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Tim K. – der Amokläufer von Winnenden: "Eine einigermaßen normale Entwicklung"

zuletzt aktualisiert: 12.03.2009 - 16:39

Waiblingen (RPO). Er schoss seinen Opfern gezielt in den Kopf, insgesamt tötete er 15 Menschen – was trieb den 17-jährigen Tim K. zu seiner schrecklichen Tat? Nach neuesten Angaben der Polizei war der Jugendliche bereits seit 2008 wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung. Seine Tat kündigte er in der Nacht auf Mittwoch im Internet an.

Das lähmende Entsetzen will auch am Tag danach nicht aus Winnenden weichen. Schüler, Eltern und Kinder ziehen mit dem ersten Tageslicht zur Albertville-Realschule, entzünden davor Grabkerzen oder legen tränenüberströmt Blumen und Abschiedsbriefe nieder. Eine Frau mittleren Alters kommt mit ihren beiden Kindern im Grundschulalter. "Ich denke an die Opfer, aber auch an die Eltern von Tim und was den Jungen zu dieser schlimmen Tat bewegt hat", sagt sie, während ihre Kinder Rosen niederlegen.

Warum der 17-jährigen Tim K. kaltblütig neun Schüler, drei Lehrerinnen und drei weitere Menschen erschossen hat, das können am Donnerstag auch die Ermittler nicht erklären. Er habe doch alles gehabt, sagen einige seiner ehemaligen Mitschüler von der Albertville-Realschule. "Er hatte seinen Abschluss, viel Geld. Alles, was man im Leben gerne hätte", sagten zwei überlebende Schülerin am Mittwochnachmittag gegenüber der "FAZ".

Viele der Schüler haben ihn nicht gut gekannt. Man habe ihn nur ab und an auf dem Schulhof gesehen, ansonsten sei Tim K. nicht sonderlich aufgefallen. 2008 hat er seine Mittlere Reife gemacht. Er war kein besonders guter Schüler. Er gehörte zu denen, die bevorzugt in den hinteren Reihen des Klassenzimmers sitzen.

Mario H. war mit Tim in der Abschlussklasse an der Albertville-Realschule. "Er war eher ein Zurückhaltender, er hat wenig Freunde gehabt", sagt er dem Radiosender Antenne Bayern. Schon als Achtjähriger habe Tim K. Ego-Shooter- und andere Computerspiele gespielt, die erst ab 16 Jahren zugelassen seien. Ich hatte jedesmal das Gefühl, dass er von seinen Eltern alles erlaubt bekommt."

"Er hat immer mit Geld um sich geworfen, um Freunde zu bekommen." Die Familie des 17-Jährigen ist offenbar wohlhabend. Sie lebt in einem schmucken weißen Einfamilienhaus in Leutenbach, rund 12 Kilometer von der Realschule entfernt. Berichten zufolge soll der Vater Geschäftsführer einer Firma für Lohnverpackungen und Montagearbeiten in Affelterbach sein. 

Der Bürgermeister von Leutenbach, Jürgen Kiesl, kennt die Familie nur "oberflächlich", beschreibt sie aber als sehr "freundlich". Sie lebe schon lange in der Gemeinde und sei "integriert ins Vereins- und Gemeindeleben". Der Vater ist Mitglied eines Schützenvereins. 

Tim K. war selbst nicht Mitglied in dem Schützenverein, hat dort aber als "Gastschütze" gelegentlich Schießübungen gemacht. Auch die Wirtin des Schützenhauses SSV Leutenbach beschreibt Tim K. als "ganz lieb" und "nicht auffällig". Er sei ein "schmaler, hübscher, junger Mann" gewesen. Die 58-Jährige schätzte den Jugendlichen aber auch als zurückhaltenden Einzelgänger ein. Tim sei alle drei bis vier Monate einmal mit seinem Vater ins Schützenhaus gekommen und habe eine Cola getrunken. Der Vater sei im Verein sehr beliebt, sagt die Wirtin.

