Margot Käßmann im Interview: "Die Kirchen spielen eine gewichtige Rolle"
VON STEPHAN KÖHNLEIN (APD) - zuletzt aktualisiert: 26.12.2009 - 12:20Frankfurt/Main (RPO). Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland spricht im Interview über rückläufige Mitgliederzahlen der Kirchen, Wiedereintritte in Zeiten von Glück und Not, Probleme der gesellschaftlichen Individualisierung und die Verwendung der Kirchensteuer. Margot Käßmann ist sicher: Auch eine schrumpfende Kirche behält ihre Bedeutung.
Der Mitgliederschwund macht den Kirchen weiter zu schaffen. Muss sich die Kirche damit abfinden, dass sie schrumpft?
Käßmann Ganz realistisch: Die Gesellschaft schrumpft in Deutschland, und das wird auch die evangelische Kirche betreffen. Das ist nicht zu leugnen. Aber auch eine kleiner werdende Kirche hat in dieser Gesellschaft einen enorm wichtigen Auftrag. Zwei Drittel der Menschen in unserer Gesellschaft sind Mitglied einer Kirche. Das ist ein sehr relevanter Faktor, aber der wird manchmal runtergespielt, als wären wir bei zehn Prozent angelangt.
Also trotz rückläufiger Mitgliederzahlen also kein Bedeutungsverlust?
Käßmann Die Kirchen spielen nach wie vor eine gewichtige Rolle. Und ich möchte Menschen ermutigen, selbstbewusst Mitglieder unserer Kirche zu sein, weil sie in unserer Gesellschaft eine Wertehaltung, eine Glaubenshaltung, eine Grundüberzeugung darstellen, die wir brauchen. Außerdem werbe ich um Wiedereintritte, davon gibt jedes Jahr 60.000. Das möchte ich gerne ausbauen.
Wie kann so ein Ausbau denn aussehen?
Käßmann Mir liegt daran, einladende und offene Kirche zu sein, den Menschen deutlich zu machen, dass wir sie begleiten an den großen Übergängen in ihrem Leben. Die Geburt eines Kindes oder der Tod eines Angehörigen, das sind oft Anlässe für einen Wiedereintritt. Dann fragen sich die Menschen, was sie ihren Kindern weitergeben wollen oder ob nicht doch jemand auf der Bestattung reden soll, der die Grundüberzeugung hat, dass es eine Auferstehung gibt.
Was sich immer wieder zeigt, ist eine gewisse Individualisierung, eine Privatisierung des Glaubens nach dem Motto "Ich glaube an Gott, aber die Institution Kirche brauche ich nicht"...
Käßmann Das Christentum war von Anfang an eine Gemeinschaftsreligion. Jesus ist mit Jüngern durch Israel und Palästina gegangen. Die Tischgemeinschaft mit vielen ist das zentrale Symbol. Von Anfang an wurden Gemeinden gegründet. Und das waren keine Elitetruppen. Petrus hat Jesus sofort verleugnet, Paulus war vorher Christenverfolger und Maria Magdalena hatte einen sehr zweifelhaften Ruf. Von Anfang an gab es auch Konflikte - und trotzdem geht es um eine Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft ist immer schwieriger, als sich alles selbst zurechtzulegen. Aber jeder und jede kann sich bei uns beteiligen, einbringen, auch in Entscheidungsprozesse. Das gehört zum Christentum dazu.
Also fehlt etwas Entscheidendes, wenn man seinen Glauben allein lebt...
Käßmann Ein Mensch glaubt persönlich an Gott. Aber dass ich mich in diese Gemeinschaft einbringe, ist Teil des christlichen Glaubens.
Im Kontext mit der Privatisierung des Glaubens wird auch immer wieder über die Rechtmäßigkeit der Kirchensteuer diskutiert. Deutschland ist da ja ein Ausnahmefall, in vielen anderen Ländern finanzieren sich die Kirchen aus Spenden. Was sagen Sie dazu?
Käßmann Die Kirchensteuer ist eine freie Vereinbarung zwischen der Kirche und ihren Mitgliedern. In der Bibel steht "Du sollst den Zehnten geben". Bei uns gilt: "Nur den Neunten von der Steuer, die Du bezahlst". Biblisch gesehen ist das also eher ein minimaler Beitrag. Diejenigen, die das bezahlen können, zeigen als Leistungsstarke, dass sie einverstanden sind, dass ihr Geld für die Leistungsschwachen verwendet wird.
Und wohin fließt das Geld?
Käßmann Wir legen alles offen, sie können die Finanzen jeder Kirchengemeinde einsehen. 86 Prozent aller Einnahmen verwenden wir für Personal. Personal, das für diejenigen da ist, die Beistand brauchen: Kinder, Alte, Kranke, Behinderte. Für mich ist das ein seriöses Abkommen zwischen den Mitglieder und der Institution. Im Übrigen zahlt auch eine Bischöfin Kirchensteuer.
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