Proteste gegen Castor-Transport: Ein Tag aus Gewalt, Verspätung und Verletzten
zuletzt aktualisiert: 07.11.2010 - 21:17Düsseldorf (RPO). Deutschland schaut in diesen Tagen ins Wendland: Der Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommüll hat am Sonntagmorgen Niedersachsen erreicht und befindet sich auf dem Weg zum Zwischenlager Gorleben. Auch am Sonntag wurde der Zug aufgrund von Protesten aufgehalten. Dabei gab es die ersten Verletzten.
Wasserwerfer, Tränengas, angekettete Demonstranten - am Sonntag erreichten die Proteste um den Castor-Transport ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Atomkraftgegner versuchten immer wieder, die Route des Zuges zu stoppen. Bei sogenannten Schotter-Aktionen gruben sie Steine aus dem Schienenbett, um den Weg unpassierbar zu machen. Andere legten sich mitten auf die Schienen und mussten weggetragen werden.
Schließlich versuchten einige der Aktivisten, einen Räumpanzer der Polizei anzuzünden, was massive Kritik beim Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft hervorrief. Schon jetzt hat der Transport massive Verspätung. Am frühen Abend startete er in Lüneburg, elf Stunden später als ursprünglich angedacht.
Das Protokoll des Protesttages
+++21.08 Uhr:+++ Wie immer bei solchen großen Demonstrationen gibt es zwei unterschiedliche Perspektiven. Während die Staatsanwaltschaft Lüneburg in der Ankündigung der Aktion "Castor schotten" einen Aufruf zu einer Straftat sieht, kritisieren die Organisatoren das Vorgehen der Polizei und werteten ihre Proteste als Erfolg. Eines jedoch dürfte klar sein: Der Castor-Transport wird auch in der Nacht und am Montag weiter für Schlagzeilen sorgen.
Der Castor-Transport in Zahlen
- Elf Behälter bringt der zwölfte Castor-Transport in das Zwischenlager Gorleben: Zehn Behälter von deutschen Typ Castor HAW28M und ein Behälter vom französischen Typ TN 28.
- Rund 1000 Kilometer lang ist die Strecke, die der Atommüllzug zurücklegt.
- Etwa 600 Meter lang ist dieser Schwerlastzug.
- Insgesamt 2.500 Tonnen beträgt das Gewicht des Zuges.
- 15 Stunden und damit länger als bei vorangegangenen Transporten sollte das Umladen der Behältern in Dannenberg dauern.
- Auf 102 soll sich durch den Transport die Gesamtzahl der Behälter mit hochradioaktiven Müll im Zwischenlager Gorleben erhöhen.
- Jahr 2006 waren die Behälter 59 Stunden und 3 Minuten von Valognes bis zum Zwischenlager Gorleben unterwegs. Der stärker von Blockaden behinderte Transport im Jahr 2008 brauchte für die Strecke 79 Stunden und 19 Minuten.
+++19.50 Uhr:+++ Und wieder einmal muss der Transport gestoppt werden. Ein Polizeisprecher vom Einsatzzentrum Lüneburg spricht von einer "kleineren Blockade" der Bahngleise. Im Ort Dumsdorf befinden sich nach Angaben der Gegner rund 70 Aktivisten auf den Gleisen. Dumsdorf liegt etwa 30 Kilometer vor Danneberg, wo die Behälter umgeladen werden sollen.
+++18.02 Uhr:+++ Der Castor rollt mal ungestört. Gegen 18 Uhr passierte er Wendisch Evern. Eine Stunde zuvor war er in Lüneburg gestartet. Jetzt muss der Transport über die sogenannte Wendlandbahn fahren, eine eingleisige Strecke, die oft durch unwegsames Gelände führt und von der Polizei nur schwer zu überwachen ist. Die Strecke ist 54 Kilometer lang.
