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Rache-Aufrufe im Internet: Dresdner Mordprozess erregt Ägypter

VON KARIM EL-GAWHARY - zuletzt aktualisiert: 26.10.2009 - 12:34

Dresden/ Kairo (RP). Am Montag begann der Prozess gegen den Mörder der Ägypterin Marwa El-Scherbini. Der aus Russland stammende Alex W. hatte die schwangere Frau im Gerichtssaal niedergestochen. Im Internet hat ein Scheich die Muslime in Deutschland zur Tötung des Angeklagten aufgerufen.

Dresden/ Kairo Mit gemischten Gefühlen hat Tarek El-Scherbini in Ägypten diese Woche seine Koffer gepackt, um nach Deutschland zu reisen – nach Dresden. Dort beginnt heute der Prozess gegen den Mörder seiner Schwester Marwa.

Die Ägypterin war Anfang Juli in einem Dresdner Gerichtssaal von Alex W. niedergestochen worden – vor den Augen ihres dreijährigen Kindes und ihres Ehemanns. Als Tatwaffe benutzte der Angeklagte ein Küchenmesser mit einer 18 Zentimeter langen Klinge, das er unbemerkt in einem Rucksack mit in den Gerichtssaal gebracht hatte.

Hass auf Nichteuropäer

Die Staatsanwaltschaft wirft Alex W. als Motiv "ausgeprägten Hass auf Nichteuropäer und Moslems" vor. "Ich erwarte die Höchststrafe, die im deutschen Gesetz vorgesehen ist", sagt Tarek El-Scherbini. Er ist verbittert und wütend. Nicht, weil jetzt dem Mörder seiner Schwester der Prozess gemacht wird, sondern weil, wie er findet, so vieles Andere unter den Teppich gekehrt wird.

Etwa die Frage nach dem Verhalten eines Polizisten, der während der Messerattacke im Gericht in den Saal gestürzt kam und statt auf den deutsch-russischen Angreifer zu schießen, Marwas ägyptischen Ehemann angeschossen hat. Der hatte versucht, seine Frau zu schützen. "Wir versuchen herauszufinden, was mit dem Polizisten geschehen ist, und wir wollen auch, dass das Gericht selbst zur Verantwortung gezogen wird", sagt El-Scherbini. "Schließlich ist Marwa nicht in einem Supermarkt, sondern in einem Gericht ermordet worden."

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland erhofft sich von dem Prozess in Dresden eine Stärkung des Kampfes gegen Islamfeindlichkeit und Fremdenhass. Wie der Verband am Wochenende in Köln ankündigte, wollen der Zentralrats-Vorsitzende Ayyub Axel Köhler und Generalsekretär Aiman Mazyek an der Eröffnung der Hauptverhandlung heute als Prozessbeobachter teilnehmen. Die Tat Anfang Juli habe in schrecklicher Weise eine "latente Islamfeindlichkeit" in Deutschland sichtbar gemacht, erklärte der Zentralrat weiter. Die neue Bundesregierung müsse endlich Maßnahmen gegen die Islamfeindlichkeit ergreifen und den islamfeindlichen Rassismus auf die politische Agenda setzen.

Fragt man Menschen an der Nilpromenade in Kairo, welches Strafmaß für Alex W. angemessen sei, hört man: "Todesstrafe" oder "er soll gehängt werden". Im Internet sind sogar Mordaufrufe aufgetaucht. Wie der "Spiegel" berichtet, gibt es im Netz eine einstündige Audiobotschaft, in der ein Scheich den in Deutschland lebenden Muslimen nahelegt, den Angeklagten zu töten, und dafür Gottes Lohn in Aussicht stellt. Die Drohung sei bereits im Sommer eingestellt und vom Landeskriminalamt Sachsen ausgewertet worden.

In Ägypten gibt es aber auch viele besonnene Antworten, wenn man nach dem Mordfall fragt. "Wir wissen, dass es in Deutschland keine Todesstrafe gibt, also soll der Mörder einfach gemäß deutschem Recht bestraft werden", meint etwa die Literaturstudentin Doa, die wie das Opfer in Dresden ein Kopftuch trägt. "Vielleicht ist lebenslänglich auch die viel schlimmere Strafe, wenn er darüber nachdenken kann, wie er eine Frau vor den Augen ihres Kindes niedergestochen und das Leben einer ganzen unschuldigen Familie zerstört hat", sagt sie.

Auch die Regierung in Kairo hat die Höchststrafe für den Angeklagten gefordert. Die ägyptische Regierung zahle ein Team deutscher Anwälte, um die Interessen der Hinterbliebenen zu vertreten und dafür zu sorgen, dass der Angeklagte die im deutschen Recht vorgesehene Höchststrafe erhalte, teilte das Außenministerium in Kairo mit. Ägypten habe Vertrauen in die Unabhängigkeit der deutschen Justiz und ihre Fähigkeit, der Familie der Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Es brennen also keine deutschen Fahnen in Ägypten, wie manche aus Anlass des Prozessbeginns befürchtet hatten. Man wartet auf den Ausgang des Prozesses. Und doch gibt es ein Thema, das die Gemüter jetzt schon erhitzt: ein Konzert der Staatskapelle Dresden am 31. Oktober in Alexandria, der Geburtsstadt der Ermordeten.

Streit um Versöhnungskonzert

In den Medien wurde es als "Versöhnungskonzert" angekündigt. Doch Freunde und Familie der Ermordeten haben im Internet protestiert, und dieser Text machte schnell die Runde in Ägypten. Die Angehörigen stört vor allem, dass das Konzert stattfinden soll, bevor in Deutschland das Urteil verkündet wurde. Bei der Staatskapelle in Dresden ist zu hören, man sei unbeabsichtigt in etwas hineingeraten, das Gastspiel sei lange vor den Messerstichen im Dresdner Gericht verabredet worden. Erst sollte das Konzert abgesagt werden, nun gab das ägyptische Ministerium für Kultur doch grünes Licht.

"Es gibt einen Unterschied zwischen einem individuellen Verbrechen und dem Umgang zwischen zwei Völkern", erklärte der zuständige Minister. Doch erntete er nicht nur Zustimmung: "Würde der Minister auch so sprechen, wenn Marwa seine Tochter wäre?", fragte der Verband Ägyptischer Apotheker, dem Marwa El-Scherbini angehört hatte. Sie war Apothekerin.

Quelle: RP

 
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