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Wie Furcht den Alltag verändert
Die Angst geht um

Wie Furcht den Alltag verändert: Die Angst geht um
Hilft Pfefferspray gegen Angst? Manchen haben das Gefühl: Ja, zumindest ein wenig. FOTO: dpa, dka htf skm
Düsseldorf. Pfefferspray gibt es jetzt in der Drogerie, und die Regierung rät, Lebensmittel-Vorräte anzulegen. Das Leben und die Menschen haben sich verändert. Von Klas Libuda

Sicherheit ist aus. Im Regal rechts der Tür, da wo der Drogerist nahe der Königsallee sonst Shampoo, Sonnen- und Feuchtigkeitscreme in besonders kleinen Pröbchen verkauft, ist ein Fach leer. 40 Milliliter Pfefferspray zu 5,95 Euro - alles ausverkauft. "Vielleicht morgen wieder", sagt die Verkäuferin. Aber sicher sei das nicht.

So ist das nicht nur in der im Vorbeigehen zufällig ausgewählten Filiale in der Düsseldorfer Innenstadt, sondern in vielen Läden der Drogeriemarktkette dm. Seit das sonst für bunte Seifen, Badesalz und Naturkosmetik beliebte Unternehmen Pfefferspray im Sortiment hat, sind die schwarzen Dosen, auf denen "KO" steht vor allem eins: vergriffen.

Seit Monaten geht in Deutschland die Angst um, seit sich die Anschläge und An- und Übergriffe häufen. Die Angst scheint sich im Alltag festgesetzt zu haben. Und zuletzt wurde sie sichtbar durch leere Regale, durch Pfefferspray-Käufe und der Aufforderung, sich mit Lebensmitteln einzudecken. Man kann das schauderhaft finden oder verständlich oder beides. Es sind komplizierte Zeiten.

Vier Wochen benötige der Mensch in etwa, damit sich die Aufregung nach einem Schreckens-Ereignis lege, sagte der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. "Im Moment haben die Menschen wegen der dicht aufeinander folgenden Ereignisse allerdings gar keine Gelegenheit, sich wieder zu beruhigen." Zuletzt gönnte der Weltenlauf unserem Gehirn kaum eine Pause. Da waren die Silvesternacht, die Anschläge in Frankreich, der Amoklauf in München, der Terror in Würzburg und Ansbach. Das ist das eine.

Das andere sind die Nachrichten und Bilder von den Tatorten, nicht nur in etablierten Medien, sondern auch im Internet. Seit jeder mit dem Smartphone per Live-Schalte aus der Panikzone senden kann, erleben wir eine neue Augenzeugenschaft. Mit aller Härte schlägt sich die Unmittelbarkeit eine Schneise - willkommen in der Echtzeit.

Hundert Prozent Sicherheit gibt es nicht. Aber es gibt nun einen neuen Plan für den Ernstfall: Jüngst hatte die Bundesregierung für Aufregung gesorgt, als sie die Bevölkerung aufforderte, Lebensmittel- und Wasservorräte anzulegen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière schlug zudem ein Rucksackverbot bei Großveranstaltungen vor. Die Opposition warf der Regierung Panikmache vor. Tatsächlich ist der Zeitpunkt unglücklich gewählt, um vorzuschlagen, sich schon einmal für den Rückzug einzurichten. Beruhigend wirkt das nicht. Andererseits spricht nichts dagegen, stets ein paar Liter Wasser vorzuhalten und im Stadion den Rucksack wegzulassen, wenn das Menschen nicht geheuer ist - und zudem: Wann war zuletzt ein guter Zeitpunkt?

Paris liegt von Düsseldorf keine fünf Autostunden entfernt und Ansbach in der deutschen Provinz. Und dann ist da Köln. Neujahr. Köln liegt nebenan.

Die Bedrohung kam zuletzt näher, nicht nur virtuell, sondern auch geografisch. Kein Wunder, dass die Menschen Schutz suchen, und sei's durch Pfefferspray, aber macht uns das wirklich sicherer? Man möchte lieber nicht dabei sein, wenn sich mal jemand vertut, also fälschlicherweise abdrückt. Zumal viele, die nun die Regale leer kaufen, bislang ja auch ohne auskamen.

Überdies darf man sicher sein, dass sich auch zwielichtige Gestalten in der Drogerie eindecken. Natürlich war es auch zuvor kein Problem, an Pfefferspray zu kommen - der Versandhändler Amazon verzeichnete bereits Ende 2015 einen erhöhten Absatz. Aber mal eben in der Drogerie eins mitnehmen zu können, senkt die Hemmschwelle. Und davon abgesehen: Gegen fanatischen Terror wird so ein Spray ohnehin nichts ausrichten.

"Angst muss nicht zu Panik führen"

Es gibt ein Mantra, das verlässlich nach jedem neuen Gewaltausbruch aufgesagt wird. Es lautet: Wir haben keine Angst. Es soll Mut machen, aber natürlich machen auch die Attacken etwas mit uns, natürlich haben die Menschen Angst. Wäre das anders, stünde es wirklich schlecht. Denn Ängste sind Schutzmechanismen und als solche sind sie zutiefst menschlich, also etwas, dass den Attentätern irgendwann einmal abgeht.

"Angst muss jedoch nicht zu Panik führen, sondern kann auch in überlegtes Handeln münden", sagt Michael Krämer, Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. "Sich vorsichtig zu verhalten und sich um seine Angehörigen zu sorgen, ist richtig und wichtig. Dies bedeutet aber nicht, dass wir uns verkriechen."

Wer nun dicht macht, wer sich nur noch auf sich selbst verlassen mag, bei dem schlägt die Angst um ins Irrationale, und das tut weder dem einzelnen gut, noch den Mitmenschen. Es gibt ein Lied des Songschreibers Jens Friebe, und der Refrain geht so: "Nackte Angst, zieh' dich an, wir gehen aus." Allem Anschein nach müssen wir lernen, mit der Angst zu leben, so traurig das ist. Wir sollten uns bloß nicht verrückt machen.

Auch nicht beim Einkaufen.

Quelle: RP
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