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Tagebau in NRW: Die Angst am Grubenrand

VON TINA STOCKHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 21.07.2009 - 06:53

Mönchengladbach/Nachterstedt (RP). Während in Nachterstedt gestern die Suche nach den drei Vermissten eingestellt wurde, kocht in NRW die Diskussion um die Risiken an den Rändern der rheinischen Tagebaue hoch. Die Anwohner sind verunsichert. RWE Power wiegelt ab: Die Situation in Sachsen-Anhalt sei völlig anders.

Gebannt hat Reinhold Giesen in den vergangenen Tagen die Nachrichten aus Nachterstedt verfolgt: Berichte von riesigen Erdmassen, die zwei Häuser und drei Menschen mit in den Concordia-See gerissen haben, der in der ehemaligen Tagebaugrube entsteht. Die Bilder von rund 40 Anwohnern, die vorgestern Abend hektisch ihre wichtigsten Habseligkeiten in Betttüchern und Müllsäcken aus ihren Wohnungen holten und die ihre Häuser nun vorerst nicht mehr betreten dürfen: Bergbauexperten haben in der Nacht zu gestern neue Risse in der Böschung entdeckt. Nun werden weitere Erdrutsche befürchtet. Während die Suche nach den drei Vermissten gestern eingestellt wurde, bleiben Polizei und THW vor Ort, um das Gebiet weitläufig abzusichern.

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Anwohner vom Braunkohletagebau Garzweiler

"Dieses Szenario ist ein Albtraum", sagt Giesen. Der Angestellte ist Vorsitzender der Dorf-Interessengemeinschaft von Wanlo, einem kleinen Stadtteil im Süden von Mönchengladbach. "Man hat Angst, dass so etwas auch hier passieren kann." Wanlo liegt am Rand des Braunkohletagebaus Garzweiler. Bis 2045 wird dort gebaggert, danach soll das gigantische Grubenloch genau wie in Nachterstedt mit Wasser gefüllt werden. "Ich befürchte, dass die Sicherheitszone rund um den Tagebau zu eng gezogen wurde", sagt Giesen. Wanlo liege rund 550 Meter vom Grubenrand entfernt, in Nachterstadt standen die abgestürzten Häuser nur rund 120 Meter weit weg vom Seerand. "Aber die Garzweiler-Grube ist viel größer als die in Nachterstedt", sagt Giesen. "Wir reden hier von anderen Dimensionen." Der Wanloer Andreas Cichy sieht das ähnlich: "Der Braunkohletagebau gehört endlich zugemacht", sagt er. "Das sind unkalkulierbare Risiken."

Auch die Verwaltungsspitzen der Städte am Rande der NRW-Tagebaue sind aufgeschreckt. Der Dürener Bürgermeister Paul Larue droht jetzt gar mit einer Klage, wenn die Landesregierung das Genehmigungsverfahren für einen riesigen See, der nach dem Ende des Braunkohleabbaus in der Grube des Tagebaus Inden angelegt werden soll, nicht aussetzt. Und der Erkelenzer Bürgermeister Peter Jansen will die laufenden Genehmigungsverfahren für einen See in der Garzweiler-Grube erneut prüfen lassen.

"Das Anlegen eines Sees ist noch nicht genehmigt", sagt er. "Wir müssen Einfluss nehmen, damit so ein Erdrutsch in NRW nicht passieren kann." RWE Power warnte derweil erneut vor "Panikmache". Die geologischen Gegebenheiten und die Grundwasser-Situation seien in Sachsen-Anhalt anders als im Rheinland. Die Böschungen der NRW-Tagebaue würden regelmäßig überprüft, und es gebe eine ausreichende Sicherheitszone. Und das NRW-Wirtschaftsministerium will sich nicht mit eventuellen Verbesserungen zur Sicherheit der Anwohner an den rheinischen Tagebaugebieten befassen, solange die genaue Unglücksursache von Nachterstedt nicht geklärt ist.

Laut dem Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV), Uwe Steinhuber, kann das noch Monate dauern. Er vermutet, dass mehrere Faktoren bei dem Unglück eine Rolle gespielt haben: der Altbergbau habe viele Hohlräume unter der Erde hinterlassen, es könne auch an der Beschaffenheit der Böschung und am steigenden Wasserstand gelegen haben.

In NRW forderte der SPD-Politiker Norbert Römer die Landesregierung auf, schon jetzt die Gesamtproblematik aufzuklären und zu prüfen, ob neue Gutachten für das rheinische Braunkohlerevier in Auftrag gegeben werden müssen. "Erdrutschgefahren im Zusammenhang mit dem Braunkohlebergbau müssen definitiv ausgeschlossen sein", so Römer. "Ansonsten darf ein solches Vorhaben nicht umgesetzt werden."

Unsicherheit in den Dörfern

RWE Power verwies darauf, dass die Häuser in Nachterstedt in den 30er Jahren auf der Kippseite des Tagebaus errichtet worden seien, dort, wo die Bagger den Abraum abgeworfen haben. Die Ortschaften in der rheinischen Tagebauregion lägen dagegen fast alle auf natürlich gewachsenem Gelände.

Reinhold Giesen überzeugt das nicht: "Wir haben viele Kiesgruben und die feuchten Niers-Auen in der Umgebung", sagt er. "Sehr fest kann der Boden hier nicht sein." Bei den Menschen in den Dörfern am Rande der Tagebaue bleibt die Unsicherheit. "Viele Menschen verdrängen das Problem, weil es noch nicht akut ist", sagt Anwohner Andreas Cichy. "Mich wird dieses Problem zwar nicht mehr betreffen, aber meine Kinder."

Quelle: RP

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