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Marode Leitungen des Shell-Werks
Ein gigantischer Kerosin-See unter Wesseling

Kerosin-See unter Wesseling
Kerosin-See unter Wesseling FOTO: dpa, Oliver Berg
Köln. Mehr als 1,2 Millionen Liter Kerosin sind aus alten Leitungen des Shell-Werks in Wesseling bei Köln ausgetreten. Unter der Raffinerie befindet sich seitdem ein See aus Flugbenzin. Die Folgen für die Umwelt sind gravierend. Von Christian Schwerdtfeger

Der Besuch des Umweltministers bei der Shell-Rheinland-Raffinerie vor wenigen Wochen wurde über Nacht in die Wege geleitet. Johannes Remmel (Grüne) ließ sämtliche seiner Termine kurzfristig absagen, um sich in Wesseling mit Bram Steenk treffen zu können, dem Direktor des Werks. Am Vorabend war bekannt geworden, dass nach dem schweren Kerosinunfall im Februar zum wiederholten Male giftige Stoffe aus einer Leitung des Werks ausgetreten und im Boden versickert waren. Remmel wollte Entschlossenheit demonstrieren. Doch der eiligst anberaumte Besuch vor Ort war nicht viel mehr als ein gut organisierter Fototermin, bei dem sich der Minister vor die Kameras stellte und an den Raffinerieboss appellierte, die Umweltschäden schnellstmöglich zu beseitigen.

Neun Monate ist es mittlerweile her, dass aus einer leckgeschlagenen, unterirdischen Leitung der Shell-Raffinerie in Wesseling bei Köln rund 1,2 Millionen Liter Kerosin austraten und im Boden versickerten. Ein gigantischer See aus Flugbenzin befindet sich seitdem etwa sieben Meter unter der Erdoberfläche, dessen genaues Ausmaß bis heute nicht vollständig bekannt ist. Der angerichtete Schaden für die Umwelt ist immens: Das Grundwasser ist kontaminiert.

Zwischenfälle auch in Köln-Godorf

Auch in der Shell-Raffinerie in Köln-Godorf kam es in diesem Jahr zu mehreren Zwischenfällen. Im vergangenen Monat wurden dort vier weitere Lecks an Rohrleitungen gemeldet. Dabei liefen laut Kölner Bezirksregierung Hunderte Liter Heizöl-Wasser-Verbindungen sowie ein Kohlenwasserstoffgemisch aus, deren Folgen für die Umwelt heute noch nicht abzusehen sind.

Constantin von Hoensbroech muss in diesen Tagen ganz viel auf einmal retten. Vor allem aber das Image des Mineralölkonzerns. Der Konzernsprecher ist bemüht, den öffentlichen Schaden so gering wie möglich zu halten, auch Remmels Besuch organisierte er maßgeblich mit. "Wir entschuldigen uns für die angerichtete Umweltverschmutzung und unternehmen alles, um sie wieder zu beseitigen", sagt der Sprecher der Rheinland-Raffinerie. Doch die Sanierungen werden Jahre dauern. Shell hat bislang 30 Messstellen errichtet, die die Verseuchung des Grundwassers überprüfen. Bislang sind etwa 100 000 Liter des ausgetreten Kraftstoffs aus dem Boden gepumpt worden. Für die aufwendigen Arbeiten wird derzeit eine Trichterpumpe eingesetzt. Bis Ende Januar sollen drei weitere folgen. Das hat die Bezirksregierung angeordnet, der die Sanierungsarbeiten nicht schnell genug voranschreiten.

Umweltverbände: Sanierung reicht nicht aus

Erst vor kurzem hatte die Behörde den Konzern öffentlich gerügt und ihm eine schleppende Beseitigung der Schäden attestiert. Der Hauptvorwurf: Monate nach dem Zwischenfall könne Shell noch immer nicht die Größe des unterirdischen Kerosin-Sees angeben. Immer wieder werden Verantwortliche des Konzerns zum Rapport, den sogenannten Aufsichtsgesprächen, zur Kölner Zeughausstraße 10 bestellt, dem Amtssitz der Aufsichtsbehörde. "Wir können aber nicht mehr machen, als Shell immer wieder dazu zu ermahnen, schnellstmöglich den Schaden zu beseitigen", sagt ein Behördensprecher.

Den Umweltverbänden reichen die Sanierungsarbeiten nicht aus. Sie fordern Shell auf, sämtliche Leitungstrassen gegen neue auszutauschen. Denn der Großteil des Systems stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Das Rohr, aus dem die 1,2 Millionen Liter Kerosin ausliefen, wurde 1942 verlegt. "Diese uralten Leitungen sind tickende ökologische Zeitbomben", sagt der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Bund), Paul Kröfges. "Sie müssen dringend gegen moderne, doppelwandige Rohre ausgetauscht werden, sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zum nächsten Unglück kommen wird."

Shell will Leitungen nicht austauschen

Bei Shell sieht man trotz der jüngsten Zwischenfälle keinen Grund dafür, die zum Teil 70 Jahre alten Leitungen auszutauschen. "Die sind in Ordnung", sagt von Hoensbroech. Sicherheit habe nichts mit dem Alter zu tun. "Es kommt darauf an, die Rohre regelmäßig kontrollieren zu lassen – und das macht bei uns jede zwei Monate der TÜV." Auch rechtlich ist der Mineralölkonzern abgesichert. Laut Bundesgesetz stehen die alten Leitungen unter Bestandsschutz. Der Konzern muss nicht fürchten, dass sich daran etwas ändern wird. Aus Berliner Regierungskreisen ist zu hören, dass eine Gesetzesänderung den Industriestandort NRW gefährden würde. Das aber möchte man auf keinen Fall riskieren. Zumal dann auch Tausende Arbeitsplätze könnten, nicht nur bei Shell sondern auch bei anderen großen Unternehmen, weil die dann anfallenden Sanierungskosten sehr hoch sind.

Für Rainer Deppe, umweltpolitischer Sprecher der CDU Landtagsfraktion, ist das ein unhaltbarer Zustand. "Es darf nicht länger sein, dass Weltkonzerne kaum Auflagen erhalten, aber der normale Bürger vorgeschrieben bekommt, dass er seine Abwasserkanäle untersuchen lassen muss." Norbert Meesters, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: "Shell tut sich damit keinen Gefallen und sendet ein falsches Signal an die Öffentlichkeit."

Als Signal will auch Johannes Remmel seinen Besuch am Unglücksort gewertet wissen. Auch wenn der Minister gerne den Austausch der alten gegen neue Rohre gefordert hätte, will er sich auf einen Rechtsstreit mit Shell nicht einlassen: "Das macht keinen Sinn."

(RP/sap)
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