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Erzbischof Stefan Heße im Interview
"Wir haben den gesamten Nahen Osten zu wenig im Blick"

Erzbischof Heße: "Wir haben den gesamten Nahen Osten zu wenig im Blick"
FOTO: dpa, dbo lof
Beirut . Der Sonderbeauftragte für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Stefan Heße, spricht im Interview mit unserer Redaktion über die aktuelle Flüchtlingssituation im nahen Osten und die Perspektiven und Aufgaben der katholischen Kirche in dem Gebiet. Von Lothar Schröder

Heße ist nach Beirut gereist, um sich vor Ort über die Aufnahme der Flüchtlinge zu informieren - in einem Land, das seit Beginn des Krieges in Syrien mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen hat – bei einer Bevölkerung von gut 4,6 Millionen Menschen. 

Im Libanon kommt auf vier Bewohnern ein Flüchtling. Das ist unvorstellbar für Deutschland. Wie schafft das der Libanon?

Heße Hier im Libanon existiert ein komplexes Netzwerk von zivilgesellschaftlichen und kirchlichen Hilfsorganisationen. Sie versorgen die Flüchtlinge mit Unterkünften und dem Lebensnotwendigen. Darüber hinaus sorgen sie für einen Zugang zu Bildung: Die meisten syrischen Kinder können zur Schule gehen. Hier ist aber ganz klar: Die meisten Flüchtlinge wollen zurück in ihre Heimat, sobald es die Lage zulässt.

Haben wir das Land und seine Situation zu wenig im Blick?

Heße Wir haben den gesamten Nahen und Mittleren Osten zu wenig im Blick. Nicht nur im Libanon, sondern auch in Jordanien und in der Türkei haben viele Menschen Zuflucht gefunden – nicht zu vergessen die Menschen, die als Binnenflüchtlinge immer noch in Syrien oder im Irak leben. Wir müssen – soweit das in unserer Macht steht – dafür Sorge tragen, dass alle diese Länder nicht überfordert werden, und dass die Hilfsorganisationen von der internationalen Staatengemeinschaft mit ausreichend finanziellen Mitteln ausgestattet werden.

Hat der Besuch der Lager Ihnen noch einmal eine neue Perspektive auf die gesamte Flüchtlingssituation gegeben?

Heße Über die Medien erreichen uns viele Bilder. Doch mit eigenen Augen zu sehen, unter welchen Bedingungen die Menschen hier teilweise seit drei Jahren leben, wie sie trotz fehlender Perspektiven nicht den Mut verlieren – das ist unvorstellbar. Ich habe sowohl mit Flüchtlingen als auch mit Vertretern von Hilfsorganisationen gesprochen. Dabei ist mir in völlig neuer Weise klar geworden, was es bedeutet, mit Diversität umzugehen und diese als Bereicherung für die Gesellschaft zu begreifen – und das in so einem fragilen Land wie dem Libanon. 

Wie lange werden wir uns denn hierzulande noch um die Aufnahme von verfolgten Menschen kümmern? Oder ist es ein trauriges Zeichen unserer Zeit, dem wir uns erst einmal - ohne absehbares Ende - stellen müssen?

Heße Wir werden uns solange um die Menschen kümmern, wie sie unsere Hilfe brauchen! Als katholische Kirche haben wir Verbindungen in alle diese Ländern und werden alles uns mögliche tun, um die Situation in den Ländern zu stabilisieren und Lebensperspektiven für alle Bevölkerungsgruppen zu schaffen. 

Wie gefährlich ist nach Ihrer Einschätzung die Lage der Christen in der Bekaa-Ebene - und wie groß ist die Bedrohung dort durch IS-Kämpfer?

Heße Das angrenzende Anti-Libanon-Gebirge wird vom libanesischen Militär und der Hizbollah kontrolliert und gesichert. Im Juni konnten IS-Attentäter nur in ein Dorf direkt hinter der syrisch-libanesischen Grenze eindringen. Die Menschen setzen sich mit allen Kräften dafür ein, dass die Gewalt und der Terror nicht auf das Land übergreifen. Dennoch: Der Krieg ist nahe. Die Explosionen der Bomben, die in Syrien Häuser und Dörfer zerstören, sind in der Bekaa-Ebene zu hören und zu sehen.

Zum Selbstschutz haben sich Christen auch mit der Hizbollah verbündet. Eine schwierige Partnerschaft? Oder kann daraus möglicherweise auch ein ungewöhnlicher Friedensweg für die Region erwachsen?

Heße Einen Frieden im Nahen Osten wird es nicht geben, wenn nicht alle relevanten Gruppen einbezogen werden – dazu gehört auch die Hizbollah.

Welche Einfluss haben nach 15 Jahren Bürgerkrieg die Christen noch im Land?

Heße Die Christen sind nach wie vor eine der wichtigsten konfessionellen Gruppen. Ihr Beitrag in den Bereichen Bildung, Gesundheit und soziale Fürsorge ist enorm – und darauf wollen auch die Muslime nicht verzichten. Die Christen sind der Garant dafür, dass der Libanon ein einmaliges pluralistisches und demokratisches Land im Nahen Osten bleibt.

An welches Ereignis oder welche Begegnung werden Sie sich auch nach der Rückkehr noch erinnern

Heße Zwei Dinge: Die strahlenden Augen der Flüchtlingskinder, die ich heute besucht habe. Und die Worte eines 70 Jahre alten muslimischen Syrers in einem Flüchtlingslager, der mir sagte, dass die Arbeit der Caritas für ihn das größte Geschenk in seiner jetzigen Situation ist.

Lothar Schröder führte das Gespräch

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