| 09.17 Uhr

Gedanken zu Pfingsten
Die Taube als Botschafterin des Glaubens

Düsseldorf. Die Taube dient als Symbol des Heiligen Geistes – obwohl sie zu Pfingsten nicht einmal in Erscheinung tritt. Die wundersame Geschichte eines wundersamen Vogel. Von Lothar Schröder

Als ihm die Sache mit der Taube widerfuhr, die seine Existenz von einem Tag zum andern aus den Angeln hob, war Jonathan Noel schon über fünfzig Jahre alt." Das ist keine Kleinigkeit, mit der Patrick Süskind seine Erzählung "Die Taube" in Gang bringt: ein Leben einfach so aus den Angeln zu heben! Und dann von einer Taube! Aber vielleicht kann so etwas tatsächlich nur ein Tier, das als friedliebend gilt. Vielleicht ist es auch das Schicksal des Jonathan Noel, eingeschrieben bereits in seinem Namen. Denn Jona ist hebräischen Ursprungs und heißt "Taube".

Eine Existenz aus den Angeln zu heben - das hat die Taube oft schon gekonnt und bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der biblischen Menschheitsgeschichte. Gottes Sintflut ist über die Erde gekommen. Nur Noah mit seiner Familie und vielen Tieren gelingt die Rettung. Als das Wasser langsam wieder sinkt und die Arche schließlich auf dem Berg Ararat aufsetzt, will Moses wissen, wie es unten in den Tälern jetzt aussieht. Und so macht er nach 40 Tagen das Fenster der Arche auf und schickt einen Raben los. Der fliegt hin und her und kehrt nicht wieder zurück. Dann versucht es der Gottesgläubige mit einer Taube. Dreimal schickt er sie los ins weite Land: Beim ersten Mal kommt sie ohne einen Beleg heim, beim zweiten Mal aber mit einem Ölblatt im Schnabel. Keine Frage, das ist ein Zeichen der Hoffnung. Die Erde dürfte also wieder bewohnbar sein. Doch Noah will auf Nummer Sicher gehen und schickt sie ein drittes Mal los. Diesmal bleibt sie fern. Das schaut nach Verrat an Noah und den Seinen aus. Doch es ist die Aufforderung, in die erneuerte Welt frei hinauszutreten und an das Leben zu glauben. Die Taube ist die frohe Botschaft von all dem, ein Sinnbild des Evangeliums.

Die Taube ist wieder da

Zu Pfingsten wird die Taube wieder zurückkehren - in unsere Köpfe, in Darstellungen und Predigten. Dabei tritt sie ausgerechnet beim biblischen Pfingst-Ereignis nicht in Erscheinung. Das Brausen im Himmel, das das ganze Haus erfüllt, wie auch die Feuerzungen, die auf die Häupter jedes Jüngers niedergehen und diese mit dem Heiligen Geist erfüllen, kommt ohne Taube aus.

Das ganz und gar Wundersame der Apostelgeschichte ist zugleich ihr Problem: Was ist das? Der Heilige Geist? Die Zungen aus Feuer? Wie lässt sich das bloß vermitteln, geschweige denn darstellen oder anschaulich machen? Pfingsten ist in dieser Hinsicht ein extrem schwieriges Fest. Auf der Suche nach einem Symbol für Gottes Geist kam man darum irgendwann auf die Taube. Und damit es möglichst viele kapierten, ließ man früher in den Pfingstmessen sogar hölzerne Attrappen des Vogels an Stricken quer durchs Kirchenschiff ziehen. Die Startluke am Dachboden hieß dann sinnfällig das "Heilig-Geist-Loch".

Das wäre die steile Karriere eines Tiers, dessen Verdienst nur die Rückkehr samt Ölblatt zur Arche gewesen ist. Natürlich ist es mehr: Die Taube ist damals zur Botschafterin einer neuen Zeit geworden, Botschafterin einer vielleicht friedfertigen Welt, Botschafterin auch des Glaubens.

