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Psychotherapeut über DHL-Erpresser
"Jeder Täter glaubt, er ist der Größte"

DHL-Erpresser in Potsdam: Die Psyche eines Unternehmenserpressers
Die Paketbombe war in einer DHL-Packstation in Potsdam aufgegeben worden. FOTO: Gregor Fischer/dpa
Potsdam/Essen. Ein Erpresser verschickt Paketbomben und fordert von der Post-Tochter DHL einen Millionenbetrag. Meistens ist es aber nicht nur die Aussicht auf das große Geld, die solche Täter antreibt, sagt Psychotherapeut Christian Lüdke aus Essen.  Von Antje Seemann

Immer wieder werden Unternehmen erpresst. Oft enden die Fälle damit, dass die Polizei den Täter schnappt. Auch dieses Mal sind die Ermittler, zuversichtlich, den Erpresser der Post-Tochter DHL zu erwischen. "In Brandenburg haben wir Erfahrung mit solchen Erpressungslagen. All diese Fälle sind erfolgreich gelöst worden", sagt Mario Heinemann, Sprecher der Polizei Brandenburg. 

Trotz der hohen Aufklärungsquote versuchen Kriminelle, Unternehmen zu erpressen. Dafür hat der Psychotherapeut Christian Lüdke aus Essen eine einfache Erklärung: "Was alle Erpresser miteinander verbindet, ist die Überzeugung der eigenen Grandiosität. Jeder Täter glaubt, er ist der Größte und er hat den ultimativen Plan. Aber es gab noch keinen Fall, wo das gut gegangen ist. Früher oder später kriegt man die immer."

Das Lösegeld ist oft nur nebensächlich

Lüdke hat mehrere Jahre die psychologische Ausbildung der Spezialeinheiten der Polizei NRW geleitet. Erpresserschreiben seien für Unternehmen fast schon normal, sagt er. "Große Unternehmen bekommen fast jede Woche solche Schreiben. Das, wo nichts dran ist, wird schon intern gefiltert." Die Forderung nach einem hohen Geldbetrag sei üblich, doch das eigentliche Motiv sei ein anderes, sagt der Psychotherapeut: "Meistens sind das Menschen, die irgendwie mal gescheitert sind und gerne einmal im Mittelpunkt stehen wollen. Ohnmachtsgefühle und Ängste verwandeln sich dann in Aggressionen." Gewalt auszuüben - selbst in Form solcher Schreiben - verleihe diesen Menschen ein Gefühl von Macht und Kontrolle.

Oftmals gehe es zum Beispiel darum, einen Betrieb gezielt zu schädigen oder lahmzulegen. "Manchmal spielt Rache auch eine Rolle - zum Beispiel, wenn hinter einem solchen Schreiben ein gekündigter Mitarbeiter oder ein unzufriedener Kunde steckt", sagt Lüdke. Auch ohne Lösegeld hat der Betrieb durch Unruhe und Verunsicherung eventuell mit einem hohen finanziellen Schaden zu rechnen. Häufig stecke ein einzelner Täter mit einem hohen Aggressionspotenzial hinter einem solchen Erpresserschreiben, sagt der Psychotherapeut. "Viele Erpresser sind gefrustet und hochgradig aggressiv – gleichzeitig sind sie sehr entschlossen und haben eine hohe kriminelle Energie."

Polizei erwartet weitere Paketbomben

Der Erpresser der Post-Tochter DHL sorgt mitten im wichtigen Weihnachtsgeschäft für Verunsicherung beim Unternehmen und seinen Kunden. Der oder die unbekannten Absender einer Paketbombe in Potsdam fordern in einem Erpresserschreiben einen Betrag in Millionenhöhe. Das Paket hatte am Freitag Bombenalarm in Potsdam ausgelöst. Eine Apotheke in der Innenstadt hatte der Polizei vorher die verdächtige Sendung gemeldet. Die Polizisten fanden darin einen Metallzylinder, Nägel und Batterien. Eine ähnliche Sendung sei Anfang November schon bei einem Online-Händler in Frankfurt an der Oder aufgetaucht, beim Öffnen aber in Brand geraten.

Polizeisprecher Heinemann sagt, dass der Täter ganz bewusst in Kauf genommen habe, mit seiner gefährlichen Sendung andere Menschen zu verletzen oder sogar zu töten: "Wir gehen davon aus, dass die Pakete auch hätten explodieren können. Und der Erpresser hat angekündigt, weitere Paketbomben zu versenden, wenn DHL nicht zahlt." Die Polizei stellt sich also darauf ein, dass noch mehr dieser Sendungen auftauchen.

"Eine heiße Spur ist noch nicht dabei"

Darauf, ob hinter den Paketbomben von Brandenburg ein oder mehrere Täter stecken, will sich die Polizei noch nicht festlegen. Eine Sonderkommission mit dem Namen "Quer" - von QR-Code - und mehr als 50 Ermittlern ist eingerichtet. Ein QR-Code auf einem kleinen Zettel in dem gefährlichen Paket hatte die Polizei zu dem Erpresserschreiben geleitet. Fest steht bislang, dass zwei Kleinunternehmer aus Brandenburg betroffen waren. Eine Sendung wurde in Berlin, die andere in Potsdam aufgegeben. Andere Bundesländer sollen bisher nicht betroffen sein. Eine erhöhte Gefahr für Mitarbeiter in DHL-Paketshops und Lieferwagenfahrer bestehe außerdem nicht: "Wir können derzeit sagen, dass der Mechanismus nur ausgelöst wird, wenn das Paket geöffnet wird", sagt Heinemann.

Für Hinweise aus der Bevölkerung hat die Polizei ein Telefon eingerichtet. Am Montag seien darüber auch schon viele Hinweise eingegangen, sagt Polizeisprecher Heinemann: "Eine heiße Spur ist aber noch nicht dabei."

"Dagobert" nach Katz- und Mausspiel geschnappt

In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland immer wieder Fälle von Erpressungen gegen große Unternehmen. Im Sommer dieses Jahres vergiftet ein Mann Babygläschen in Supermärkten. Ende 2016 deponieren zwei Männer mit Pflanzenschutzmittel versetzte Lebensmittel in mehreren Lidl-Filialen - unter anderem in Wuppertal, Dortmund und auch im Rheinland. Von dem Discounter fordern sie fünf Millionen Euro. Ebenfalls im Dezember 2016 droht ein Erpresser dem Bonner Weingummihersteller Haribo, Goldbären-Tüten mit Zyankali zu versetzen. Er fordert eine Million Euro. 2012 versucht ein Mann, den Lebensmittel-Discounter Aldi-Süd zu erpressen und droht, vergiftete Lebensmittel in Filialen auszulegen. Sie alle landen später vor Gericht und werden verurteilt.

Selbst der als "Dagobert" Anfang der 1990er Jahre bekannt gewordene Karstadt-Erpresser, der mehrere Bomben explodieren ließ und sich lange ein Katz-und-Mausspiel mit der Polizei lieferte, wurde am Ende gefasst und musste ins Gefängnis.

(see)
 
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