| 15.32 Uhr

Auch Rinder- und Milch-Betriebe sind betroffen
Erste Razzia im Dioxin-Skandal

Dioxinskandal: Was kann man noch essen?
Dioxinskandal: Was kann man noch essen? FOTO: dapd
Düsseldorf (RPO). Im Dioxin-Skandal hat es eine erste Razzia bei einem Futtermittelhersteller gegeben. In Schleswig-Holstein ist ein betrieb von der Polizei durchasucht worden. Insgesamt sind bis zu 3000 Tonnen belastetes Futterfett verkauft worden. Auch Rinder- und Milchbetriebe sind vermutlich damit beliefert worden. Tausende Hennen wurden getötet,  hunderte Betriebe dichtgemacht - der Dioxin-Skandal betrifft inzwischen weite Teile der Bundesrepublik.

Im Dioxin-Skandal hat die Staatsanwaltschaft am Mittwoch den Betrieb des schleswig-holsteinischen Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch in Uetersen durchsucht. Parallel liefen Durchsuchungen bei einer Tochterfirma im niedersächsischen Bösel, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe am Mittwoch sagte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Verantwortliche der Firma wegen Verstoßes gegen das Futtermittelrecht.

Die Zahl von 3000 Tonnen verseuchtem Futterfett nennt das Verbraucherschutzministerium in einem Bericht an den Agrarausschuss des Bundestags, wie ein Ministeriumssprecher am Mittwoch in Berlin bestätigte. Die Lieferungen seien an 25 Futtermittelhersteller in vier Bundesländern gegangen, der Großteil davon nach Niedersachsen. Das Fett wird dem eigentlichen Futter beigemischt, so dass die betroffene Menge an verseuchtem Futtermittel noch bedeutend größer sein dürfte.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hatte bereits am Dienstag auf seiner Internetseite von mehr als 2700 Tonnen an dioxinbelastetem Futterfett gesprochen, die das Unternehmen Harles & Jentzsch in Uetersen in Schleswig-Holstein im November und Dezember 2010 ausgeliefert hat. Knapp 2500 Tonnen gingen an Futtermittelhersteller in Niedersachsen.

Das NRW-Umweltministerium hat 139 weitere landwirtschaftliche Betriebe vorsorglich gesperrt und die Stempelnummern der verseuchten Eier im Internet veröffentlicht. Verbraucherschützer raten unterdessen, vorerst auf den Verzehr von Eiern zu verzichten. Vom deutschen Dioxin-Skandal sind auch die Niederlande betroffen. Aus Sachsen-Anhalt seien 136.000 belastete Eier an eine niederländische Firma geliefert worden, sagte der Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums, Holger Eichele, am Mittwoch in Berlin. Die Firma sei informiert worden. Wir fassen die wichtigsten Fakten zusammen.

Welche Betriebe in NRW sind betroffen?

Allein in Nordrhein-Westfalen sind inzwischen mehr als 150 Höfe betroffen, darunter Betriebe in den Kreisen Borken, Kleve und Minden-Lübbecke. Im Kreis Minden-Lübbecke sind 81 Schweinehalter, 13 Milchviehbetriebe und 5 Rindermastbetriebe gesperrt worden. Den Angaben zufolge haben die Höfe möglicherweise dioxinbelastetes Futter erhalten. Die Geflügel-, Schweine- und Rindermastbetriebe wurden auf Anordnung der Landesregierung vorsorglich geschlossen. Sie haben möglicherweise dioxinhaltiges Futter eines Herstellers aus Schleswig-Holstein verwendet, das mit Fettresten aus der Biodiesel-Produktion versetzt war.

Auch Betriebe in Mecklenburg-Vorpommern sind mit verunreinigtem Tierfutter beliefert worden. Wie das dortige Agrarministerium am Mittwoch mitteilte, sind sechs Schweinemastbetriebe im Land betroffen und noch in der Nacht gesperrt worden. 

Wo sind die verseuchten Produkte gelandet?

Das ist die bisher noch ungeklärte Frage. Keiner weiß, welche Lebensmitteldiscounter etwa mit den Dioxin-verseuchten Eiern beliefert worden sind. Der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel sagte in der ARD: "Wir versuchen zurzeit alles zu verhindern, dass weitere Produkte in den Handel kommen. Wir können allerdings nicht ausschließen, dass Produkte bereits verzehrt oder im Handel sind."

Wie sind verseuchte Eier zu erkennen?

In NRW können aufmerksame Verbraucher sich schützen. Das nordrhein-westfälische Umweltministerium hat die Stempelnummern möglicherweise belasteter Eier im Internet veröffentlicht. Demnach handelt es sich um Eier aus zwei Legehennen-Betrieben in den Kreisen Soest und Steinfurt, von denen nachweislich Eier mit überhöhten Dioxinwerten in den regionalen Handel gebracht wurden - nach Ministeriumsangaben vermutlich in sechsstelliger Zahl. Diese Eier wurden bis zum 23. Dezember verkauft, es handelt sich um XL-Eier mit der Stempelnummer 2-DE-0513912 und um bräunliche Eier mit der Nummer 3-DE-0514411.

