Dormagen: Die erste Feuerwehr-Chefin
VON DIETER DORMANN - zuletzt aktualisiert: 23.01.2007 - 18:27Dormagen (RP). „Mein großer Traum ist wahr geworden.“ Sabine Voss (40), Brandoberrätin, Mutter zweier Mädchen (vier und sieben Jahre), strahlt, wenn sie Bilanz ihrer „ersten 100 Tage“ als Chefin der Berufsfeuerwehr in Dormagen zieht.
„Richtig Realität“ geworden ist für die Diplom-Ingenieurin ihr Traum erst Mitte Januar. An diesem Tag hat ihre erste Bereitschaftswoche als Leiterin der Dormagener Wehr begonnen. Acht Tage 24 Stunden im Dienst. Wenn in dieser Zeit - egal zu welcher Uhrzeit - ein größerer Brand oder ein schwerer Unfall gemeldet wird, führt Sabine Voss das Kommando - über 59 Männer bei der Berufsfeuerwehr und über die 274 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr. Keine andere Frau in Deutschland hat eine solche Position.
Dass ihre erste Bereitschaftswoche mit Orkan Kyrill begann, sie in der Sturmnacht erst um zwei Uhr ins Bett kam und morgens um sieben Uhr schon wieder auf der Wache sein musste, hatte sich die gebürtige Moerserin, die in Leverkusen aufgewachsen ist, nicht erträumt. Aber genau „solche Herausforderungen“, die „spontan“ 100 Prozent Leistungsfähigkeit verlangen, reizen Sabine Voss.
Dass sie die erste Frau ist, die in Deutschland an der Spitze einer Berufsfeuerwehr steht, rückt die 40-Jährige nicht gerne in den Vordergrund: „Ich versuche nur, meinen Job zu machen - wie jeder andere bei der Feuerwehr.“ Doch die Statistik ist eindeutig. Sabine Voss ist nicht nur die einzige Feuerwehr-Chefin in Deutschland, Frauen sind auch sonst in den Wehren die große Ausnahme. So gehört zur Berufsfeuerwehr in Dormagen außer der Chefin nur noch eine Frau. In Düsseldorf ist eine Frau allein unter 750 Männern. In Köln, das mit mehr als 900 Mitgliedern die viertgrößte Berufswehr Deutschlands hat, gibt es gar keine Frau. In NRW stehen in den Berufsfeuerwehren 50 Frauen 7748 Männern gegenüber.
Gründe für den geringen Anteil der Frauen bei den Feuerwehren gibt es einige. Bewerber müssen eine handwerkliche Ausbildung oder ein Studium der Natur- oder Ingenieurswissenschaften absolviert haben. „Schon da sind Frauen die Ausnahme“, meint Berthold Penkert vom Institut der Feuerwehr in Münster. Erfüllen Kandidatinnen sonstige Voraussetzungen, fehlt’s fast immer an der körperlichen Fitness. „Den Sport-Test schaffen die Frauen einfach nicht“, berichten Sprecher der Wehren in Düsseldorf und Köln.
Unterschiedliche Fitness-Anforderungen für die Geschlechter - wie sie bei der Polizei verlangt werden - lehnen viele Experten ab. „Im Einsatz müssen Männer und Frauen auch gleiche Leistungen bringen“, meint Berthold Penkert. „Aber es kommt darauf, wie hoch man die Messlatte legt.“ Und das bestimmt jede Feuerwehr/Kommune selbst.
Diese Regelung sieht Silvia Darmstädter vom Deutschen Feuerwehrverband kritisch: „Es gibt immer noch Feuerwehren, die keine Frauen aufnehmen wollen, die stellen sicher entsprechende Kriterien auf.“ Gleiches gelte für Alleinerziehende, Bewerber mit Migrationshintergrund oder Homosexuelle. Selbst Frauen, die den Einstellungstest geschafft hätten, werde das Leben in der Wehr oft schwer gemacht. „Es gibt einfache Wege, jemandem den Spaß zu nehmen“, sagt Silvia Darmstädter. Zudem würden Frauen die Teilnahme an Lehrgängen verweigert.
Mit einem auf drei Jahre angelegten Projekt „Mädchen und Frauen in den Freiwilligen Feuerwehren“ wirbt der Verband seit September 2005. Erste Erfolge gibt es. Von 2004 auf 2005 wurden 2000 Frauen Mitglied in einer Wehr. „Langfristiges Ziel ist es, den Frauenanteil zu verdoppeln. Bisher liegt er bei sechs bis sieben Prozent“, sagt Silvia Darmstädter.
Auch Sabine Voss wünscht sich mehr Frauen an ihrer Seite. „Das wäre für das Klima in der Wehr angenehm“, sagt sie. „Quotenfrauen“ oder unterschiedliche Einstellungskriterien sind für die 40-Jährige aber undenkbar. Die Dormagener Feuerwehr-Chefin sagt: „Nein, da gibt es keinen Kompromiss. Ich erwarte gleiche Leistungen.“
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