| 07.34 Uhr

Inden-See
Die Angst vor einem neuen Erdrutsch

Häuser rutschen in Erdkrater
Häuser rutschen in Erdkrater FOTO: AP
Inden/Nachterstedt (RP). Nach dem Unglück von Nachterstedt mehren sich die kritischen Stimmen zu dem Vorhaben, einen riesigen Restsee im Abbauloch des Tagebaus Inden anzulegen. Am Freitag wollen die Grünen im Braunkohlenausschuss neue Gutachten fordern. Auch Geologen sind skeptisch. Von Tina Stockhausen

Nachterstedt am 18. Juli: Ein 350 Meter langer Uferstreifen am Concordia-See bricht ab, stürzt in die Tiefe, reißt zwei Häuser mit sich. Drei Menschen sterben unter den Erdmassen, dutzende Anwohner müssen ihre Häuser am Ufer des Tagebaurestsees verlassen. "Für NRW hat das keine Konsequenzen", sagt Ulrich Schuster, Bürgermeister der Gemeinde Inden. "Wir haben bereits das geologische Gutachten vorliegen, dass die Situation in NRW und in der Lausitz nicht vergleichbar ist." Die Planungen würden wie bisher weiterlaufen.

Die Gemeinde Inden hat vor neun Jahren den Vorschlag eingebracht, auch im Indener Tagebaurestloch einen gigantischen See anzulegen, und im Juni ist der "Indesche Ozean" vom NRW-Wirtschaftsministerium beschlossen worden. Doch seit Nachterstedt mehren sich die kritischen Stimmen an dem Vorhaben. Am kommenden Freitag soll der Braunkohlenausschuss in seiner Sitzung die Details der Planung abnicken. Doch nun steht eine neue Debatte an: "Das Thema ist noch lange nicht durch", verkündet Bettina Herlitzius (Grüne), stellvertretende Vorsitzende des Braunkohlenausschusses. "Meine Fraktion wird ein weiteres Gutachten von der Bezirksregierung fordern."

Auch Paul Larue, Bürgermeister der Stadt Düren, will die Entscheidung für den See nicht hinnehmen. "Sollte der Ausschuss zustimmen, reichen wir Klage ein." Larue war stets Kritiker des Sees. Nachterstedt hat seine Zweifel noch vergrößert. "Uns wurde der Concordia-See immer als Musterbeispiel präsentiert", sagt er. "Nun wird uns erzählt, dass beide Seen überhaupt nicht vergleichbar seien."

Als die Idee des Restsees aufkam, war der Bergbaubetreiber RWE, der bei dieser Variante etliche Millionen Euro sparen soll, sofort begeistert. Für alle Gemeinden, die das Vorhaben befürworteten und sich in der "Indeland Entwicklungsgesellschaft" zusammenschlossen, gab es von RWE und dem Land satte Fördergelder. Nur Düren ging leer aus.

2008 legte dann die Firma Prognos, zu deren Auftraggebern auch RWE zählt, dem Braunkohlenausschuss ein Gutachten zur See-Variante vor. Prognos malte das Bild einer prosperierenden Tourismusregion in rosigen Farben, als Beispiel wurde immer wieder die Lausitz herangezogen. Die Einwände der RWTH Aachen, die Methodik und Inhalt des Prognos-Gutachtens harsch kritisierte, blieben wirkungslos. Auch Sorgen um die Sicherheit am Seeufer, die im Arbeitskreis des Ausschusses mehrfach geäußert wurden, fanden bei der Bezirksregierung kein Gehör: "An der Beherrschbarkeit des Tagebaubetriebs sowie der Anlage eines Restsees besteht kein Zweifel. Hierbei wird auf die Erfahrungen bei der Anlegung großer Restseen im Lausitzer Revier verwiesen."

Dann kam Nachterstedt. Bereits am Tag nach dem Unglück verwiesen RWE und der Geologische Dienst NRW auf die großen geologischen Unterschiede in beiden Regionen. Bevor man entscheide, ob die Tragödie Konsequenzen für NRW habe, müsse man jedoch die Klärung der Ursache abwarten.

Das hat man dann doch nicht getan: "Experten vom Geologischen Dienst NRW und der Bezirksregierung haben sich am Concordia-See umgesehen", erzählt Schuster. "Das Urteil liegt der Landesregierung längst vor, ist nur noch nicht veröffentlich worden." Die Geologen hätten festgestellt, dass man keine neuen Gutachten brauche und die Pläne nicht überdacht werden müssten. Denn die Häuser in Nachterstedt hätten auf aufgeschütteter Erde gestanden, in NRW stünden alle Häuser auf gewachsenem Grund. Außerdem gebe es in der Lausitz alte Bergbaustollen, die einbrechen und Beben verursachen können. In der Region bei Inden gebe es keine solchen Schächte, die das Gelände instabil machen, verkündete der Geologische Dienst am Tag nach dem Unglück.

Fakt ist, dass auch am Inden See die Uferbereiche aufgeschüttet werden. "Und gerade die Seegrundstücke wurden im Prognos-Gutachten als besonders wichtig genannt", sagt Larue. Der aufgeschüttete Böschungsbereich soll genutzt und mit Gebäuden für Freizeitaktivitäten bebaut werden. Und dass es am Tagebau Inden keine alten Schächte gebe, ist schlicht falsch: Am Rand des Tagebaus wurden bei Lucherberg nachweisbar Steinkohle abgebaut und Stollen angelegt. "Bergbauregionen sind meist durchlöchert wie Schweizer Käse", sagt Günther Maier, Geologe an der TU Freiburg. "Da kann es immer zu Beben und Erdrutschen kommen." Absolute Sicherheit könne es bei einem Megaprojekt wie dem Indeschen See nie geben, dazu würden die Erfahrungen mit dem Altbergbau fehlen. "Aber aus Vorfällen wie Nachterstedt müssten Lehren für weitere Planungen gezogen werden."

In Inden will man sowas nicht hören, geschweige denn, das Vorhaben stoppen. "Neue Gutachten bringen nichts", sagt Schuster. "Es ist genug gemessen worden, jetzt muss es voran gehen." Dürens Bürgermeister Larue sieht das anders. "Wir haben genug Zeit, um den Plan in Ruhe zu überdenken – damit es kein zweites Nachterstedt gibt."

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Inden-See: Die Angst vor einem neuen Erdrutsch


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.