohungen erlebten. Die Folge: Deutsche Schüler bäten die Lehrer darum, in den Pausen im Klassenraum bleiben zu dürfen. "Sie haben gelernt, sich unsichtbar zu machen", schilderte Mechthild Unverzagt, Personalratsvorsitzende in Neukölln.
Mobing auf dem Schulweg und im Klassenraum
Das Mobbing gegen Deutsche beginnt beim Verballhornen von Namen, geht über die Beschimpfung als "Kartoffel" oder "Schweinefresser" bis zur klaren Ansage, besser diese Schule zu verlassen, an der sie als Außenseiter ohnehin nichts zu suchen hätten. Die Aggressoren bekämen bei Konflikten schnell Hilfe von Freunden und Verwandten, und auch auf dem Schulweg fühlten sich deutsche Schüler häufiger bedroht. Polizeibeamte bestätigten eine wachsende Deutschenfeindlichkeit insbesondere unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen.
Der GEW-Kongress über Deutschenfeindlichkeit an Berliner Schulen lief zufällig zwei Straßen entfernt vom Auftritt des Islamhassers Geert Wilders – und entsprechend schwer taten sich viele Pädagogen, mit ihren Beobachtungen möglicherweise Wasser auf die Mühlen latenter Rassisten zu leiten. Sie riefen denn auch zu einer differenzierten Debatte auf. Denn die beschriebene "Feindlichkeit" beziehe sich auf die Deutschen, weil sie in diesen Klassen mit teilweise über 80 Prozent Ausländeranteil Außenseiter seien.
Mobbing gegen leistungsbereite Migrantenkinder
Kinder aus Migrantenfamilien, die sich leistungsbereit zeigten, würden genau so gemobbt wie Deutsche, betonte Gundacker. Monika Rebitzki vom Landesausschuss für multikulturelle Angelegenheiten ("LAMA") nannte im Gespräch mit unserer Zeitung mögliche Ursachen. "Das sind zurückgegebene Benachteiligungen." Viele Migrantenkinder, die in ihren Familien ihre eigene Perspektivlosigkeit sehen und immer wieder Frustrationen allein oder in der Gruppe erlebten, nutzten Situationen, in denen sie in der Mehrheit seien, um Luft abzulassen. In den sozialen Brennpunkten seien auch die Deutschen nicht immer nur Unschuldslämmer, sie hätten selbst Probleme. "Die sind sehr häufig auch hilfsbedürftig", schilderte Rebitzki.
Das neue Mobbing-Phänomen tritt nach den Aussagen der GEW in den einschlägigen Berliner Kiezen im Norden Neuköllns, in Teilen Weddings, Kreuzbergs und des Bezirks Tiergarten auf. Der Alarmruf der Lehrer geht einher mit der klaren Aussage, in der aktuellen Personalstärke für keine Trendumkehr mehr sorgen zu können. "Wir brauchen eindeutig eine bessere Ausstattung in den Schulen in Problemkiezen", sagte Gundacker. Es sei nötig, in diesen Klassen mit zwei Pädagogen zu gehen, damit sie die eigentlichen Probleme der Kinder und Jugendlichen auffangen könnten. Es gehe nicht nur um Lehrkräfte, sondern auch um Sozialarbeiter. Soziologen und Politologen sagten beim GEW-Kongress, sie müssten auch interkulturell besser geschult sein, um bei Konflikten zwischen den Schülern erfolgreicher vermitteln zu können.
Dass es mit Investitionen in Pädagogen und Programme deutlich vorangehen kann, zeigt inzwischen die Rütli-Schule. Sie hat ihren miesen Ruf verloren. Auch wenn dort nach GEW-Einschätzung noch nicht alles rund läuft, habe sich dort "grundsätzlich viel verändert", berichtete Gundacker. Nun klagen die Nachbarschulen.









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