Auch Eva Sebele, Vorsitzende des TSV Leutenbach, beschreibt den 17-Jährigen als beliebt und sportlich begabt. "Hier ist er als netter und guter Tischtennisspieler in Erinnerung", sagte Sebele dem "Tagesspiegel". Es sei "völlig unverständlich, dass der morgens aus dem Haus geht und Leute erschießt". Tim K. war erfolgreich. 2001 stand er auf der Bezirksrangliste in der Kategorie Schüler B 2 auf Platz 1. 2004 gewann er die Bezirksmeisterschaften der Unter-14-jährigen. 

Bis hierhin klingt die Geschichte des Tim K. nach der Entwicklung eines ganz normalen deutschen Jugendlichen. Und dennoch hat ihn seine Umgebung offenbar unterschätzt – auch als er seine Tat in der Nacht von Dienstag in einem Internet-Chatroom angekündigt. Die um 02.45 Uhr an einen anderen Chatter namens Bernd gerichtete Botschaft lässt im Nachhinein erschaudern: "Scheiße, Bernd, es reicht mir, ich habe dieses Lotterleben satt. Immer dasselbe, alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial. Ich meine es ernst, Bernd, ich habe Waffen hier und ich werde morgen früh an meine frühere Schule gehen und mal so richtig gepflegt grillen. (...) Ihr werdet morgen von mir hören. Merkt euch nur den Namen des Orts: Winnenden."

Doch niemand bei "Krautchat.net" glaubt Tim, dass ihm bitterer Ernst ist, zumal er den Satz nachschiebt: "Und jetzt keine Meldung an die Polizei, keine Angst, ich trolle nur." Trollen bedeutet in der Internet-Gemeinde, dass etwas nicht ernst gemeint ist und nur provozieren soll. Die anderen Chatter machten sich dementsprechend über Tim K. lustig. Erst nach der Bluttat offenbart sich ein Jugendlicher aus Bayern seinem Vater, der dann die Polizei informiert.

Die Beamten versuchen nun im Nachhinein die beiden Seiten Tims zu erkunden. Auf den ersten Blick war der Amokläufer dem Stuttgarter Staatsanwalt Siegfried Mahler zufolge ein pubertierender Junge, der eine "einigermaßen normale Entwicklung durchgemacht hatte". Auf seinem Rechner hatte er einige Pornobilder und Gewaltspiele wie Counterstrike, politisch orientiert war er nicht. "Er war eher ein stiller Mensch, verschlossen, durchaus freundlich und hatte auch eine harmlose Freundschaft mit einem Mädchen", sagt Mahler. Auch die Eltern seien von Tims Gewalttat völlig überrascht worden.

"Doch so normal war er auch wieder nicht", sagt Landespolizeipräsident Erwin Hetger. "Der Junge hatte echte Probleme, und sein Profil entspricht dem eines klassischen Amokläufers." Er sei introvertiert und kontaktarm gewesen und habe sich eine "gewaltorientierte Umwelt aufgebaut mit sieben täuschend echt aussehenden Softair-Waffen an der Wand seines Zimmers". Und Tim K. war von April bis September 2008 wegen Depressionen in einem psychiatrischen Krankenhaus im schwäbischen Weinsberg in Behandlung. Sie sollte er ambulant in jener psychiatrischen Klinik in Winnenden fortsetzen, vor der er am Mittwoch einen Mitarbeiter erschossen hatte. Doch angetreten hatte er sie nicht.

Für Hetger ist der Fall noch lange nicht abgeschlossen. Der baden-württembergische Landespolizeichef, der auch Bundesvorsitzender einer Gruppe von Beamten zur Kriminalprävention ist, will nun die Psychiater befragen, die den depressiven und offenbar sehr einsamen Jungen behandelt hatten. "Wenn Lehrer die Probleme solcher Kinder erkennen und dafür sorgen, dass sie rechtzeitig in eine Konfliktbetreuung kommen, könnten Amokläufe womöglich verhindert werden", sagt Hetger.

Alle Berichte über den Amoklauf in Winnenden im Special

Quelle: AP

 
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