Psychologe erklärt die Erscheinung Amok: "Diese Situationen haben eine längere Vorgeschichte"
zuletzt aktualisiert: 11.03.2009 - 14:26Berlin (RPO). Amokläufe und andere Gewaltakte an Schulen brechen sich meist nicht aus heiterem Himmel Bahn. Darauf hat der Berliner Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer am Mittwoch nach der Serie von Todesschüssen in einer Realschule in Baden-Württemberg hingewiesen. "Diese Situationen haben eine längere Vorgeschichte", sagte er der Nachrichtenagentur AP.
Keine der oft erhobenen Forderungen nach härteren Strafen für illegalen Waffenbesitz und Gewaltverherrlichung hätten diese Tat verhindert. Mehr Erfolg verspreche die Früherkennung.
Die Gewaltausbrüche kündigen sich nach den Worten des Professors an der Freien Universität Berlin über einen längeren Zeitraum an. "Bei fast allen Taten gibt es eine längere Vorbereitung." Als Beispiel verwies der Forscher auf Jugendliche, die "eine ganze Zeitschriftensammlung über frühere Amoktaten" besäßen.
Hinzutreten müssten bestimmte psychische Merkmale. Diese Vorbelastung sei "sehr entscheidend", weil es andernfalls das Risiko einer Amoktat nicht bestehe.
Erkennen von Signalen
Das Problem liege allerdings in der Erkennung der Hinweise, durchschimmernden Merkmalen oder Signale. Erstens müsse man sich klar machen, dass Amokfälle "wirklich, wirklich selten" vorkämen. Die Gefahr sei deshalb groß, dass plötzlich Hunderttausende fälschlich als potenzielle Amoktäter identifiziert würden, wenn Laien nach etwaigen Erkennungsmerkmalen suchten.
Die Schäden wären nach den Worten Scheithauers immens: "Die fälschliche Stigmatisierung eines Schülers als potenzieller Amoktäter hat eine negative langfristige Wirkung".
Nicht jedes merkwürdige Verhalten eines Jugendlichen beispielsweise müsse auch gleich ein schwerwiegendes Signal sein. "Aber wenn ein Jugendlicher einen Aufsatz schreibt, in dem er auf fünf Seiten genau beschreibt, wie er seine Lehrer nacheinander tötet, ist das nicht mehr normal." Man müsse genau hinschauen. Einen Fall dieser Art habe es wirklich gegeben.
Selbstgedrehte Gewaltvideos
Aufmerksamkeit empfiehlt sich nach den Worten des Psychologen auch, wenn ein Jungendlicher gewaltverherrlichende Videos inszeniert, mit Waffen posiert, oder durch ein martialisches Auftreten auch in der Schule auffalle. In solchen Fällen sollen Spezialisten bei der Polizei oder in den Schulverwaltungen zu Rate gezogen werden, sagte Scheithauer. Auch Dritte könnten Beobachtungen, die ihnen merkwürdig vorkommen, bei einer Internet-Wache der Polizei rund um die Uhr melden.
Der Wissenschaftler räumte aber ein, dass Angst vor möglichen Folgen bei der Einschaltung der Polizei ein Hindernis sein könne. "Da gibt es noch keine gute Lösung," sagte er.
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