Und das ist sie geblieben - auch namentlich. So kehrt die Taube in ihrer hebräischen Übersetzung als Jona wieder. Der ist in der Tat ein Bote Gottes, wenn auch ein zunächst störrischer. Er weigert sich nach biblischer Überlieferung nämlich, den Menschen in Ninive zu predigen und sie vom Pfad der Sünde zurückzuholen. Also hilft Gott seinem Jona ein wenig auf die Sprünge: Im Bauch eines großen Fisches wird der Prediger zum Ort seiner Bestimmung expediert.

Eine glänzende Botschafterin

Dass die Taube eine glänzende Botschafterin und zuverlässiger als alle anderen Tiere ist, beweist sie den Menschen seit Jahrhunderten als Brieftaube. Schon bei den Römern soll sie die Ergebnisse von Wagenrennen an Teilnehmer von Wetten überbracht haben; und Paul Reuter - Gründer der gleichnamigen Nachrichtenagentur - setzte Mitte des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Flotte an Brieftauben ein, die Nachrichten beförderten in Gegenden ohne Telegrafenmasten. Es gibt berühmte Artgenossen dieser Profession - wie "Cher Ami", eine Taube, die im Ersten Weltkrieg überlebenswichtige Nachrichten überbrachte und darum mit dem französischen Crois de Guerre ausgezeichnet wurde.

Alle Nachrichten der Tauben haben die Welt verändert - manchmal im Großen, oft im Kleinen. Und sie werden Existenzen aus den Angeln gehoben haben, vor allem in der Geschichte der Arche Noah. Das Ölblatt der Taube ist ein Friedenssymbol. Weil mit ihm nicht nur die Sintflut endet, sondern ein neues Leben beginnt: Das erzählt von der Versöhnung zwischen Gott und den Menschen.

Für die Mitwirkung der Taube am Pfingstgeschehen ist dennoch ein anderes Ereignis wichtiger. Und auch dieses markiert einen Neuanfang: die Taufe Jesu. Denn kaum war Gottes Sohn aus dem Wasser gestiegen, "da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe", heißt es bei Matthäus.

Sinnbild von Eros und Liebe

Darin wird nicht nur offenbar, dass sich der Schöpfer zur Kreatur bekennt. In der Gestalt der Taube wird Gott greifbar und sichtbar für alle, die sehen wollen. Für wenige Augenblicke in der Glaubensgeschichte der Menschheit gibt sich Gott in fremder, aber eindeutiger Gestalt zu erkennen. Auch in diesem Sinne erscheint die Taube in besonderer Weise Gottes Geschöpf zu sein. Sie ist Symbol der Friedfertigkeit, dient in Babylon als Zeichen der Fruchtbarkeit und bei den alten Griechen als Sinnbild von Eros und Liebe; zudem gilt die Taube als monogam und treu. Ihren guten Charakter wird auch Jesus unterstreichen, wenn er seinen Jüngern bei der Aussendung auf den Weg gibt: "Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben."

Die Taube, die sich vor 10.000 Jahren dem Menschen angeschlossen hat, erscheint heute vielen zu gut, um wahr zu sein. Insbesondere in den Städten. Eine Million von ihnen leben in New York, immerhin noch 300.000 in Berlin. Ihr Kot ist das größte Ärgernis; dass sie jedoch Krankheiten übertragen sollen, halten Forscher für unwahrscheinlich. Der Sänger Georg Kreisler glaubt jedenfalls in seinem bekannten Lied, dass es im Leben kein "größres Plaisir" geben könne als "Tauben vergiften im Park". Vom Pfingstgeschehen ist das meilenweit entfernt - von der Taube, die auch deshalb zum Glaubenszeugnis wurde, weil sie zu dem zurückkehrt, der sie besitzt. Und weil sie damit eine Existenz aus den Angeln heben kann.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Gedanken zu Pfingsten: Die Taube als Botschafterin des Glaubens


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.