Amoklauf von Winnenden: "Entsetzt und ratlos stehen wir da"
zuletzt aktualisiert: 13.03.2009 - 21:06Winnenden (RP). Vielleicht sprach ja Ministerpräsident Günther Oettinger aus, was so viele Menschen in diesen Tagen denken: "Fassungslos, entsetzt und ratlos stehen wir da. Warum nur musste dies geschehen? Uns fehlen die Worte. Wir haben keine Antwort!"
Mit diesen Worten trug er sich als Erster in das Kondolenzbuch ein, das im Rathaus von Winnenden ausgelegt wurde und wie ein Magnet viele Menschen anzog. Mitgefühl zeigen; von Trauer schreiben; Worte finden, wo Worte kaum zu finden sind: Nach dem Amoklauf mit 16 Toten sind die Menschen in Winnenden dabei, sich für die gemeinsame Trauer zu sammeln.
Was in den Angehörigen der Opfer vor sich geht, kann man nur ahnen. 15 Menschen tötete der Junge, der so unfassbar viel Hass in sich aufgestaut hat. 15 Familien müssen mit dem sinnlosen Verlust eines geliebten Menschen leben ohne Vorwarnung, ohne Chance auf Abschied, wie man sie etwa bei einer tödlichen Krankheit immerhin hat. Wie viel Leid und seelische Verwüstung das bedeutet, lässt sich wiederum nur ahnen.
Psychologische Hilfe
Ein Indiz: Die Zahl der Schulpsychologen zur Betreuung der Betroffenen wurde von 50 auf rund 100 aufgestockt. Aus Bayern und NRW kämen zusätzliche Helfer, teilte das Regierungspräsidium Stuttgart gestern mit NRW entsendet zehn Psychologen. Der Schock lässt die Menschen zusammenrücken - man will helfen, irgendwie. Viele Lehrer bieten an, die Schulpsychologen aus den anderen Bundesländern bei sich in der Wohnung aufzunehmen.
Nach Einschätzung des Deutschen Roten Kreuzes brauchen die Betroffenen noch mindestens ein halbes Jahr weiter psychologischen Beistand. Die akute Schockphase hätten die meisten überwunden, schätzte gestern die Koordinatorin der Notfallmaßnahmen des Roten Kreuzes, Annette Kull, in Winnenden. Nun kämen erste Gefühle hoch, und es setze Trauer ein. Alle seien sehr betroffen und sehr bewegt, auch die Einsatzkräfte selbst.
Die Schüler der Albertville-Realschule werden weiterhin in der neben der Schule gelegenen Stadthalle betreut. Manche wollten dort reden, manche wollten einfach nur still da sitzen und in den Arm genommen werden, berichtete Kull. Manche wollten am liebsten sofort wieder in die Schule gehen, andere wollten das Schulgebäude nie wieder betreten. Auch von anderen Schulen und von Kindergärten kämen Kinder zur Betreuung.
Die Familien der Hinterbliebenen würden von Teams begleitet, erläutert der Leiter des Betreuungseinsatzes der Polizei, Hartmut Schröppel. Unter anderem erhielten sie Hilfe wie bei der Organisation der Beerdigung. Die Betreuer, unter anderen speziell geschulte Kriminalbeamte, stießen an ihre Grenzen: "Die Belastungen sind enorm", sagte Schröppel. Auswechseln könne man sie aber nicht, da sich die Angehörigen der Opfer an sie gewöhnt hätten.
Trauerfeiern in Wendlingen, Weiler am Stein und Stuttgart
Die Trauer beginnt erst. In Weiler zum Stein fand gestern Abend ein ökumenischer Trauergottesdienst mit mehr als 1000 Menschen statt. Der Amokläufer Tim K. und die Mehrzahl der getöteten Schüler stammten aus diesem Ort. "Wir müssen lernen, wieder neu aufeinander zuzugehen", sagte der evangelische Dekan Eberhard Gröner in seiner Predigt. Das Grundvertrauen in dem Ort sei zerbrochen: "Was ging in diesem jungen Menschen vor, der zum Mörder wurde? Das können wir nicht einmal ahnen."
Auch in Wendlingen, wo Tim K. zwei Menschen in einem Autohaus erschossen und sich dann selbst getötet hatte, gab es einen Gedenkgottesdienst. Auf dem Stuttgarter Schlossplatz kamen Hunderte Schüler zusammen und zündeten Kerzen für die Opfer an. Heinz Hinz, Leiter der Silberburg-Schule, die die Veranstaltung initiiert hatte, erklärte, es gehe darum, "ein Zeichen des Andenkens und der Trauer zu setzen und Achtsamkeit füreinander und untereinander zu entwickeln".
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