Nach der Bluttat in Ansbach: Die Zahl der Amoktaten hat zugenommen
VON STEPHAN DÖRNER - zuletzt aktualisiert: 18.09.2009 - 14:59Düsseldorf (RPO). Wieder einmal herrscht Fassungslosigkeit nach der Tat von Ansbach, auch wenn der blitzschnelle Polizeieinsatz diesmal Todesopfer verhinderte. Eine Studie zeigt: Seit den Neunzigern hat die Zahl der Amoktaten deutlich zugenommen. Deutschland steht dabei nach den USA an der Spitze der Staaten mit derartigen Gewalttaten. Doch es gibt Möglichkeiten, Amoktaten im Vorfeld zu erkennen.
Amokläufe sind kein komplett neues Phänomen. Bereits im 19. Jahrhundert gab es die ersten überlieferten Fälle in Europa, die heutigen Amokläufen ähneln. Auch wenn die Jugendgewalt insgesamt zurückgeht, die medienwirksam inszenierten Amoktaten haben seit den Neunziger Jahren dramatisch zugenommen, wie eine Untersuchung des amerikanischen Forschers Frank Robertz zeigt.
Die Psychologin Karoline Roshdi führte ein Forschungsprojekt zu zielgerichteter Gewalt und Amok an Schulen durch. Dabei wertete sie im Auftrag des Instituts für Psychologie und Sicherheit in Aschaffenburg alle deutschen Amoktaten von 1999 bis 2008 systematisch aus. "Nach den USA ist Deutschland im weltweiten Vergleich inzwischen das Land mit den meisten Amoktaten", so Roshdi.
Ihre Analyse zeige ein deutliches Muster an Warnsignalen bei den Tätern: Immer gäbe es einen "Weg zur Gewalt", erläutert die Psychologin. In allen Fällen hätten sich die Täter zuvor intensiv mit anderen historischen Gewalttaten auseinandersetzt. In den meisten Fällen interessierten sich die Täter dabei vor allem für andere Amokläufer, die die Jugendlichen heroisieren. Viele der späteren Täter besuchen die Stätte der Gewaltat bereits im Vorfeld mit einer Waffe.
Alle Amokläufer befänden sich außerdem in einer anhaltenden Krisensituation, einem Missstand, dem sie sich durch ihre Gewalttat entledigen wollten. Beispiele daür sind anhaltenes Mobbing durch Gleichaltrige oder als ungerecht wahrgenommene Behandlung durch Lehrer.
Auslösendes Moment
Der Zeitpunkt in der ein als Missstand wahrgenommener Umstand in nackte Gewalt umschlägt, sei meist durch ein einzelnes auslösendes Moment gekennzeichnet, so die Psychologin. Im Falle des Amoktäters von Erfurt war es der drohende Zusammenbruch des Lügengebäudes, das er über die Jahre aufgebaut hatte. Steinhäuser musste wegen der Fälschung eines ärztlichen Attests das Gymnasium ohne Abschluss verlassen und hatte seiner Familie fortan vorgetäuscht, weiter die Schule zu besuchen.
Georg R. scheint in das für Amoktäter typische Muster zu passen: Er ist jung, männlich und war nach Aussagen von Mitschülern sozial isoliert. Roshdi weist aber darauf hin, dass nicht alle Täter Einzelgänger sind. "Einige sind zunächst durchaus in Gruppen integriert und isolieren sich dann hingehend zur Tat", erläutert die Expertin. Es seien auch nicht ausschließlich alle Täter männlich: Eine amerikanische Studie mache immerhin vier Prozent Täterinnen unter den Amokläufern aus.
Dass ein Amokläufer lebend gefasst wird, ist zwar selten aber durchaus auch in Deutschland schon vorgekommen – bei den von Karoline Roshdi untersuchten Fällen zwei Mal. "Der Informationsvorsprung für eine Analyse der Taten ist in solchen Fällen aber nicht so viel größer, wie man denkt", erklärt die Psychologin. Zwar können die Täter in diesen Fällen detailliert über ihre Motive Auskunft geben, in vielen Fällen schreiben sie im Vorfeld ihre Beweggründe aber auch nieder.
Wie wird jemand zum Täter?
Bei der Zunahme der Amoktaten gibt die Expertin auch einigen Medien eine Mitschuld. Viele Jugendliche nutzten die Berichterstattung, um sich detailliert mit den Motiven der Täter auseinander zusetzen. Sie fänden Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation, was in Einzelfällen zu einer Heroisierung und Identifizierung beitragen könne.
Nach dem Amoklauf von Winnenden habe "bild.de" beispielsweise den Nutzern mittels einer Applikation erlaubt, den Weg des Amokläufers virtuell nachzuvollziehen. "Das darf einfach nicht passieren", zeigt sie sich fassunglos. Stattdessen fordert sie, den Opfern der Tat in der Berichterstattung mehr Platz einzuräumen.
Um Amoktaten früher zu erkennen, fordert Roshdi Krisenteams an Schulen, die mit Lehrern besetzt werden sollten. Diese wären dann – zunächst losgelöst von den Amokläufen – Ansprechpartner bei Bedrohungen und Missständen. Die Teams sollten dann auf typische Warnsignale für Bedrohungssituationen geschult werden. In den USA seien solche Krisenteams sehr erfolgreich: Seit sie landesweit eingerichtet wurden, sei die Zahl der Amoktaten zurückgegangen.
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