Demo gegen Stuttgart 21: Es blieb ruhig – bis 14.58 Uhr
VON ANDRÉ SCHAHIDI - zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 - 19:47Stuttgart (RP). Es ist 14.58 Uhr am Donnerstagnachmittag, als alles plötzlich ganz schnell geht. Auf dem Dach des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof taucht fast aus dem Nichts ein Spezialkommando der Polizei auf, die Beamten tragen Sturmhauben und volle Kampfmontur. Ihnen gegenüber stehen sieben Demonstranten, sechs Männer und eine Frau. Sie wollen verhindern, dass das Mega-Projekt "Stuttgart 21" Realität wird.
Sie hielten den Nordflügel des Bahnhofs besetzt, versuchten so, den Abriss des Gebäudes zu stoppen, der am Vortag begonnen hatte. Sie schienen sich sicher zu fühlen, dort auf dem Dach. Lasziv, fast provokativ, cremten sie sich in aller Öffentlichkeit mit Sonnencreme ein. Bis 14.58 Uhr.
Die Menge von knapp 600 Demonstranten am Boden tobt, es bricht lautes Geheule und Gepfeife los, als das Sondereinsatzkommando die Demonstranten, die Hände auf dem Rücken verschränkt, vom Dach schleppt. „Oben bleiben“, skandieren die Menschen im Chor. Eine Hundertschaft der Polizei marschiert im Eilschritt ein, stellt sich in einer Kette an die Absperrung, die Bauzaun und Protestierende von einander trennt.
Wut über die Polizeiaktion
In ihrer ersten Wut über die Polizeiaktion rennen viele der Menschen auf die Straße und blockieren den Verkehr. Andere Protestierende klettern über die Absperrung und werden von der Polizei zurück hinter das Gatter getragen.
Es herrscht eine tumultartige, explosive Stimmung, zumindest für ein paar Minuten, dort am Kurt-Georg-Kiesinger-Platz. Der Verkehr staut sich schon weit über die Kreuzungen hinaus, als einer der Demonstranten mit einem Megafon die Menge auf den Straßen zur Ordnung – und zurück an den Bauzaun – ruft. Es dürfte ein kluger Schritt gewesen sein, denn die Polizei wirkt inzwischen gereizt.
Seit Mittwoch war der friedliche Charakter der Demonstrationen gegen Stuttgart 21, das Mammutprojekt, durch das der Hauptbahnhof unter die Erde verlegt und um 90 Grad gedreht werden soll, zumindest in Teilen abhanden gekommen. Gegner des Projektes legten nach dem Beginn der Abrissarbeiten den Verkehr in der Innenstadt lahm, störten massiv den Bahnverkehr – und verschanzten sich oben auf dem Dach. Gut 24 Stunden hatte sich die Polizei das Schauspiel angesehen, ehe sie in ihrer konzentrierten Aktion losschlug.
Es war ein friedlicher Tag
Dabei war es bis 14.58 Uhr noch ein sonniger, friedlicher Tag, dort am Nordflügel. Nur ein paar Polizisten schützten den Bauzaun. Unten am Boden standen die Demonstranten, zum großen Teil Rentner. Selbst den Verkehr auf dem Bahnhofsparkplatz regeln die Demonstranten, es war ein ordentlicher Protest, typisch schwäbisch halt.
Die Menschen diskutierten. Mit sich selbst. Mit den Polizisten. Mit vermeintlichen Gegnern. Um Argumente geht es in diesem Streit schon seit einiger Zeit nicht mehr, es ist ein ideologisierter Kampf geworden: Für oder gegen Stuttgart 21 ist inzwischen eine Glaubens-, und keine Vernunftsfrage mehr.
Oben auf dem Dach kampierten die Aktivisten der „Parkschützer“. Sie hatten ein Transparent dabei, auf dem Oberbürgermeister Schuster als Brandstifter bezeichnet wurde, er möge doch bitte sofort aus dem Rathaus verschwinden. Und weil sie das Dach blockierten, ruhte auch der Kran, der noch am Mittwoch für einen Großprotest gesorgt hatte, als er damit begonnen hatte, das Gebäude des Nordflügels einzureißen. Es sieht aus, als hätte eine Rakete eingeschlagen, kratermäßig fehlen die Wände des denkmalgeschützten Gebäudes.
Viele Stuttgarter wirken fassungslos
Viele der Stuttgarter, die in diesen Stunden den Bahnhofsvorplatz bevölkern, wirken fassungslos. Nach so vielen Jahren ohne Taten war es am Mittwoch tatsächlich passiert: die Bagger waren angerückt und hatten damit begonnen, die Wände des Nordflügels, ihres Nordflügels, einzureißen. Sie hatten eine emotionale Bindung zu ihrem Hauptbahnhof aufgebaut, die Protestierenden.
Ärger schafft Abhängigkeit, und so sorgte „Stuttgart 21“, das Mammutprojekt, durch den der Hauptbahnhof gedreht und unter die Erde verlegt werden soll, tatsächlich dafür, dass eine breite Masse der Menschen in der Landeshauptstadt ihren Bahnhof, ein nicht gerade schöner, aber denkmalgeschützter Bau aus dem Jahre 1927, lieben gelernt haben.
"Man kann Demonstranten nicht so behandeln"
Die Stimmung wird nicht besser werden, jetzt, nach der Eskalation auf dem Nordflügel-Dach. Die kommunale Grünen-Politikerin Muhterem Aras steht zwischen den Demonstranten. Sie scheint den Tränen nahe. „Ich bin fassungslos“, sagt sie immer wieder, während die Menge die Trillerpfeifen sprechen lässt.
„Man kann friedliche Demonstranten, selbst wenn sie auf einem Dach sitzen, nicht so behandeln. So stelle ich mir den Krieg vor, aber nicht Deutschland.“ Aras befürchtet, dass die Stimmung noch mehr ins Negative kippen wird – ein Umstand, zu dem ihre Partei in Stuttgart maßgeblich beiträgt. Doch sie wird wahrscheinlich Recht behalten. Für Freitag ist am Abend eine Großdemo angesagt, mehrere Zehntausend Menschen werden erwartet.
Und weil das Dach des Nordflügels wieder frei ist, werden die Bagger bis dahin ganze Arbeit leisten. Es droht ein weiterer explosiver Nachmittag, dort, am Hauptbahnhof von 1927.
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