Welche Gefahr geht von den verseuchten Eiern aus?

Experten sind sich bei der Antwort auf diese Frage nicht einig. Das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärte, dass es keine ernste Gefahr für Verbraucher gebe. Das bestätigte auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel in der ARD. "Wir haben, glaube ich, keine akute Gefährdung", sagte er. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte lieber auf Eier verzichten.

Darf ich überhaupt noch Eier essen?

Das im Viehfutter gefundene Dioxin ist bedenklich. Das Umweltgift ist als fettliebender Stoff im Eigelb gebunden. Trotzdem sollte man nicht nur das Eiweiß essen, sondern lieber auf Eier verzichten, bis der Dioxin-Skandal aufgeklärt ist, riet der Allgemeinmediziner Mohsen Radjai am Dienstag im ARD-"Morgenmagazin". Bei Kindern ist laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wegen ihres geringeren Körpergewichts die kritische Aufnahmemenge schneller erreicht als bei Erwachsenen. Derzeit sollten Kinder daher sicherheitshalber nicht täglich Eiergerichte essen.

Wie kam es zu der Verunreinigung?

Laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurde technische Mischfettsäure für die Futterproduktion eingesetzt. Durch die richtige Kennzeichnung sei klar gewesen, dass die Ware nur für die technische Industrie, etwa zur Herstellung von Schmiermitteln, geeignet gewesen sei, sagte ein Sprecher der Behörde dem "Westfalen-Blatt". Aufgefallen war die Belastung mit Dioxin durch eine Routinekontrolle am 23. Dezember.

Was ist das für ein Fett?

Technische Mischfettsäure fällt unter anderem bei der Herstellung von Biodiesel aus Soja-, Raps- oder Palmöl an.  Angefallen war sie bei dem Biodiesel-Hersteller Petropec aus Altspeisefett.

Was sagen die Hersteller?

Der Futtermittelhersteller Harles & Jentzsch, der das Fett nutzte, erklärte, die Mischfettsäure über einen niederländischen Hersteller gekauft zu haben. Geschäftsführer Siegfried Sievert räumte im "Westfalen-Blatt" Fehler ein. "Wir waren leichtfertig in der irrigen Annahme", dass die Mischfettsäure für die Futtermittelherstellung geeignet sei.

Zuvor hatte der Biodieselhersteller Petropec aus Emden in einer Pressemitteilung erklärt, dass das Unternehmen die Mischfettsäure nicht zur Futtermittelproduktion verkauft hat. Das ergebe sich auch eidneutig aus den Verträgen mit dem niederländischen Zwischenhändler.

Wie lange wurde das Fett schon verwendet?

Harles & Jentzsch hat nach eigenen Angaben jahrelang Reste aus der Biodieselherstellung sowie der Nahrungsmittelindustrie aufgekauft und verarbeitet. Das Landesamt für Verbraucherschutz in Niedersachsen erklärte, es könne sein, dass das Fett etwa sechs Wochen verunreinigt worden sei.

Wie viele Tiere wurden geschlachtet, wie viele Höfe sind betroffen?

Allein im NRW-Kreis Soest wurden 8000 Legehennen geschlachtet - als Vorsichtsmaßnahme. In Niedersachsen wurden 1000 Höfe geschlossen, in NRW 14. Diese befinden sich in den Kreisen Soest, Steinfurt, Minden, Warendorf und Gütersloh.

Nach  Angaben des  Verbraucherschutzministeriums in Potsdam wurde in Brandenburg ein Schweinezuchtbetrieb vorsorglich gesperrt. Ein weiterer betroffener Hof in Thüringen bleibt demnach geöffnet, da die Ferkel, die das Futter fraßen, bereits verkauft seien. In Sachsen-Anhalt wurden zwei Hähnchenmastbetrieb, sowie die Höfe eines Schweine- und eines Geflügelhalters gesperrrt.

Welche Lebensmittel sind betroffen?

Nicht nur Hühner, sondern auch Schweine und Puten bekamen das Futtermittel. Bio-Bauernhöfe bekamen das Futter nach Angaben des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums aber nicht.

Welche Bundesländer sind betroffen?

Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz wurden 527 Tonnen des Futterfetts an sieben Futtermittelbetriebe in Niedersachsen, drei Futtermittelhersteller in Nordrhein-Westfalen und jeweils einen Hersteller in Hamburg und Sachsen-Anhalt geliefert. Diese zwölf Hersteller hätten Höfe unter anderem in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und Brandenburg beliefert.

Was geschieht jetzt weiter?

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat die Ermittlungen aufgenommen. Minister Remmel erklärte zudem im ARD-Morgenmagazin, es sei nicht ausgeschlossen, dass weitere Betriebe geschlossen werden müssten. Er forderte Konsequenzen aus dem Dioxin-Skandal. Es müsse für die Zukunft über verschärfte Kontrollen nachgedacht werden. Auch der Bundestag wird sich mit dem Thema beschäftigen, wie der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Hans-Michael Goldmann (FDP) den "Ruhr Nachrichten" sagte.

(das/pst/dapd)
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