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Heinsberg: Demo gegen Sextäter und NPD-"Mahnwache"
Ein Dorf im Ausnahmezustand

Heinsberg: Demo gegen Sextäter und NPD-"Mahnwache": Ein Dorf im Ausnahmezustand
FOTO: Laaser
Heinsberg (RP). So was haben sie im Bistro "Zur Post" am Marktplatz des kleinen Heinsberger Ortsteils noch nicht erlebt. "Hier war was los, wir haben vor Angst die Tür von innen angeschlossen", erzählt die junge Frau hinter der Theke einem Stammgast. Ihre Oma braucht erstmal ein Pils. Von Ulli Tückmantel

"Dieses Pack. Da ist man 67 Jahre alt und muss so was noch erleben", schimpft die Frau. "So was", das sind 60 überwiegend junge Neo-Nazis, die sich seit dem Mittag unter massiver Polizeibewachung auf dem dem kleinen Marktplatz des Dorfes herumdrücken, in dem seit dem vergangenen Wochenende der Sexualstraftäter Karl D. bei seinem Bruder Unterschlupf gefunden hat.

Seit fünf Tagen ziehen allabendlich 100 bis 150 Leute vor das Haus und demonstrieren. Mit der "Mahnwache", die die rechtsextremistische NPD auf ihrem Marktplatz angemeldet hat, wollen die Dorfbewohner nichts zu tun haben. In kleinen Grüppchen stehen sie als Zuschauer in ihrem eigenen Dorf an den Straßen und fassen nicht, was da über ihre kleine Welt hereinbricht. "Eine Schande ist das", schimpft ein Dorfbewohner, bevor er wütend im Bistro "Zur Post" verschwindet und die Tür hinter sich zuknallt. Erst werde sein Steuergeld verschwendet, um einen Kinderschänder am anderen Ende des Dorfes zu bewachen, und jetzt auch noch für einen Polizeieinsatz gegen das rechte Gesindel.

Auf dem Markplatz beginnen Bereitschaftspolizisten mit der Abarbeitung der Mahnwache. Kurz nach 16 Uhr haben die NPD-Anhänger versucht, den Marktplatz in Richtung des Hauses zu verlassen, in dem Karl D. lebt. Es gibt ein kurzes Gerangel, einige Demonstranten versuchen, in verschiedene Richtungen zu flüchten. Nach wenigen Minuten, die die Dorfbewohner als dramatisch erleben, ist die Menge auf dem Marktplatz eingekesselt und vorübergehend festgenommen. Ein Angehöriger jammert, er wolle seinen kleinen Bruder abholen: "Der arbeitet beim einem Sicherheitsdienst. Wenn sein Chef rauskriegt, dass der hier ist..." Die Polizei nimmt alle Personalien auf, fotografiert jeden Demonstranten einzeln vor einem weißen Mannschaftstransporter und verweist sie anschließend des Platzes.

Gleich nebenan ist die Samstagabend-Messe in St. Lambertus um 17 Uhr ungewöhnlich gut besucht; mehr als 100 Gläubige füllen den kleinen Kirchenraum. Offen spricht der Pfarrer das Thema nicht an. Wer es so verstehen will, kann Teile seiner Predigt über Abrahams Bereitschaft, seinen Sohn Isaak zu opfern, aber durchaus auf das beziehen, was das ganze Dorf bewegt. "Eine erkannte Gefahr ist nur noch eine halbe Gefahr", sagt der Pfarrer. Es gibt eine Fürbitte für Staatsanwälte und ihre verantwortungsvolle Aufgabe. Einige gehen von der Messe gleich "zum Haus" zur inzwischen allabendlichen Demonstration.

Am Freitag sei Karl D. mal herausgekommen und mit seinem Bruder spazieren gegangen, erzählt ein Anwohnern den Reportern vor dem Haus. Polizisten hätten ihn begleitet. Um aufzupassen, dass er nichts tut oder das ihm nichts getan werde, will eine Reporterin wissen. "Wahrscheinlich beides", lacht der Mann.

RTL bietet gleich zwei Teams auf und lässt die Demonstranten umfangreich zu Wort kommen, die sich mit Thermoskannen für einen langen Demo-Abend, einem Mini-Megaphon aus dem Baumarkt-Angebot und neuen Transparenten bewaffnet haben. Auf einem steht "Raus Du Sau". Ein Bereitschaftspolizist überklebt das "S" bei "Sau" mit grünem Klebeband. "Wir wollen keine Kinderschänder", skandieren sie in Sprechchören. Als dunkel wird, zünden einige von ihnen Pechfackeln an. In "dem Haus" brennt kein Licht. Draußen wissen sie auch so, dass er da ist. Und so lange er da ist, werden sie wiederkommen.

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