+++15.45 Uhr+++ Der Castor-Transport erreicht Lüneburg. In der niedersächsischen Stadt beginnt der letzte Abschnitt des Schienentransports in das 50 Kilometer entfernte Dannenberg, wo die Atommüllbehälter auf Lastwagen umgeladen werden sollen.
+++14.31 Uhr+++ Nach anderthalb Stunden Stillstand bei Unterlüß zwischen Celle und Uelzen setzt der Castor-Transport seine Fahrt fort. Ein Polizeisprecher bestätigt, dass der Zug nun Richtung Uelzen rollt. Als Grund für den Stopp von etwa 12.50 bis 14.20 Uhr nannte er drei Atomkraftgegner, die sich bei Unterlüß an die Gleise gekettet hatten und damit die Fahrt blockierten.
+++13.48 Uhr+++ Tausende Atomkraftgegner besetzen weiterhin Bahngleise. Nach Angaben der Initiativen befinden sich etwa 1400 Menschen in Höhe der Ortschaft Harlingen auf den Gleisen der Strecke Lüneburg-Dannenberg. Weitere 1200 Demonstranten beteiligen sich demnach an einer Sitzblockade auf der Straße unmittelbar vor dem Atommüll-Zwischenlager Gorleben.
+++13.11 Uhr+++ Wie ein Polizeisprecher in Lüneburg bestätigte, muss der Zug mit den elf Behältern mit hoch radioaktivem Müll auf seinem Weg in Richtung Gorleben erst in Otze vor Celle und dann erneut in Dalle etwa 30 Kilometer hinter Celle in der Gemeinde Eschede halten, weil sich Menschen auf den Gleisen befanden. Nach Angaben von Atomkraftgegnern hatten sich einige Aktivisten an den Gleisanlagen festgekettet.
+++12.47 Uhr+++ Demonstranten versuchen, einen Räumpanzer der Polizei anzuzünden. Unbekannte Täter hätten das Fahrzeug mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen und diese entzündet, teilt ein Sprecher der Beamten in der Castor-Einsatzzentrale mit. Die Beamten in dem Panzerwagen blieben bei dem Vorfall unverletzt. Andere Polizisten hätten die Angreifer mit Reizgas vertrieben.
+++12.28 Uhr+++ Nach den Ausschreitungen an der Castor-Bahnstrecke ruft die Bürgerinitiative (BI) Lüchow-Dannenberg beide Seiten zu Gewaltfreiheit und Besonnenheit aufgerufen. "Wir wollen keine Gewalt-, sondern eine Atomausstiegsdebatte und appellieren an die Polizei, auf Gewalt zu verzichten", sagt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke am Sonntag in Dannenberg.
+++12.12 Uhr+++ Vor dem Zwischenlager in Gorleben hätten etwa 1500 Menschen die Straße mit einem Sitzstreik blockiert, teilt ein Sprecher der Polizei in Dannenberg mit. Der Protest sei "in friedlicher Stimmung" verlaufen. Auf der Bahnstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg besetzen nach Angaben der Organisation Widersetzen mehrere hundert Atomkraftgegner die Gleise.
+++11.51 Uhr+++ Der Castor-Transport ist zwischen Burgdorf und Celle zum Stehen gekommen. Ein Sprecher der Polizei in Lüneburg bestätigte auf dapd-Anfrage, dass der Zug gegen 11.35 Uhr bei Otze - das liegt etwa 20 Kilometer vor Celle - seine Fahrt gestoppt hat. Als Grund nannte die Polizei einen "betriebstechnischen Halt", ohne dies näher zu erläutern. Es gebe keine Hinweise auf technische Probleme.
+++11.39 Uhr+++ Mehrere hundert Atomkraftgegner blockieren nach eigenen Angaben in Harlingen westlich von Hitzacker die Castor-Bahnstrecke zur Verladestation Dannenberg. Hauke Nissen von der Kampagne "Widersetzen" berichtete gegen 11.15 Uhr der dapd, dass berittene Polizei zum Einsatz kam, um die Gleise zu räumen. Dabei sei eine Demonstrantin von einem Pferd getreten und verletzt worden.
