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Schächten
Dieser muslimische Steakhaus-Betreiber wird von Veganern und Nazis beschimpft

Dieser muslimische Steakhaus-Betreiber wird von Veganern und Nazis beschimpft
Osman Yeşil sitzt in seinem Halal-Steakhaus in Frankfurt. FOTO: Ayhan Ezgin
Düsseldorf. Weil ein Restaurant in Frankfurt ausschließlich geschächtetes Fleisch anbietet, toben sich auf der Facebook-Seite Veganer, Tierschützer und Rechte aus. Wir haben mit dem Inhaber Osman Yeşil gesprochen. Von Sebastian Dalkowski

Kaum hatten Osman Yeşil und Hakan Pakören im Sommer 2015 ihr Restaurant "Green" in Frankfurt eröffnet, da hagelte es Kritik – nicht unbedingt sachliche. Die beiden Muslime hatten sich entschieden, das nach eigener Aussage erste Halal-Steakhaus Deutschlands zu betreiben. Das bedeutet, dass sie ausschließlich geschächtetes Fleisch anbieten, Fleisch also, das den muslimischen Speisevorschriften entspricht.

Schächten bedeutet, dass die Tiere nicht betäubt werden, bevor ihnen mit einem Messer an der Halsunterseite die Blutgefäße und Luft- und Speiseröhre durchtrennt werden, damit sie ausbluten können. Denn Muslime dürfen kein Blut essen. Im Idealfall führt der Schnitt nach 10 bis 15 Sekunden zum Tod. Falsch ausgeführt verendet das Tier allerdings qualvoll. Unter Muslimen ist allerdings umstritten, ob Fleisch nicht auch halal sein kann, wenn das Tier vor dem Schnitt betäubt wird, zum Beispiel mit einem Bolzenschussgerät. In Deutschland ist schächten ohne vorherige Betäubung nur mit Ausnahmegenehmigung möglich. Der Import von geschächtetem Fleisch ist allerdings legal. Das Steakhaus bezieht sein Fleisch aus Uruguay. Die Tiere werden nicht betäubt.

Die Beleidigungen, die das Steakhaus noch immer erreichen, und die zahlreichen 1-Stern-Bewertungen kommen aus sehr unterschiedlichen Lagern: von Veganern, Tierschützern und Rechten (was sich nicht nur an den Kommentaren, sondern auch den Seiten erkennen lässt, die diese bei Facebook liken). Einige prangern die Tierquälerei an, andere fordern die Betreiber auf ihren "Drecksladen" zu packen und dorthin zu gehen "wo solche perversen Idioten wie ihr an die Wand gestellt werden". Eine Frau, die ihrem Facebook-Profil nach zu urteilen Veganerin ist, aber keine Rechte, schreibt von "euren zurückgebliebenen Staaten in welchen der Fortschritt ungefähr 2000 vor Christus stehengeblieben ist". Nicht immer ist klar, ob es sich um Äußerungen von Rechten oder radikalen Tierschützern handelt.

Wir haben mit Osman Yeşil über die Beleidigungen bei Facebook gesprochen. Der 31-Jährige ist der Sohn türkischer Einwanderer und in Frankfurt geboren und aufgewachsen.

Ist Schächten Tierquälerei?

Osman Yeşil Im Gegenteil. Das Tier stirbt viel schneller, wenn man die Schlagader durchtrennt. Es ist bereits vor dem Ausbluten tot. Bei einem Bolzenschussgerät kriegt das Tier erst mal einen Schlag und ist noch nicht tot. Und die Metzger, die dieses Gerät benutzen, treffen auch nicht immer genau. Deshalb glaube ich, dass es so für das Tier viel qualvoller ist.

Es gibt da auch eine andere Ansicht: Im Idealfall ist das Tier beim Schächten nach 15 Sekunden tot. Das ist auch schon lang. Und wenn man es nicht richtig macht, dauert es Minuten. Während das Tier nach der Betäubung mit dem Bolzenschussgerät nichts mehr spürt.

Osman Yeşil Die Menschen, die halal schlachten, haben ja Ahnung von der Materie. Die haben jahrelange Erfahrung. Die wissen genau, wie sie ein Tier schlachten müssen. Dazu gehört zum Beispiel, dass es vorher beruhigt wird.

Unter Muslimen gibt es zwei Meinungen: Die eine besagt, dass Schlachten nur ohne Betäubung halal ist. Die andere besagt, dass es auch dann halal ist, wenn das Tier vorher betäubt wird. Sie könnten doch auch das Fleisch von diesen Tieren nehmen.

Osman Yeşil Für mich wäre das dann nicht mehr halal. Dann könnte ich nicht mehr mit meinem Namen dafür stehen.

Aber würden Sie denn sagen, dass die Schlachtung mit voriger Betäubung für das Tier besser ist?

Osman Yeşil Das ist eine schwierige Frage. Es ist genau so gut wie ein Bolzenschussgerät, wenn ich Futter in meiner Hand habe und das Tier zum Schlachtbereich führe und es streichle und ihm erst die Kehle durchschneide, wenn es sich beruhigt hat. Dann merkt das Tier auch nicht mehr viel. Wenn halal schlachten Tierquälerei wäre, würde ich es nicht machen. Ich bin tierlieb, ich habe Hunde.

