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Im April 2009 brach sie erstmals aus
Die Angst vor der Schweinegrippe

Mit Edgar (5) begann die Schweinegrippe
Mit Edgar (5) begann die Schweinegrippe FOTO: AFP
Düsseldorf (RP). Vor knapp zwei Jahren erreichte die Krankheit Deutschland. Sie forderte hierzulande 250 Menschenleben. In Nordrhein-Westfalen bestellte die Landesregierung große Mengen des Impfstoffs, der jetzt noch verwendet werden kann. Von Detlev Hüwel und Sybille Möckl

Knapp zwei Jahre ist es her, dass sich im mexikanischen Städtchen La Gloria der fünfjährige Edgar Hernandez an einer bis dahin unbekannten Krankheit ansteckte: Es handelte sich um die Schweinegrippe. Hernandez soll der "Patient null" gewesen sein – der Mensch, der als erster das rätselhafte Virus H1N1 in sich trug. Edgar überlebte. Wie sich jetzt zeigt, das neuartige Virus ebenfalls.

Bevor im April 2009 überhaupt bekanntwurde, woher das Virus stammt, waren in den Vereinigten Staaten zwei Patienten unabhängig voneinander erkrankt. Bei ihnen wurde der Virus-Subtyp entdeckt. Eine weitere Suche ergab dann eine Häufung solcher Krankheitsfälle in Mexiko, und es mehrten sich Hinweise auf eine Verschleppung der Viren über die Landesgrenzen.

Heute weiß man: Der Schweinegrippe-Erreger entstand durch eine Misch-Infektion. Hierbei befallen verschiedene Grippe-Viren gleichzeitig eine Zelle. In der Zelle wird der genetische Code der Viren gemischt – und ein völlig neues Virus entsteht. Schweine sind besonders empfänglich für solche Misch-Infektionen, weil sie sehr leicht von Viren befallen werden können, die von anderen Arten stammen.

Tatsächlich finden sich im genetischen Code des Schweinegrippe-Erregers H1N1 Abschnitte von Viren, die bei Vögeln, Menschen und Schweinen vorkommen. In den Zellen der Tiere wurden sie zu einem neuen Virus "gemischt".

Von Mexiko aus bahnte sich das Virus seinen Weg über die USA nach Europa. Ende April landete es auch in Deutschland. Im Mai 2009 hatten bereits 18 Länder mit der "Neuen Grippe" zu kämpfen, darunter Mexiko, Amerika und Kanada. Betroffen waren auch Israel im Nahen Osten und Neuseeland im pazifischen Raum. In Europa wurden Fälle in Deutschland, Großbritannien, der Schweiz, Österreich, Spanien, Holland sowie Dänemark und Frankreich bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Virus zum ersten Mal in Deutschland von Mensch zu Mensch übertragen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte vor einer Pandemie und stufte ihre Warnung Anfang Juni 2009 sogar auf die höchste Alarmstufe hoch.

Allein in Nordrhein-Westfalen waren zu diesem Zeitpunkt bereits 105 von bundesweit 203 Krankheitsfällen registriert. Das Land traf deshalb strenge Vorsorgemaßnahmen. Um für den Ernstfall – die massenhafte Ausweitung der Krankheit und eine daraus folgende allgemeine Impfpflicht – gewappnet zu sein, sicherte sich NRW gleich bei zwei Herstellerfirmen die Option auf die Lieferung des noch gar nicht entwickelten Impfstoffs. Der damalige Gesundheitsminister des Landes, Karl-Josef Laumann (CDU), riet allen gesunden Menschen zur Impfung. Das Land bestellte zunächst elf Millionen Impfdosen. Laumann bezifferte die Kosten für den Impfstoff auf rund 500 Millionen Euro. Hinzu kämen die Arzthonorare sowie die Kosten für die benötigten Einmal-Spritzen. Zunächst sollten die Beschäftigten in medizinischen Einrichtungen sowie Rettungspersonal geimpft werden.

Zugleich dämpfte Laumann übermäßige Erwartungen an einen raschen Impfschutz. Bis alle Menschen in NRW die nötige Zweitimpfung bekommen hätten, würden bis zu drei weitere Monate vergangen sein. Eindringlich mahnte der Minister, sich gründlich die Hände zu waschen. Seither gibt es in vielen WC-Einrichtungen öffentlicher Gebäude Desinfektionsspender.

Nachdem der Impfstoff entwickelt war und ausgeliefert werden konnte, stellten sich Probleme ein. Die Unternehmen konnten, auch infolge von Pannen, nicht schnell genug liefern. Schon machte das Wort "Impfchaos" in NRW die Runde. Damals wurde auch überlegt, Schulen zu schließen und die Sommerferien um eine Woche zu verlängern.

Überall in Deutschland machte sich Angst vor der unheimlichen Bedrohung breit. Vor allem, nachdem bekanntgeworden war, dass eher Jüngere an der Schweinegrippe sterben; gefährdet waren besonders Schwangere, stark Fettleibige und Menschen mit einer Vorerkrankung. Auch viele der deutschen Opfer waren chronisch krank; sie hatten eine Einschränkung der Lungenfunktion, waren schwerbehindert oder stark übergewichtig. Ein Mann, der in Heidelberg an der Schweinegrippe starb, hatte auf eine Organtransplantation gewartet.

Im August 2010 erklärte die WHO die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts, die sogenannte Schweinegrippe, für beendet. An dem Virus H1N1 waren weltweit etwa 18 500 Menschen gestorben, in Deutschland mehr als 250. Da sich hierzulande deutlich weniger Bürger als geplant impfen ließen, blieben die Bundesländer auf großen Mengen Impfstoff sitzen, die nun aber wiederverwendet werden können.

Quelle: RP
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