+++10.59 Uhr+++ Ein Reporter der Nachrichtenagentur dapd vor Ort sieht zwei blutende Verletzte und viele Menschen mit gereizten, tränenden Augen. Die Demonstranten werfen demnach Feuerwerkskörper, Holzstöcke und Erdklumpen in Richtung Polizei. Ein Wasserwerfer wird gegen Demonstranten eingesetzt, aber auch gegen brennende Holzbarrikaden, die im Wald Wege versperren sollten. Auch ein Polizeiräumpanzer ist im Einsatz.
+++10.42 Uhr+++ Der Sprecher der Aktion "Castor Schottern", Christoph Kleine, gibt an, dass die Polizei auch mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Aktivisten vorgegangen sei. Der ganze Wald rings um die Bahnstrecke sei "voll mit Tränengas eingenebelt" worden. Die Polizeiaktion sei eine "direkte Wiederholung der Ereignisse von Stuttgart".
+++10.36 Uhr+++ Auf einer Strecke von sechs Metern Länge westlich von Leitstade entfernen laut Polizei rund 250 Menschen die Steine aus den Gleisbetten, um den Transport zu behindern. Die Polizei setzt Schlagstöcke und Pfefferspray gegen die Gruppe ein. Die Aktivisten hätten ihrerseits die Polizeibeamten mit Signalmunition und Pyrotechnik angegriffen.
+++09.47 Uhr+++ Hunderte Atomkraftgegner der Initiative "Castor Schottern" erreichen die Bahnstrecke im Kreis Lüchow-Dannenberg und stoßen dort auf starke Polizeikräfte. Die Demonstranten formieren sich auf etwa zwei Kilometern Länge entlang der Gleise nahe Leitstade zwischen Dahlenburg und Hitzacker. Es gibt Auseinandersetzungen, teilweise setzt die Polizei Schlagstöcke ein. Auch ein Wasserwerfer ist im Einsatz.
+++08.59 Uhr+++ Der Castor-Transport erreicht um kurz vor 9 Uhr Hannover. In Lehrte östlich der Landeshauptstadt macht der Zug eine längere Pause von ein bis zwei Stunden, um Personal zu tauschen und die Lok zu wechseln.
+++07.48 Uhr+++ Der Castor-Transport mit hochradioaktivem Atommüll überquert nach Angaben der Polizei um 07.15 Uhr die Landesgrenze von Hessen nach Niedersachsen. Der Sonderzug fährt nun Richtung Göttingen.
+++04.16 Uhr+++ Atomkraftgegener stoppen den Zug gegen 03.45 Uhr. Zwei Aktivisten hatten sich bei Morschen von einer etwa 75 Meter hohen Brücke bis auf wenige Meter über die Bahngleise abgeseilt. Zudem waren etwa 50 Personen auf den Gleisen.
+++02.08 Uhr+++ Nach Polizeiangaben musste der Castor-Zug, der vorsorglich von fünf Dieselloks begleitet wird, bereits zuvor in Bebra außerplanmäßig eine Stunde halten. Es wurde eine Lok ausgetauscht, wie der Polizeisprecher sagte. Nähere Gründe dafür seien ihm nicht bekannt. Noch in Hünfeld im Landkreis Fulda war der Zug technisch überprüft und laut Polizei für einwandfrei befunden worden.
+++02.08 Uhr+++ Eine Überprüfung der Achsen des Castor-Transports ergab nach Polizeiangaben keine Mängel. Es seien keine Anomalien festgestellt worden, sagte ein Polizeisprecher. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte zuvor mitgeteilt, dass auf Infrarotbildern eine erhöhte Temperatur an einer Achse zwischen den Castorwaggons festgestellt worden sei und eine Untersuchung gefordert.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







