Bischofskonferenz in Freiburg: "Endlich tiefere Ursachen in den Blick nehmen"
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 22.02.2010 - 12:04Frankfurt/Main (RPO). In Freiburg beginnt am Nachmittag das Frühjahrstreffen der Deutschen Bischofskonferenz. Im Mittelpunkt stehen dabei die bekannt gewordenen Verbrechen katholischer Priester, die sich an Kindern vergangen haben. Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" stellt im Vorfeld konkrete und weitreichende Forderungen. Die katholische Kirche müsse ihr Verhältnis zur Sexualität grundlegend ändern.
Auslöser der jüngsten Debatte sind Missbrauchsfälle an deutschen Jesuitenschulen. Die Berliner Opferanwältin Ursula Raue berichtet, allein bei ihr hätten sich in den vergangenen Tagen bis zu 120 Opfer gemeldet. Die Juristin hat nach einigen Angaben zwölf Verdächtige im Visier. Dabei handele es sich nicht ausschließlich um Priester. Auch Lehrer und andere Bedienstete sollen sich strafbar gemacht haben – darunter zwei Frauen.
Raue: "Missbrauch systematisch begangen"
Das Magazin "Spiegel" berichtet am Montag von weiteren Fällen. In einer Gemeinde nahe der niederländischen Grenze seien 14 Kommunionskinder und Messdiener 227 mal sexuell missbraucht worden. Der schuldige Geistliche kam demnach mit einer Bewährungsstrafe davon. Der Fall stamme aus der Mitte der 90er Jahre. Anwältin Raue urteilt, es handele sich inzwischen nicht mehr um Einzelfälle, der Missbrauch sei "systematisch" begangen worden.
Nicht nur die einzelnen, schuldigen Priester gerieten dabei in die Kritik. Die Institution Kirche schweige zu lange über Missbrauchsfälle, kümmere sich nicht bis kaum um die Opfer und versetze die Täter lediglich, statt sie der Justiz zu übergeben, so das vernichtende Urteil der Kritiker. So stellt auch die katholische Reformbewegung "Wir sind Kirche" einen umfangreichen Forderungskatalog für die Bischöfe auf.
"Sexualität gestalten, nicht unterdrücken"
Das Bündnis fordert die Kirche auf, künftig aktiv mit den Staatsanwälten zusammenzuarbeiten. Es reiche nicht aus, verdächtigen Geistlichen zur Selbstanzeige zu raten, urteilt das Bündnis in seinen im Internet veröffentlichten Leitlinien. Verdächtige und Überführte sollen zudem nicht mehr in der Seelsorge eingestetzt werden. Bisher wurden Priester mit krankhaften Neigungen oftmals versetzt – bevorzugt in die Seniorenarbeit. Nach irischem Vorbild soll zudem eine unabhängige Kommission Fälle aus der Vergangenenheit aktiv recherchieren und aufarbeiten.
Im Mittelpunkt steht für "Wir sind Kirche" zudem eine neue Debatte über die Sexualmoral der Kirche. Die Bewegung fordert, "endlich die tieferen, strukturellen Ursachen in den Blick zu nehmen: die strikte Sexualmoral, ein überhöhtes männliches Priesterbild und autoritäre hierarchische Strukturen", die letztlich auch die Täter zu Opfern mache. Dabei müsse es nicht nur um eine Reform des Zölibats gehen, sondern um eine Enttabuisierung der Sexuallehre insgesamt.
"Wir sind in der Katholischen Kirche viel zu sehr mit Tabus behaftet und das verhindert, dass Menschen, dass junge Menschen sich gewissermaßen ihrer eigenen Sexualität bewusst werden können", erklärte Christian Weisner von "Wir sind Kirche" in einem Interview mit dem "Deutschlandfunk". Sexualität könne man nicht unterdrücken, man müsse sie stets gestalten.
"Abschaffung von Hexenverbrennung und Folter"
Weisner will die aktuelle Debatte auch als Chance verstanden wissen. Jetzt bestehe für die Opfer die Gelegenheit, sich ihre Last von der Seele zu reden. Die Kirche ihrerseits müsse aktiv und intensiv an "die Sache rangehen". Weisner macht klar, dass dies für die Institution Kirche zu einer Mammutaufgabe wird. "Ich glaube, das ist eine genauso schwere Aufgabe wie die Abschaffung der Folter und die Abschaffung der Hexenverbrennung", erklärt Weisner.
Die Bischofskonferenz nimmt am Nachmittag in Freiburg ihre Arbeit auf. Der Vorsitzende Erzbischof Robert Zollitsch will zum Auftakt erstmals öffentlich Stellung zu den Missbrauchsfällen nehmen. "Wir sind Kirche" will seine Anliegen vor dem Treffen mit einer Mahnwache noch einmal unterstreichen. Die Organisation fordert eine ausdrückliche Entschuldigung der Bischöfe.
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