In Deutschland ist halal schlachten ohne vorherige Betäubung nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt. Der Import von solchem Fleisch ist allerdings erlaubt. Woher beziehen Sie Ihr Fleisch?

Osman Yeşil Aus Uruguay. Das hat einfach damit zu tun, dass ich dort die gewünschte Qualität gefunden habe.

Haben Sie sich in Uruguay mal angeschaut, wie die Tiere dort geschlachtet werden?

Osman Yeşil Nein, aber wir werden im Februar oder März hinfliegen.

Hätten Sie das nicht vorher überprüfen müssen?

Osman YeşilDass die Tiere halal geschlachtet werden, garantiert uns ja das Zertifikat. Dazu gehört eben auch, dass es den Tieren möglichst gut geht. Dass sie auf der Weide leben. Das reicht mir.

Schmeckt man das eigentlich, ob ein Tier geschächtet wurde oder nicht?

Osman Yeşil Also wenn Sie mich fragen – nein.

Seitdem Sie Ihr Restaurant im Sommer eröffnet haben, sehen Sie sich bei Facebook heftigen Beleidigungen ausgesetzt, die nicht zitierfähig sind und von drei Gruppen kommen: Rechten, Tierschützern und Veganern. Die Trennlinien sind nicht immer eindeutig.

Osman Yeşil Die Rechten tarnen sich manchmal nur als Tierschützer, um eine Religion plattzumachen. Jeder Nazi isst doch auch eine Bratwurst. Denen ist doch völlig egal, unter welchen Bedingungen die entstanden ist.

Hatten Sie diese massiven Beschimpfungen erwartet?

Osman Yeşil Nein, das hat mich schon sehr getroffen. Ich frage mich: In was für einem Jahrhundert leben wir hier? Ich war allerdings auch von meinen Glaubensgeschwistern enttäuscht. All diese Nazis, Veganer und Tierschützer haben unser Restaurant mit einem Stern bewertet. Wir haben mehr als 160 1-Stern-Bewertungen. Wir haben aber 4000 Follower. Wenn uns also jeder mit fünf Sternen bewertet hätte, würden diese anderen Bewertungen gar nicht ins Gewicht fallen. Aber sie haben es nicht gemacht. Vielleicht haben sie auch Angst. Einige von ihnen wurden ebenfalls bei Facebook beleidigt.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Beleidigungen sehen?

Osman Yeşil Was geht denn hier ab? Was haben diese Leute in diesem Land zu suchen? Mit so etwas war ich noch nie konfrontiert. Vorher hatte ich noch nicht mit Rassismus zu tun. Ich bin hier aufgewachsen und kenne so etwas nicht. Bis dato habe ich wohl bei einigen Leuten nicht das wahre Gesicht gesehen. Aber jetzt gebe ich erst Recht nicht auf.

Haben Sie auf die Kommentare reagiert?

Osman Yeşil Ich halte mich da komplett raus. Das gehört sich für den Inhaber des Restaurants nicht, selbst zu kommentieren. Es hätte ja auch gar kein Ende.

Haben Sie die Polizei eingeschaltet?

Osman Yeşil Bei einer E-Mail habe ich das gemacht. Aber ich habe keine Angst. Die sollen ruhig kommen. Bisher hat sich das kein Nazi und kein Veganer getraut.

Lassen die Beschimpfungen nach?

Osman Yeşil Nein, die kommen nach wie vor. Das läuft in Wellen ab. An manchen Tagen kommen 20 Kommentare, an manchen gar nichts.

Sie könnten die Kommentare löschen.

Osman Yeşil Nein. Das werde ich nicht tun. Jeder soll sich selbst überzeugen, wie unser Restaurant ist. Die 1-Stern-Bewertungen kann ich aber nicht löschen. Facebook zu erreichen, ist sehr schwer. Ich habe die Bewertungen gemeldet. Bisher ist aber nichts passiert.

Wie erklären Sie sich diese Beleidigungen?

Osman Yeşil Das kann ich Ihnen nicht sagen. Es gab schon vor 20 Jahren halal in Deutschland. Da hat auch keiner was gesagt. Ein Halal-Dönerladen hat auch nicht mit diesen Beleidigungen zu kämpfen.

Weil es der Dönerladen nicht in seinem Namen führt. Sie könnten das Wort "halal" ja auch wieder streichen.

Osman Yeşil Nein, das kommt für mich nicht in Frage.

Haben Sie die Hoffnung, dass irgendwann Ruhe einkehren wird?

Osman Yeşil Nein, es wird immer so weitergehen.

In Ihrem Steakhaus gibt es wegen der islamischen Speisevorschriften auch keinen Alkohol. Hat sich schon mal jemand beschwert?

Osman Yeşil Das passiert einmal in der Woche. Die Hälfte geht dann, die Hälfte bleibt.

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